Menschenfresser-Mord Die Hexe und der Kannibale

Rotenburg im Griff des Okkultismus: Seit vergangener Woche ist die Stadt zum Synonym für den Menschenfresser-Mord geworden. Jetzt stellte sich heraus, dass der Verdächtige jahrelang in der Nähe einer selbst ernannten Hexe gelebt haben soll, die vor Jahren bereits einmal im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stand.


Armin M.: "Das Märchen von Hänsel und Gretel hat mich schon als Kind stark berührt"
DPA

Armin M.: "Das Märchen von Hänsel und Gretel hat mich schon als Kind stark berührt"

Rotenburg - Das "Hexenhaus" wurde das Anwesen von den Bewohnern des hessischen Städtchens immer genannt. Dort wohnte Ulla von Bernus, die Aufsehen erregte, als sie in einer ZDF-Sendung mal erklärte: "Ich töte, wenn Satan es befiehlt". Ihr Prinzip: Todesflüche gegen Geld, von 300 bis 10.000 Mark reichten die Honorarforderungen.

In einem Mordprozess von 1982 war sie als Zeugin geladen, weil die Beschuldigten angaben, bei ihr eine solche Verwünschung in Auftrag gegeben zu haben. Die beschworenen Geister, erklärte die selbsternannte Hexe damals, würden solche Aufträge bei passender Gelegenheit erledigen - einem Fußgänger Ziegel auf den Kopf werfen oder einen Autofahrer gegen den Baum lenken.

Das bescherte ihr den Titel "bekannteste Hexe Deutschlands", ein paar noch heute in der okkulten Gemeinde zitierte Veröffentlichungen zum Thema Hexerei - und eine Anzeige des damaligen Fernsehpfarrers Adolf Sommerauer. "Verwünschungen", so entschieden die Richter jedoch damals, sei ein "strafloses Wahndelikt". 1998 starb sie, von der Öffentlichkeit bereits wieder vergessen, in einem Altersheim und soll sich zuvor angeblich "der Kirche wieder angenähert" haben.

Tatort Rotenburg: Die Untersuchung des 47-Zimmer-großen Anwesens dauert an
DDP

Tatort Rotenburg: Die Untersuchung des 47-Zimmer-großen Anwesens dauert an

Jetzt steht Ulla von Bernus buchstäblich von den Toten wieder auf. Sie war nicht nur die Nachbarin von Armin M., dem Mann, der in seinem Haus einen Mann erst geschlachtet und dann teilweise verspeist haben soll - die Mutter Armins war mit der selbsternannten Hexe sogar gut befreundet. Der Junge soll im Hexenhaus ein- und ausgegangen sein, berichten mehrere Zeitungen. "Schlummerte eine Hexen-Saat in Armin?", fragen sich angeblich die Rotenburger. Zu verlockend sind die okkulten Parallelen zwischen dem Menschenfresser und der Satansbraut, zumal in einem Städtchen, das sich selbst als "romantische Fachwerkstadt mit mittelalterlichem Hexenturm" anpreist und mitten im hessischen Bergland liegt, das ja schon die Gebrüder Grimm zu ihren Volksmärchen inspirierte.

Ausgerechnet die Grimms brachte Armin bei seiner Vernehmung jetzt selbst in Spiel: "Das Märchen von Hänsel und Gretel hat mich schon als Kind stark berührt", zitiert "Bild" den mutmaßlichen Kannibalen. Man erinnere sich: Hänsel wird von einer Hexe gemästet, um verspeist zu werden.

Unterdessen läuft die Untersuchung des Anwesens von Armin M. weiter. Da das Haus, in dem der Verdächtige nach dem Tod seiner Mutter allein lebte, 47 Zimmer haben soll, wird sich die Spurensuche noch eine Zeit lang hinziehen. Nach Aussage der Polizei seien bisher aber keine Hinweise auf weitere Opfer des Kannibalen gefunden worden.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.