Gleichberechtigung Warum eine Frau dafür kämpft, in den Bach springen zu dürfen

Das Fischen im Stadtbach gilt in Memmingen als „Nationalfeiertag“. Jetzt will eine Frau mitmischen. Ein Gericht muss nun über die Frage entscheiden, was schwerer wiegt: Tradition oder Gleichberechtigung?
Memminger Fischertag (Archiv): Wer die größte Forelle fängt, wird König

Memminger Fischertag (Archiv): Wer die größte Forelle fängt, wird König

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa

Die Liste der Memminger Fischerkönige ist lang, sie reicht zurück bis ins Jahr 1891. Damals siegte Ludwig Schäffler, genannt "Ludwig I.". Auf ihn folgten "Albert I.", "Karl III.", und schließlich, im Jahr 2019, Walter Gröner, "Walter IV., der Taucher". Die Tradition, sie wiegt schwer in der bayerischen Stadt. Ein Eintrag auf der Liste bedeutet für viele Memminger die Erfüllung eines Kindheitstraums. Bis heute wird sie lückenlos fortgeführt.

Doch eines findet sich nicht auf der Liste: der Name einer Frau. Und das sorgt im Jahr 2020 für Streit.

Denn Frauen dürfen zwar Mitglied im Memminger Fischertagsverein werden - nicht aber am sogenannten Ausfischen des Stadtbachs teilnehmen, dem traditionellen Höhepunkt des Memminger Fischertags. Das bleibt den männlichen Stadtbewohnern vorbehalten.

Christine Renz hat sich zum Ziel gesetzt, das zu ändern. "Es hat mich immer schon geärgert, dass Frauen nicht Fischerkönig werden können", sagt Renz. Sie selbst stammt aus Memmingen, ist seit knapp 30 Jahren Mitglied im Verein - doch fischen darf sie nicht.

"Für viele ist es sehr wichtig, einen Fisch zu fangen"

"Für viele ist es sehr wichtig, einen Fisch zu fangen"

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa

Renz hat Klage beim Amtsgericht Memmingen eingereicht. Sie habe den Streit nicht vor Gericht austragen wollen, erzählt sie am Telefon. Doch am Ende habe sie keine andere Möglichkeit mehr gesehen.

Was wiegt mehr - Tradition oder Gleichberechtigung?

Der Konflikt um den Memminger Fischertag mag auf den ersten Blick wie eine Posse wirken. Doch die Frage, die dahinter steht, ist größer. Und sie bewegt nicht nur Memmingen. Was wiegt mehr - Tradition oder Gleichberechtigung?

Die Verfechter der Männertradition berufen sich auf das jahrhundertealte Brauchtum. Man lege eben großen Wert auf die "Detailtreue der Historie", sagt Michael Ruppert, 53, Erster Vorsitzender des Fischertagsvereins. Ruppert hat das Amt seit knapp 20 Jahren inne. Einen Wandel kann er sich kaum vorstellen - wie und ob es überhaupt mit dem Fischertag weitergeht, sollte die Klage Erfolg haben, kann er nicht sagen.

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Er finde es schade, erzählt er dann stattdessen, dass sein familienfreundlicher Verein so schlecht dargestellt würde, seitdem diese Sache in der Welt sei. Immerhin dürften Frauen ja Mitglied werden und seien auch sonst überall dabei - nur eben nicht beim Fischen.

Ob er verstehen könne, dass die Frauen mitmachen wollten? "Na ja, schon. Aber es gehen eben nicht immer alle Wünsche in Erfüllung. Das ist in meinem Leben ja nicht anders", sagt Ruppert.

"Ein geiles Gefühl"

Der Fischertag gilt den Bewohnern der bayerischen Stadt als höchster Festtag, von den kirchlichen Feiertagen einmal abgesehen. Wer verstehen möchte, welchen Wert das Fischen in ihrem Stadtbach für die Memminger hat, muss nur einen Blick auf die Zahlen werfen: Rund 40.000 Zuschauer zieht das Spektakel Jahr für Jahr an, in etwa so viele Einwohner hat die Stadt. Der Fischertagsverein, der das Volksfest ausrichtet, zählt 4500 Mitglieder, darunter der Oberbürgermeister sowie ein bedeutender Anteil des Stadtrats.

Angeblich ein Argument gegen Frauen im Bach: Man müsse sie vor dem dreckigen Wasser beschützen

Angeblich ein Argument gegen Frauen im Bach: Man müsse sie vor dem dreckigen Wasser beschützen

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa

Glaubt man den Erzählungen, die auch Ruppert gern weitergibt, reicht die Tradition des Memminger Fischertags bis ins Mittelalter zurück. Damals wurde der Stadtbach unter anderem zur Fäkalienentsorgung genutzt. Einmal im Jahr ließ man zu Reinigungszwecken das Wasser ab, vorher durften die Stadtbewohner die Forellen aus der Brühe fischen - immer schon sollen das Männer gewesen sein. Um die Aktion attraktiver zu gestalten, erklärten die Stadtobersten sie um die Jahrhundertwende zum Fest - und kürten einen König. Wer die dickste Forelle fängt, siegt.

In der Woche vor den Sommerferien beherrscht das Volksfest auch die Schlagzeilen der Lokalzeitungen. Dem Fischerkönig von 2015, Martin Ackel, "Martin II., der Baggermeister", widmete die "Allgäuer Zeitung" gleich eine mehrseitige Reportage. Es sei "ein geiles Gefühl", endlich Fischerkönig zu sein, wird Ackel zitiert.

In diesem Jahr fiel das Volksfest der Corona-Pandemie zum Opfer. Auf Videos der vergangenen Jahre lässt sich das Spektakel ansehen: Männer mit Keschern springen auf einen Böllerschuss hin ins Wasser und versuchen, einen Fisch zu erhaschen. Zuschauer feuern sie an und nehmen die gefangenen Forellen entgegen.

Nicht mehr zeitgemäß

"Für viele ist es sehr wichtig, einen Fisch zu fangen", sagt Christine Renz. Dass man den Frauen und Mädchen das nicht zutraue, empfindet sie als abwertend. "Was vermittelt man den Mädchen, wenn man ihnen sagt: Du darfst nicht mitmachen, weil du ein Mädle bisch?", fragt sie. Diese Ansicht sei schlicht nicht mehr zeitgemäß.

Sie habe schon die absurdesten Argumente dafür gehört, warum Frauen nicht mitfischen dürften, unter anderem: Man müsse sie vor dem dreckigen Wasser des Bachs beschützen.

Die Tradition wiegt schwer: Auf einen Böllerschuss hin springen die Fischer ins Wasser

Die Tradition wiegt schwer: Auf einen Böllerschuss hin springen die Fischer ins Wasser

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa

Zweimal reichte Renz einen Antrag auf Änderung der Vereinssatzung ein, zweimal wurde er abgeschmettert. Heute rede kaum noch jemand aus dem Verein mit ihr, sie sei eine Persona non grata, erzählt Renz. Ein Mitglied habe einen Antrag gestellt, damit sie keine Ehrungen für langjährige Mitgliedschaft mehr erhalte, ein anderes versuche, sie ganz aus dem Verein auszuschließen.

In Deutschland gibt es Hunderte Vereine, die das Geschlecht zur Voraussetzung der Teilnahme machen. Und immer wieder gibt es darüber Diskussionen. Im vergangenen Jahr wagte Finanzminister Olaf Scholz (SPD) einen Vorstoß: "Vereine, die grundsätzlich keine Frauen aufnehmen, sind aus meiner Sicht nicht gemeinnützig. Wer Frauen ausschließt, sollte keine Steuervorteile haben und Spendenquittungen ausstellen", sagte Scholz.

Das Finanzministerium erwog auch, Vereinen ihre Steuervorteile zu streichen, wenn sie sich politisch engagieren. Nach scharfer Kritik wurden die Pläne gestoppt. Geändert hat sich seitdem nicht viel. In Memmingen beharrt man weiterhin darauf, nur Männer in den Stadtbach springen zu lassen.

Das Urteil in der Sache soll Ende August fallen. Christine Renz hofft, im nächsten Jahr beim Fischen dabei sein zu können. Sie ist zuversichtlich. Und hofft, gleich auf Anhieb die dickste Forelle zu fangen.

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