Massenpanik in Mekka "Wer einmal zu Boden ging, kam nicht wieder hoch"

Die Überlebenden der Massenpanik in Mekka schildern chaotische Zustände und machen Saudi-Arabiens Behörden für das Unglück mitverantwortlich. Das Herrscherhaus weist die Vorwürfe zurück - denn sie untergraben die Autorität des Königs.

AP/dpa

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Saudi-Arabiens König Salman ist nicht einfach nur ein Monarch, er ist "Hüter der beiden heiligen Stätten", so lautet der offizielle Titel des Staatsoberhaupts. Gemeint sind Mekka und Medina, die beiden Wüstenorte, in denen vor 1400 Jahren der islamische Prophet Mohammed wirkte.

Als "Hüter der beiden heiligen Stätten" ist Salman verantwortlich für den reibungslosen Ablauf der alljährlichen Pilgerfahrt Hadsch, daraus zieht der König seine Legitimation und seinen Führungsanspruch in der islamischen Welt.

In diesem Jahr sind Hunderte Muslime auf der Reise nach Mekka ums Leben gekommen. Bei einer Massenpanik sind am Donnerstag nach offiziellen Angaben 719 Menschen getötet und 863 weitere verletzt worden.

Das Unglück ereignete sich am Morgen in der Zeltstadt im Tal von Mina. Dort übernachten die Pilger und machen sich dann über mehrere Brücken auf den Weg zu den Dschamarat-Säulen. Sie bewerfen die Stelen, die den Teufel symbolisieren sollen, mit Kieselsteinen. Um zu verhindern, dass die rund zwei Millionen Pilger gleichzeitig an einen Ort strömen, hat das Hadsch-Ministerium in Saudi-Arabien verschiedenen Pilgergruppen bestimmte Zeiten zugewiesen, an denen sie sich auf den Weg zu den Teufelssäulen machen sollen. Doch an diesem Donnerstag ist dabei aus ungeklärter Ursache ein tödliches Unglück passiert.

Vorwürfe an die saudi-arabischen Behörden

Am Rande der Zeltstadt von Mina stießen an der Kreuzung der Straßen 204 und 223 zwei Pilgerströme mit Tausenden Menschen aufeinander. Laut Augenzeugen war die eine Gruppe gerade auf dem Weg zu den Teufelssäulen, als sie auf eine Menge stieß, die gerade von dort zurückkehrte.

"Alles war sehr chaotisch und plötzlich gingen Menschen zu Boden", schilderte BBC-Reporterin Tchima Illa Issoufou die Situation. "Die Leute stiegen einfach über die Menschen, die am Boden lagen. So kamen viele ums Leben." Die Pilger hätten um Hilfe gerufen, allerdings hätten die Sicherheitskräfte nicht reagiert, kritisierte Issoufou. "Jeder schien auf sich allein gestellt."

Die Stationen des Hadsch
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Die Stationen des Hadsch

Ähnlich äußerte sich der Pilger Hassan Mahmoud gegenüber dem arabischen Fernsehsender Al Jazeera. "Wer einmal zu Boden ging, kam nicht wieder hoch. Es gab keine Hilfe."

Der Überlebende Abdulrahman sagte dem "Guardian", die Sicherheitskräfte hätten die Pilger sogar daran gehindert, aus dem Gedränge in die Zeltstadt zu fliehen. "Sie haben niemanden hereingelassen, das hat die katastrophale Lage verschlimmert." Außerdem habe es zu wenige Notausgänge gegeben, durch die Flüchtlinge von der überfüllten Straße hätten flüchten können.

König Salman hat eine Untersuchung des Vorfalls angeordnet. Doch einer seiner wichtigsten Männer für die Organisation der Pilgerreise hat die Verantwortung des saudischen Staats schon wenige Stunden nach der Katastrophe bestritten. "Einige Pilger aus afrikanischen Ländern" hätten das Gedränge verursacht, sagte Prinz Khalid Al-Faisal, Chef des saudischen Hadsch-Komitees. Auch Gesundheitsminister Khalid Al-Falih machte die Pilger selbst verantwortlich, die sich nicht an Anweisungen der Sicherheitskräfte und des Hadsch-Ministeriums gehalten hätten.

Doch manche Pilger machen das Königshaus für das tödliche Gedränge mitverantwortlich. Weil Mitglieder der Herrscherfamilie die Pilgerstätten ungestört besuchen wollten, seien die Pilger stundenlang aufgehalten worden. Dann seien plötzlich Tausende auf einmal in Richtung der Teufelsstelen geströmt, wodurch die Katastrophe mitausgelöst wurde.

Für Muslime ist es die Reise des Lebens

Es ist das folgenschwerste Unglück beim Hadsch seit 25 Jahren. 1990 waren mehr als 1400 Menschen bei einer Massenpanik ums Leben gekommen. Seither hat Saudi-Arabien Milliarden investiert, um die Wallfahrt nach Mekka sicherer zu machen und der stetig steigenden Zahl der Pilger Herr zu werden.

1920 pilgerten nach offiziellen Angaben weniger als 60.000 Menschen in die Stadt, inzwischen sind es rund zwei Millionen Menschen, die sich jedes Jahr an den fünf Hadsch-Tagen in Mekka drängen.

Die Pilgerfahrt ist eine der fünf Glaubenspflichten im Islam, jeder Muslim soll einmal im Leben nach Mekka pilgern. 1,6 Milliarden Muslime gibt es auf der Welt, nur etwas mehr als 0,1 Prozent von ihnen können pro Jahr am Hadsch teilnehmen. Für jene, die es nach Mekka schaffen, ist es die Reise ihres Lebens. Oft mussten sie Jahre auf die Pilgerfahrt warten, viele sind alt und geschwächt, sind es nicht gewohnt, sich inmitten von Millionen anderen Menschen aufzuhalten. Diese Faktoren tragen zu den wiederkehrenden Unglücken in Mekka bei.

Jahrhundertelang war die Reise in die Geburtsstadt des Propheten Mohammed der gefährlichste Teil des Hadsch. Wochenlang zogen die Pilgergruppen in Karawanen durch die Wüste, tagsüber brannte die Sonne am Himmel, nachts wurde es bitterkalt. Wegelagerer lauerten den Gläubigen auf und raubten sie aus. Zehntausende kamen dabei im Laufe der Jahrhunderte ums Leben. Im Zeitalter der Flugzeuge ist die Anreise leicht geworden. Nun lauert die Gefahr in Mekka selbst.

Im Video: Die Katastrophe bei der Hadsch

REUTERS



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