SPIEGEL ONLINE

Massenpanik in Mina Pilgerfahrt in den Tod

Die Katastrophe in Mina ist das schlimmste Unglück bei der Pilgerreise Hadsch seit 25 Jahren. Wie es zu der Massenpanik mit mehr als 700 Toten kam, ist unklar. Saudi-Arabien gibt den Pilgern die Schuld.

Für die Pilgerreise Hadsch machen sich jedes Jahr rund drei Millionen Muslime aus der ganzen Welt nach Mekka in Saudi-Arabien auf. Es ist die Reise ihres Lebens. Der Hadsch gehört zu den fünf Säulen des Islam. Jeder gläubige Muslim, der gesund ist und es sich leisten kann, soll einmal in seinem Leben in die heilige Stadt pilgern. Nachdem es jahrelang vergleichsweise wenig Probleme gab, endete nun für Hunderte Pilger die Reise tödlich.

Mehr als 700 Menschen starben am Donnerstag vor den Toren Mekkas, irgendwo im Gedränge im Tal Mina. Mehr als 850 Pilger wurden verletzt, wie die saudische Zivilverteidigung mitteilte. Bundespräsident Joachim Gauck und Außenminister Frank-Walter Steinmeier sprachen Saudi-Arabien bereits ihr Mitgefühl aus.

Das kleine Tal von Mina ist rund drei mal drei Kilometer groß. Wenig Platz für die vielen Pilger. Was genau geschah, ist noch unklar. Den saudischen Behörden zufolge habe es an einer Straßenkreuzung Stau gegeben. Dann sei eine Massenpanik ausgebrochen. Mehr Informationen gibt es von Behördenseite nicht. Korrespondenten und Aktivisten berichten jedoch, dass zwei entgegengesetzte Pilgerströme an einer Kreuzung aufeinandergetroffen seien und Menschen zu Boden stürzten.

Auch Iran hat Saudi-Arabien schwere Vorwürfe gemacht. Die Behörden hätten Fehler bei den Sicherheitsvorkehrungen gemacht und einen Weg in Mina einfach gesperrt. Unter den Toten sind mindestens 43 Iraner.

Sollbruchstelle Dschamarat-Brücke

Die Reise beginnt für viele Pilger am Flughafen von Dschidda am Roten Meer. Von dort führt ihr Weg sie nach Mina. Dort campieren die Gläubigen zu Tausenden in Zelten, in den frühen Morgenstunden wandern sie weiter zum Berg Arafat, auf dem der Religionsgründer Mohammed im Jahr 632 nach Christus seine letzte Predigt gehalten haben soll.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Es geht weiter nach Muzdalifa, wo die Pilger im Freien übernachten. Sie sammeln dort kleine Kieselsteine und tragen sie am dritten Tag zurück nach Mina. Dort treten sie auf die Dschamarat-Brücke, wo sie die Kieselsteine auf drei Teufelssäulen werfen. 49 Steinchen sind es insgesamt.

Die Brücke war lange die Sollbruchstelle der Pilgerfahrt. Dichtes Gedränge, verirrte Kiesel und hektische Bewegungen endeten immer wieder in Massenpaniken mit vielen Toten. Vor allem in den Neunzigern starben im Gedränge immer wieder Hunderte Menschen. Das schlimmste Unglück ereignete sich 1990, als 1400 Menschen das Leben verloren. Damals war ein Fußgängertunnel von Mekka nach Mina überfüllt. Es wurde unruhig unter den Pilgern, schließlich brach Panik aus.

Die saudische Regierung hat sich seit 2006 bemüht, eine sicherere Infrastruktur zu schaffen. Die Pilger sollten besser gelenkt werden, das Steineschmeißen an der Brücke geordneter ablaufen. Ein internationales Expertenteam arbeitete ein komplexes Konzept aus. Einbahnstraßen statt wuseligem Durcheinander - so sollte vermieden werden, dass die Gläubigen sich kreuz und quer bewegten und so Wege verstopften.

Die alte Dschamarat-Brücke wurde abgerissen, eine neue, fünfstöckige errichtet. Den saudischen Behörden zufolge sollen bis zu einer halbe Million Menschen pro Stunde die Etagen durchqueren können.

Außerdem werteten die Experten Videomaterial des Hadsch-Unglücks von 2006 aus, bei dem 364 Menschen starben. Das Ergebnis: 20 Minuten vor der Katastrophe erkannten sie in der Menge eine Veränderung. Die Leute strömten nicht mehr flüssig durch die Straßen, sondern bewegten sich ruckartig. Risse entstanden zwischen Menschenblöcken, Pilger stürzten zu Boden.

Wie konnte es trotz der milliardenteuren Neuerungen zu der Katastrophe kommen? Die saudi-arabische Regierung gibt nun den Pilgern die Schuld, das Unglück sei auf deren angeblich fehlende Disziplin zurückzuführen. "Wenn die Pilger die Anweisungen befolgt hätten, dann hätte man diese Art Unglück vermeiden können", sagte der Gesundheitsminister des Landes, Khalid Al-Falih, im staatlichen Fernsehen. Zahlreiche Pilger würden sich "in Bewegung setzen, ohne die Uhrzeiten zu respektieren", die ihnen von den Verantwortlichen zur Organisation des Pilgerereignisses vorgegeben werden. Das sei der "Hauptgrund" für das Unglück.

gam/AFP
Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.