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INTEGRATION Meine zwei Familien

Was macht eine Deutsch-Türkin, die ihren Eltern beibringen muss, dass sie schwanger ist und nicht heiraten möchte? Wenn drei Generationen von Migranten im Familienalltag aufeinanderprallen, muss sich zeigen, ob die Verschmelzung von Kulturen gelingt. Ein Erfahrungsbericht. Von Hatice Akyün
Von Hatice Akyün
aus DER SPIEGEL 35/2008

Hatice Akyün, 39, Tochter einer türkischen Gastarbeiterfamilie, lebt seit 1972 in Deutschland und wuchs in Duisburg-Marxloh auf. Ihr Buch »Ali zum Dessert«, aus dem der SPIEGEL Auszüge druckt, erscheint diese Woche im Goldmann Verlag**.

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Wenn ich mal wieder nicht weiß, wer ich bin, und das geschieht immer wieder, dann setze ich mich vor dieses bräunlich-verblichene Foto und betrachte es, wie andere Leute ein Kunstwerk betrachten.

Eine Frau mit Kopftuch steht vor einer groben Steinwand. Sie hat ein energisches Gesicht, trägt lange Röcke übereinander. Auf dem einen Arm hält sie ein Kind, ein zweites steht neben ihr. Alle drei blicken ernst. Es wirkt wie ein Bild aus dem vorletzten Jahrhundert. Dabei ist es nicht einmal vierzig Jahre alt. Das Foto zeigt meine Mutter, meine ältere Schwester Gönül und mich.

Diese Aufnahme ist das Bild meines Lebens. In den langen Wochen, als ich darüber nachdachte, wie ich meinen Eltern meinen neuen Freund vorstellen sollte, saß ich häufig vor dem Foto und sprach zu meiner Mutter und zu meinem Vater. Und wie sollte ich ihnen erklären, dass ich schwanger war, aber nicht verheiratet?

Mein Großvater hat das Foto damals feierlich anfertigen lassen. Da es in unserem anatolischen Dorf keinen Fotografen gab, musste er die Pferde anschirren, und wir vier sind mit der Kutsche in den Nachbarort Gediz gefahren, etwa eine Stunde entfernt von Akpnar Köyü, dem Ort, in dem wir wohnten. Meine Mutter trug ihr schönstes Kleid, sie hatte sich ein neues Kopftuch umgebunden und uns Mädchen saubere Sachen angezogen, die Gesichter und Hände gewaschen.

Auf dem Bild kann man den Respekt erkennen, den wir vor diesem Moment hatten. Dieses Foto schickte mein Großvater meinem Vater nach Deutschland. Bis heute trägt er es in seiner Brieftasche.

Die Geschichte, die meine Mutter mir zu dem Bild erzählte, klang wie ein Märchen. Es war die Geschichte eines einfachen Ehepaares aus Akpnar Köyü. Der Mann ver-

ließ sein Dorf für ein besseres Leben. Seine Reise führte ihn nach Duisburg, in ein Bergwerk, und später holte er seine Ehefrau und seine zwei Kinder nach.

Wenn ich dieses Foto betrachte, überkommt mich oft der Wunsch, mit meiner Mutter über ihr Leben in Akpnar Köyü zu sprechen, das für wenige Jahre auch mein Leben war. Aber sie reagiert darauf meist unwillig. Dabei würde ich gern mehr darüber erfahren, wie sie sich fühlte, als sie nach Deutschland aufbrach, um meinem Vater zu folgen. Da war sie mit ihrem dritten Kind schwanger, meiner Schwester Fatma. Wenn sie mal darüber sprach, dann klang es so: »In Akpnar Köyü war die Spitze des Minaretts das Einzige, das in das Blau des Himmels stach. Nachts, wenn Fledermäuse mit ihren ausgebreiteten Flügeln lautlos um das Minarett schwebten, dann schien alles friedlich zu sein. Unser Dorf wurde umarmt von Weizenfeldern und war umwogen von Bächen.«

Ksmet, Schicksal, antwortete meine Mutter kurz, als ich sie fragte, warum sie meinem Vater in ein Land gefolgt war, dessen Namen sie bis heute nicht richtig aussprechen kann. Ksmet kommt bei ihr immer dann ins Spiel, wenn sie etwas nicht erklären kann. Für sie ist es eine höhere Macht, die ohne menschliches Zutun das Leben grundlegend beeinflusst. Über Ksmet wird nicht diskutiert. Basta. Das Wort basta kennt sie von ihrer italienischen Nachbarin in Duisburg.

Nachdem meine Mutter meinem Vater nach Duisburg gefolgt war, wuchsen wir Kinder in zwei Welten auf. Zu Hause wurde nur Türkisch gesprochen, und meine Eltern reden bis heute kaum Deutsch.

Als Kind wartete ich jeden Donnerstag darauf, dass der Bücherbus um die Ecke bog, damit ich mir Bücher ausleihen konnte. Ich hatte die Unterschrift meines Vaters gefälscht, um an den Ausweis zu kommen. Er wollte, dass wir den Koran lesen. Und ich habe gedacht, dass er vielleicht böse wird, wenn er sieht, dass mich andere Bücher mehr interessieren. Das war aber nicht so. Er lachte, als ich es ihm erzählte, und wollte wissen, wie ich es angestellt hatte, seine Unterschrift nachzumachen.

Heute ist die größte Sorge meines Vaters, dass ich jenseits der 35 bin und noch nicht verheiratet. Alle meine Schwestern sind es. Für meine Schwestern bin ich längst eine EKK, eine evde kalms kz, ein Mädchen, das niemand wollte. So nennen Türken jene Frauen, die noch nicht verheiratet sind und deren Alter die Höhe der Sommertemperatur an der Ägäisküste hat.

Fatma, die seit ihrer Hochzeit vor fünfzehn Jahren in der Türkei lebt, meinte, die definitiv letzte Chance, die mir noch bliebe, wäre eine Vernunftbeziehung. Mein Vater würde so etwas niemals zu seiner einzigen unverheirateten Tochter sagen. Er würde es ungefähr so ausdrücken: »Dilenciye hyar vermisler, egridir diye begenmemis - man gab dem Bettler eine Gurke, und weil sie krumm war, hat sie ihm nicht gefallen.« Was so viel bedeutet wie: »Warum haben wir dich nur so verwöhnt, du undankbares Geschöpf. Du wirst an jedem Mann etwas auszusetzen haben, die Situation ist hoffnungslos!«

Auch mein Vater, der nur das allerbeste Lammfleisch auf seinen Grill legt, hat seine Ansprüche an seinen Wunschschwiegersohn mit den Jahren nach unten korrigiert. Musste es vor fünfzehn Jahren in jedem Fall ein Türke und Muslim sein, so genügte vor zehn Jahren bereits ein Muslim, und weitere fünf Jahre später hätte er sich sogar mit einem deutschen Mann abgefunden.

Mein Vater betet seit Jahren, dass auch seine letzte ledige Tochter den passenden Mann findet. Im letzten Jahr hat er sogar ein Lamm für mich geopfert, damit dieser Wunsch in Erfüllung geht.

Türkische Eltern fangen gleich nach der Geburt ihrer Töchter an, eine große Kiste mit Aussteuer zu bestücken. Es gibt sogar ein eigenes türkisches Sprichwort für diese Tradition: »Kz besikte, çeyiz sandkta«, was so viel bedeutet wie: »Liegt das Mädchen in der Wiege, fülle die Truhe mit Aussteuer.« Der Inhalt dieser Truhe ist das Eigentum des Mädchens. Als junge Frau nimmt sie die Kiste in das Haus ihres zukünftigen Ehemannes mit.

Türkischen Eltern geht es immer nur um eine einzige Frage: Wann heiratet ihr? Sie sehen in der Freundin oder dem Freund sofort die zukünftige Ehefrau oder den Ehemann. Wenn man also beschließt, seinen Partner mit nach Hause zu bringen, kommt dies einer Entscheidung gleich. Und die ist endgültig. Das ist der Grund, warum die meisten türkischen Frauen und Männer ihren Partner vor ihren Familien zunächst einmal geheim halten.

Eine Eheschließung bedeutet in der türkischen Gesellschaft nicht nur, dass sich Mann und Frau vereinen, sondern es ist auch eine Verbindung zweier Familien. Ich habe es in der Vergangenheit so gehalten, dass ich meinen Freund zu Hause erst vorgestellt habe, wenn es mir - wenigstens in dieser Zeit - todernst mit ihm war. Leider war das nicht häufig der Fall. Seit meinem ersten Freund Stefan haben meine Eltern

keinen meiner Freunde mehr zu Gesicht bekommen.

Und dann traf ich Ali. Und ich wusste ziemlich schnell: Den werde ich meinen Eltern vorstellen, und er wird ihnen gefallen.

Mit Ali war es mir so todernst, dass ich schwanger wurde von ihm. Und das war das eigentliche Problem. Wenn meine Eltern erfahren würden, dass ich ein Kind von einem ihnen unbekannten Mann erwarte, würde das passieren, was ich eine Türken-Tragödie nenne. Meine Mutter würde sich auf den Kopf schlagen, sich die Haare raufen, mit den Fäusten gegen die Brust trommeln, »ach, ach, ach, ach« rufen, schimpfen, fluchen, mich verstoßen. Das ginge wochenlang so, und am Ende würde niemand mehr genau wissen, weswegen sie sich eigentlich aufgeregt hat. Mein Vater würde so lange nicht mehr mit mir reden, bis er irgendwann vergessen hätte, weswegen er mich eigentlich die letzten Wochen ignoriert hat.

Ali hatte ähnliche Sorgen. Seine Eltern warten, sagte er, seit vielen Jahren darauf, dass ihr einziger Sohn ihnen endlich eine Braut vorstellt. Er befürchtete aber, dass seine Mutter die Vorstellung, dass sie gleichzeitig Schwiegermutter und Großmutter werden würde, auch nicht verkraften könne.

Wie sollten wir es ihnen beibringen? Ksmet wollte es, dass seine und meine Eltern zur selben Zeit Urlaub in der Türkei machten. Wir beschlossen, ein Treffen mit den Eltern zu arrangieren und ihnen dabei zu sagen, dass ich ein Kind erwarte.

Anschließend führte ich ein langes Gespräch mit meiner Schwester Fatma. Von meiner Schwangerschaft erzählte ich nur ihr, meinen Eltern sollte sie bloß von Ali berichten und den Besuch seiner Familie ankündigen.

Ich hätte endlich einen Mann gefunden, sagte Fatma ihnen. Er sei gutaussehend, höflich und zuverlässig. Und dann sagte Fatma etwas, womit sie einen Eisberg zum Schmelzen hätte bringen können: »Baba, ich habe Ali auf einem Foto gesehen, und er sieht aus wie du als junger Mann.« Stille. »Ali und seine Familie sind in meinem Haus sehr willkommen«, meinte mein Vater nach einer Pause.

In Alis Familie brach Nervosität aus. Seine Mutter begann, auf der Suche nach passenden Geschenken für meine Eltern und mich, alle Geschäfte ihrer Heimat zu durchsuchen. Hatten wir nicht verabredet, dass es nur ein kurzer Besuch werden sollte, nur ein Kennenlernen? Es ist eine typische Eigenart türkischer Familien, sich nicht an solche Abmachungen zu halten. Und das nur deshalb, weil man vor anderen Türken nicht schlecht dastehen möchte.

Nichts ist schlimmer für eine moderne Frau als dieser gelbgoldene Schmuck, den es tonnenweise in türkischen Schmuckgeschäften gibt. Damit ich davon verschont bliebe, hatte ich Ali gebeten, seiner Mutter zu sagen, ich hätte eine Metallallergie.

Als Ali seiner Mutter sagte, wir hätten in Izmir nur ein unverbindliches Treffen unserer Familien geplant, glaubte sie ihm nicht. Er musste sich zwei Ringe aussuchen, damit wenigstens das Ewige-Liebe-Band zum Einsatz kommen konnte, ein rotes Hochzeitsband, das die Ringe eines frischverlobten türkischen Paares miteinander verbindet. Und seine Mutter bestand darauf, mir einen goldenen Armreif zu kaufen. »Ich werde meiner zukünftigen Schwiegertochter doch nicht mit leeren Händen gegenübertreten!« Sie ging wie selbstverständlich davon aus, dass wir heiraten würden.

Betritt man als Mann einer jungen Liebe das Haus der türkischen Freundin, gilt man als Eindringling und stößt zunächst auf Ablehnung. Nicht selten fragt man sich als Heiratsanwärter, wie es sein kann, dass die zukünftige Frau von dieser Familie abstammt; ob die Auserwählte später wohl auch so sein wird. Am besten ist, man sagt bei jeder Gelegenheit: »Die Griechen haben alles von den Türken gestohlen.« È

Unser Familientreffen begann furios, mein Vater stürmte auf Ali zu, umarmte ihn und schrie: »Willkommen, mein Sohn!« Ali erzählte mir später, er habe gespürt, wie glücklich mein Vater darüber war, dass ich einen Ali mitgebracht hatte und keinen Hans, keinen Deutschen.

Alis Vater sah meinem baba nicht unähnlich - wie ein gut in die Jahre gekommener Filmschauspieler mit silbergrauen Haaren. Er wirkte an der Seite seiner Frau sehr zurückhaltend. Auf ihre Ausführungen sagte er immer nur: »Ach so.«

Ich habe immer wieder die Beobachtung gemacht, dass deutsche Frauen ihre Ehemänner vorführen, türkische Frauen dagegen ihre Ehemänner führen. Bei meinen Eltern entscheidet meine Mutter, wann und in welcher Ausführung ein neues Möbelstück gekauft wird. Und ihre Begründung ist simpel: Schließlich sei sie ja den ganzen Tag zu Hause.

Unsere Eltern näherten sich einander zunächst vorsichtig an. Aber schon nach einer halben Stunde erzählten sie sich von ihren Pilgerreisen nach Mekka, diskutierten darüber, welche Düngemittel für den Gemüsegarten am besten seien und woran man gutes baklava erkennt.

Ich hatte gerade den letzten Löffel gegessen, da sagte Alis Onkel Sedat plötzlich: »Wir sind natürlich nicht ohne Grund gekommen.«

Er hatte den Satz kaum ausgesprochen, da griff Alis Mutter schon unter den Tisch und kramte mehrere Schachteln aus ihrer Handtasche. Sie holte zwei Ringe heraus, die mit dem Ewige-Liebe-Band verbunden waren. Sie griff sich Alis und meine Hand, stülpte uns schnell die Ringe über und warf sich anschließend meiner Mutter weinend in die Arme.

Sobald die Ringe übergestreift sind, ist man als Frau die Versprochene, eine Vorstufe der Verlobung. Am liebsten hätte ich Ali die Hochzeitsringe durch die Nase gezogen.

Ein paar Wochen später erzählten wir unseren Eltern am Telefon, dass wir ein Kind bekommen. Mein Vater sagte, er habe letzte Nacht geträumt, dass ich schwanger sei. Er freute sich auf sein neuntes Enkelkind. Alis Mutter hingegen verschlug es die Sprache, sie begann herumzurechnen. Was soll's, sagten wir, wir bekommen eben ein Sieben-Monats-Baby.

Meinem Vater war es mittlerweile nicht mehr wichtig, ob wir heirateten oder nicht. Er war einfach nur resigniert. Er sagte: »Die Reihenfolge stimmt bei euch sowieso nicht. Man heiratet zuerst und bekommt dann ein Kind. Jetzt ist es auch schon egal, ob ihr eine Hochzeit feiert oder nicht.«

Alis Familie allerdings war nicht so gelassen wie meine und versuchte, mich hartnäckig von den Vorzügen einer Hochzeitsfeier zu überzeugen. Ebru, Alis Schwester, versprach mir sogar ein Armani-Hochzeitskleid, wenn ich heiraten würde.

Als ich unsere Tochter zur Welt brachte, haben wir uns entschieden, sie »Merve Johanna« zu nennen und zweisprachig zu erziehen. Ich wundere mich immer wieder, wenn ich türkische Mütter in meinem Alter treffe, die die gleichen Fehler wie unsere Eltern machen und die nicht alles daransetzen, dass ihre Kinder Deutsch lernen. Viele tun dies aus Unwissenheit, andere aber auch aus Angst, dass ihre Kinder zu deutsch werden könnten.

Meine Eltern sind dagegen, dass wir Merve zweisprachig erziehen. Sie sagen, dass ihre Enkeltochter noch früh genug Deutsch lernt, dass in den ersten Jahren zunächst das Fundament für ihre Muttersprache gebildet werden sollte. Wenn ich ihnen entgegne, dass Merves Muttersprache Deutsch ist, werden sie böse und beschimpfen mich als »deutsche Mutter«. So nennen sie mich auch, wenn ich meine Tochter um Punkt acht ins Bett stecke. Meine Eltern und Schwestern sagen dann entsetzt: »Das arme deutsche Kind.«

Deutsch ist meine erste Sprache, aber dennoch muss ich gestehen, dass es mir schwerfällt, unserer Tochter deutsche Kosenamen zu geben. Es fällt mir leichter, mit ihr auf Türkisch zu schmusen. Vielleicht liegt es daran, dass ich türkische Kosenamen nie auf Deutsch gehört habe - abgesehen von »Schatz« und »meine kleine Dönertasche«. Deutsche Kosewörter wie »mein Schätzelein«, »du bist aber eine kleine Schnullerbacke«, »mein kleiner süßer Hosenscheißer«, »du kleines Mäuschen« und »du schnuckeliges Äffchen« klingen in meinen Ohren seltsam. Türken werden bei der Bekundung ihrer Zuneigung eher zu Kannibalen: »Birtanem, önce seni dilim dilim keserim, sonra ham ham yerim - meine Einzige, erst werde ich dich in Scheibchen schneiden und anschließend ham ham essen.«

Mein Bruder Mustafa ist kein Türke, vor dem man Angst haben müsste. Wirklich nicht. Wenn es so wäre, hätte ich ihn längst persönlich in die Türkei abgeschoben. Er ist im Bundeszentralregister eingetragen - aber nur deshalb, weil er Knöllchen auch nach etlichen Mahnungen nicht bezahlt hat. Bekommen hat er die Strafzettel, weil er bei Tag und ohne Nebel mit Nebelscheinwerfern gefahren ist. Mustafa gehört zu den Jungs, die ständig ihre Nebelscheinwerfer einschalten, damit sie mit ihren Autos mehr Beachtung finden.

Mustafa liebt es, auffällige Hemden zu tragen, am liebsten welche von Versace. Sie sehen aus wie Weihnachtstischdecken.

Mein Bruder findet so ein Hemd luxuriös, verführerisch und dekadent, auch wenn er diese Worte nicht benutzen würde. Er sagt: »Mein Hemd is voll porno.« Das Gegenteil von »voll porno« ist »voll schwul«.

Mustafa trägt sein Versace-Weihnachtshemd, an dem er die obersten drei Knöpfe geöffnet hat, damit man die Goldkette besser sehen kann, dazu eine eierschalenfarbene Bundfaltenhose, deren hellbrauner Gürtel perfekt auf seine Schuhe abgestimmt ist. »Das hat Lothar Matthäus gesagt, die Schuhe müssen zum Gürtel passen. Das is Gesetz.«

Als er uns das erste Mal besuchte, brach es aus ihm heraus: »Ey, der neue Schwager sieht aus wie Hans, und er redet auch wie Hans!«

Ich musste zugeben, dass sein Urteil irgendwie passte. Ali war durch seine Ordnungsliebe und Genauigkeit, seinen immerwährenden Fleiß und seine Zuverlässigkeit ein erstklassiger Hans mit türkischen Wurzeln. Erst als Mustafa feststellte, dass Ali für denselben Fußballverein, Galatasaray Istanbul, und die gleichen Autos schwärmte, begann er ihn zu akzeptieren. Ich nenne das türkischen Familienkommunismus: Jeder gehört irgendwie jedem, mein Freund muss auch meinem Bruder gefallen.

Ich habe mir fest vorgenommen, dass unsere Tochter später nicht unter einer Gemeinschaft ohne eigenen Freiraum leiden soll. Schritt für Schritt möchte ich aus dem türkischen Kollektiv eine deutsche Kleinfamilie machen.

Ali und ich werden Weihnachten in diesem Jahr das erste Mal nicht bei unseren deutschen Freunden feiern, sondern bei uns zu Hause. Mit unserer Tochter. Wir werden einen Tannenbaum kaufen, ihn gemeinsam schmücken, Geschenke einpacken, und ich werde sogar eine große Gans braten.

Neben der Gans werde ich jedoch auch einen Kartoffelsalat zubereiten und dazu Würstchen servieren. Ja, Würstchen! Ich hoffe, dass ich mit dieser Aussage nicht auf der Todesliste von irgendwelchen Fanatikern lande. Aber ich habe als Kind sehr darunter gelitten, keine Würstchen essen zu dürfen. Auf Kindergeburtstagen bekam ich regelmäßig ein Hühnerbein auf meinen Teller.

Schon jetzt versucht meine Mutter, ihr »deutsches« Enkelkind immer wieder auf die türkische Seite zu ziehen. Neulich hat sie Merve mit einem ihrer türkischen Gerichte gefüttert, vermengt mit Joghurt. Eine ganze Knoblauchplantage hatte sie hineingegeben. Aber Merve wollte mehr davon. »Dich habe ich auch mit türkischem Essen aufgezogen. Ist es dir vielleicht nicht bekommen?«, sagte meine Mutter, als ich ihr den Teller aus der Hand reißen wollte.

Wenn ich vergleiche, wie meine Mutter mich erzogen hat und wie ich Merve erziehe, kommt es mir vor, als lägen Jahrhunderte dazwischen. Meiner Mutter war es wichtig, dass ich jederzeit zu Hause zurechtkomme. So wünscht sie sich das auch bei meiner Tochter. Es gibt da nur einen kleinen Unterschied. Wenn meine Mutter an ein Zuhause denkt, hat sie ihr anatolisches Dorf vor Augen. Wenn ich an mein und Merves Zuhause denke, habe ich die Duisburger Hochöfen und das Brandenburger Tor, habe Deutschland vor Augen. Das Gefühl, das ich für Duisburg empfinde, haben meine Eltern für ihr Dorf. Obwohl meine Eltern jeden Winkel von Duisburg kennen, besitzen sie dort keine Lieblingsecke, wie sie es in Akpnar Köyü haben. Nur im fernen Anatolien habe ich gesehen, wie meine Eltern Hand in Hand spazieren gingen.

Alis und meinen Eltern ist es schwergefallen, sich in der fremden Welt zurechtzufinden. Alis Vater hat sich an Michael Holm gehalten, »Tränen lügen nicht« war seine erste Schallplatte. Seine Lieblingssendung: die »Hitparade« im ZDF mit Dieter Thomas Heck. Das Lieblingslied von Alis Mutter: Marianne Rosenbergs »Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür«.

Auch mein Vater hatte eine westliche Welt. Zu ihr gehörte die »Tagesschau«. Obwohl er nicht viel verstand, schaute er sie jeden Abend. Und wenn die blonde Ansagerin Hanni Vanhaiden auf dem Schirm war, wurde er ganz ruhig und lächelte sie an. Ähnlich verehrte er die Lottofee Karin Tietze-Ludwig, aber weil er ihren Namen nicht aussprechen konnte, nannte er sie einfach Susanne. Das hört sich so ähnlich an wie Zusatzzahl. Heute hat sich das leider geändert. Seitdem meine Eltern auf dem Dach ihres Hauses eine Satellitenschüssel anbringen ließen, schauen sie nur noch türkisches Fernsehen.

Wenn wir als Kinder in die Türkei fuhren, waren wir nur in unserem Dorf. Vor Freude über unseren Besuch schlachtete mein Großvater ein Lamm. Das war eine ganz andere, eine archaische Welt, die in mir immer noch zu Hause ist, die ich spüre, wenn ich vor dem bräunlich-verblichenem Foto aus meiner Kindheit sitze und meiner Mutter und mir ins Gesicht schaue. Was hatte mein Vater meiner Mutter versprochen, als er sich am Tag meiner Geburt auf den Weg nach Deutschland machte? Er sagte ihr, er würde nur so lang bleiben, bis er das Geld für ein Ziegelsteinhaus zusammenhätte.

Meine Mutter hat sich nur für ihre Kinder interessiert. Sie hat sie betreut und aufgezogen. Niemals hätte sie uns in fremde Hände gegeben, niemals zu einer Tagesmutter oder in einen Kindergarten. Meine Eltern haben sich auch nie über Politik unterhalten. Sie sprachen und sprechen in erster Linie über ihre Familie, ihre Nachkommen. Mein Vater liebt seine Moschee, er hat seine Gebete, und meine Mutter ihre Kinder und ihre Küche - das macht sie beide glücklich.

Merve hat jetzt eine Nanny und wird später in den Kindergarten gehen. Merve wird kein Kopftuch tragen und nicht fasten müssen. In Zukunft werden Weihnachtsmann, Osterhase und Nikolaus auch bei uns zu Hause ein und aus gehen. Und wenn meine Tochter ihre Geschenke auspacken möchte, singen wir vorher ein türkisches Kinderlied oder tanzen zu türkischer Musik. Und vielleicht kommt irgendwann einmal eine Zeit, in der sich nicht nur meine deutschen Freunde bei uns erkundigen, ob wir Weihnachten feiern, sondern in der ich sie frage: »Wie begeht ihr eigentlich in diesem Jahr das Ende des Ramadan, das Zuckerfest?«

* Mit ihrem Lebensgefährten Ali und Tochter Merve. ** Hatice Akyün: »Ali zum Dessert - Leben in einer neuen Welt«. Goldmann Verlag, München; 224 Seiten; 17,95 Euro. * Mit ihren Töchtern Gönül und Hatice.

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