Zur Ausgabe
Artikel 69 / 111
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Mensch, Deutschland

Ortstermin: Herbert Grönemeyer singt in Berlin, und ein Land singt mit.
aus DER SPIEGEL 49/2002

Er kommt die Treppe hoch, der Saal ist dunkel. Er singt, die Leute jubeln. Er guckt sie nicht an. Er geht über die Vorbühne, guckt immer noch nicht. Dann dreht er sich zum Publikum. Es schreit und tobt. Er tanzt jetzt. Er kann gar nicht tanzen, aber nie wurde einer, der nicht tanzen kann, für sein Tanzen so gefeiert.

Mensch, Grönemeyer.

Die Max-Schmeling-Halle in Berlin ist ausverkauft. Die ganze Hallen-Tournee war ausverkauft, innerhalb weniger Tage. Von seiner CD »Mensch« hat Herbert Grönemeyer bislang rund zwei Millionen Stück verkauft. Aber das ist nicht der eigentliche Erfolg. Grönemeyer hat für Deutschland eine neue Hymne geschaffen.

Das Publikum in der Max-Schmeling-Halle badet in Orange, in Gelb, in Rot, je nach Filter, vor den Scheinwerfern. Es schwoft, kreischt, klatscht. Aber es wartet auch. »Neuland«, rockig, sozialkritisch - aber deshalb ist man nicht gekommen. »Der Weg«, traurig, bewegend - aber deshalb ist man nicht gekommen. Jubel auch bei diesen Liedern - aber das ist wohl nur Aufwärmen.

Sechs Geigen, zwei Celli, drei Leinwände hinter der Bühne, ein Halbkreis als Vorbühne, Grönemeyers Rennbahn. Er rennt viel. Er rennt wie einer, der so richtig schnell nie rennen konnte. Er rennt, singt, redet, spielt auf dem Keyboard, tadelt seine Streicher. Die Halle wartet.

Dann, endlich, endlich, Synthesizer, Schlagzeug, Gitarre, Jubeltumult. Langes Vorspiel. Blaue Wolken auf den drei Leinwänden. Großes Gekreische, großes Winken. »Momentan ist richtig / momentan ist gut.« Grönemeyer singt, die Halle singt, Deutschland singt. »Nichts ist wirklich wichtig / nach der Ebbe kommt die Flut.«

Herbst 2002, der Deutsche entdeckt sich als Mensch. Er entdeckt sich in einem Lied, das »Mensch« heißt. 10 000 Leute in der Max-Schmeling-Halle singen von der ersten bis zur letzten Zeile mit, inbrünstig, beseelt, glücklich. Wir sind zwar nicht Fußball-Weltmeister wie 1954 geworden, wir sind auch nicht mehr die Macher eines Wirtschaftswunders, dafür aber diesmal und endlich wieder und hoffentlich für alle Zeiten: Menschen. Renaissance in Deutschland.

Selten hat ein Lied die Stimmungslage einer Nation so gut erfasst wie »Mensch« von Herbert Grönemeyer. Wahrscheinlich ist das ein Zufall, weil er wohl eher eine eigene Stimmung besingen wollte als die der Deutschen insgesamt: ein neuer Versuch in Fröhlichkeit und Leichtigkeit nach dem Tod seiner Frau.

Aber das Private Grönemeyers sieht die Nation nur in »Der Weg«. Da ist es still in der Max-Schmeling-Halle. Er steht am Keyboard, singt allein. »Habe dich sicher / in meiner Seele / trag dich bei mir / bis der Vorhang fällt.« Wunderkerzen. Gänsehaut. Tränen. Mitgefühl für Grönemeyer, aber auch Distanz zu »Der Weg«.

»Mensch« ist das Lied für alle, ist das Lied, auf das sich alle einigen können. Mit »Mensch« erreicht Grönemeyer Leute, die von Grönemeyer sonst nicht zu erreichen sind, die Rocker, die Hiphopper, die Techno-Kinder, die Verdianer, die Wagnerianer. Sie sind alle in die Max-Schmeling-Halle gekommen. Bunter war ein Publikum noch nie. Mensch sein kann jeder.

Seit einiger Zeit macht Deutschland einen neuen Versuch in Fröhlichkeit und Leichtigkeit. Es fing an mit einem Bundeskanzler Schröder, dessen fröhliche Oberflächlichkeit die Stimmung im Land mehr prägt als Joschka Fischers ewige Geschichtszerknirschung. Und jetzt gibt es das Lied dazu.

»Der Mensch heißt Mensch / weil er vergisst, weil er verdrängt«, singt Grönemeyer, und 10 000 Deutsche in der Max-Schmeling-Halle grölen mit. O je?

»Der Mensch heißt Mensch / weil er erinnert, weil er kämpft«, singt Grönemeyer, und 10 000 Deutsche grölen mit. So korrigiert er mal eben den Hauptirrtum der Walser-Debatte. Verdrängen und Erinnern schließen sich nicht aus, sondern sind Teile vom selben Lied. Und deshalb: »Es ist o. k. / alles auf dem Weg.«

In »Neuland« deklamiert Grönemeyer mit viel Pathos und Gefühl: »Ich mag dieses Land, ich mag die Menschen, ich mag nicht den Staat.« Großer Jubel.

Das ist nicht mehr Verfassungspatriotismus, das ist Vaterlandsliebe. Das Land ist schon o. k., hätte es nur bessere Politiker. Aber vielleicht kommen die ja eines Tages. Bis dahin lässt man sich die gute Laune nicht mehr verderben.

Beginnt also gar Deutschlands neue »Sonnenzeit, unbeschwert und frei«, »ungetrübt und leicht«? In der Max-Schmeling-Halle in Berlin sieht es ganz so aus. 10 000 Menschen freuen sich unbändig, »Mensch« zu sein, und feiern eines der schönsten Feste, das dieses Land seit langem gesehen hat.

Sie feiern einen Tänzer, der nicht tanzen kann. Sie feiern einen Star, der ein Junge aus Bochum geblieben ist. Sie feiern einen Mann, den das Schicksal hart getroffen hat und der sich aufrafft und weitermacht. Sie feiern sich, den Menschen. DIRK KURBJUWEIT

Zur Ausgabe
Artikel 69 / 111
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.