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09. April 2006, 16:40 Uhr

Merkel im Hochwassergebiet

"Außerordentlich bedrohlich"

Die Lage in den Hochwassergebieten entlang der Elbe bleibt angespannt. Angela Merkel machte sich heute vor Ort im überfluteten Hitzacker ein Bild von der Lage. Die Kanzlerin und Niedersachsens Ministerpräsident Wulff versprachen Soforthilfen.

Hitzacker - "Ich glaube, es ist gut, wenn man sich das vor Ort einmal anguckt", sagte Merkel (CDU) nach ihrer Ankunft im schwer von der Flut betroffenen Ort Hitzacker in Niedersachsen. Das Ausmaß der Verwüstungen wirke "außerordentlich bedrohlich". Begleitet wurde die Kanzlerin von Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU). Die beiden machten sich zunächst bei einem Hubschrauber-Rundflug ein Bild von der Lage. Danach wollte Merkel mit Betroffenen und Einsatzkräften sprechen. Merkel lobte den Einsatz der Helfer.

Merkel, Wulff in Hitzacker:  "Unbürokratisch helfen"
DPA

Merkel, Wulff in Hitzacker:  "Unbürokratisch helfen"

Wulff sagte den Betroffenen eine Soforthilfe von fünf Millionen Euro zu. Das Geld sei als Überbrückungshilfe gedacht. Außerdem werde es einen Erlass an die Finanzbehörden geben, dass Forderungen gestundet und Betroffenen Sonderabschreibungen gewährt würden. Merkel erklärte, der Bund werde in enger Abstimmung mit den Ländern ebenfalls helfen. Man wolle "gemeinsam und sehr unbürokratisch dafür sorgen, dass die Schäden in Grenzen gehalten werden können", sagte sie. Auch die Kanzlerin erwähnte die Möglichkeit steuerlicher Abschreibungen.

Im gesamten Überschwemmungsgebiet beteiligten sich Tausende am Kampf gegen die Wassermassen. Vordringlich war überall das Füllen von Sandsäcken, mit denen Deiche befestigt und Sickerstellen abgedichtet wurden. Die Bundeswehr hatte über 1600 Soldaten im Einsatz, weitere knapp 600 hielten sich am Sonntag in Bereitschaft. Hubschrauber mit Wärmebildkameras flogen die Deiche ab, um frühzeitig gefährdete Stellen zu entdecken. Für die niedersächsischen Kreise Lüchow-Dannenberg und Lüneburg galt auch am Sonntag noch Katastrophenalarm.

In Hitzacker steht die historische Altstadt vollständig unter Wasser. Aber auch in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern ist die Lage entlang der angeschwollenen Elbe weiterhin dramatisch. In Boizenburg in Mecklenburg-Vorpommern wurde ein Rekord gebrochen: Der Pegel lag bei 6,73 Metern - drei Zentimeter höher als der bisherige Höchststand aus dem Jahr 1895.

Die "Jahrhundertflut" ist längst überholt

In Hitzacker lag der Pegel am Abend bei 7,63 Meter. Auch dies ist ein historischer Höchststand. 1895 stand das Wasser dort 7,54 Meter hoch, bei der sogenannten Jahrhundertflut vor vier Jahren 7,51 Meter hoch. Fast alle Zufahrtsstraßen zu dem Ort sind gesperrt, Bewohner versuchen immer noch verzweifelt, ihre Besitztümer ins Trockene zu retten. Es gibt jedoch Hoffnung: "Wir gehen davon aus, dass der Scheitel erreicht ist", sagte eine Sprecherin der Stadt am Sonntag. Das Wasser werde vermutlich noch einen Tag lang stehen und dann langsam absinken. Dies werde zehn bis zwölf Tage dauern.

Im Landkreis Lüchow-Dannenberg sind Tausende Helfer im Einsatz, unter ihnen einige hundert Bundeswerhrsoldaten. "Wir hätten nicht gedacht, dass es uns nach der Jahrhundertflut wieder so hart treffen würde", sagte ein Bewohner.

In Lauenburg stand das Wasser am 9,10 Meter hoch. Auch dort ist damit ist die Höchstmarke der Jahrhundertflut 2002 übertroffen worden - um 37 Zentimeter. Das Wasser kann aufgrund starken Westwindes zudem schlecht abfließen. Man hofft nun, dass der Scheitelpunkt bald erreicht ist. Das Wasser stieg nur noch langsam. Die Behörden gehen davon aus, dass der Pegel nicht über 9,20 Meter klettert. Die Stadtverwaltung berichtete von zunehmenden Problemen bei der Stromversorgung und beim Abwasser. Ausweichquartiere nehmen die Bewohner von über 100 überfluteten Häusern auf. Ein Hotel wurde wegen möglicher Einsturzgefahr geräumt.

Wann sinken die Pegelstände endlich?

In Mecklenburg stabilisierte sich die Lage bis Sonntagmorgen etwas. In Teilen Brandenburgs dagegen blieb sie angespannt. Im südbrandenburgischen Mühlberg gilt aber seit Samstagabend kein Katastrophenalarm mehr. Dort sinkt der Wasserstand der Elbe nach Angaben des Landesumweltamtes weiter. Auch an Oder und Havel sei die Lage stabil, hieß es. Der Pegel in Wittenberge verharrt schon seit Tagen auf hohem Niveau und lag am Sonntag bei 7,16 Meter. "Wir rechnen damit, dass das Wasser erst in zwei Tagen sinkt", sagte Christel Spenn vom Katastrophenstab in Perleberg.

Kritisch war die Situation am Rühstedter Bogen bei Bälow, wo die Elbe einer scharfen Kurve folgt. Nach Angaben des Brandenburger Umweltministeriums hatte dort angespültes Treibgut mehrere Löcher in einen Damm gerissen. Die darüber führende Landstraße wurde daraufhin gesperrt. Die Löcher seien inzwischen jedoch mit schwerem Gerät geschlossen worden. Mehr als 1000 Helfer waren im Einsatz.

Im Landkreis Wittenberg in Sachsen-Anhalt stabilisierte sich die Lage in den Hochwassergebieten weiter. Am Sonntag wurde der Katastrophenalarm für die Region aufgehoben, teilte der Kreis mit. Am Sonntagnachmittag zeigte der Pegel in Dresden einen Wasserstand von 5,91 Metern und damit anderthalb Meter weniger als beim Höhepunkt der Flut.

Umweltschützer warnen und kritisieren

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace geht davon aus, dass extreme Wasserstände der Elbe zunehmen werden. "Das gilt nicht nur für Hochwasser. Trockenere und heißere Sommer werden auch dazu führen, dass der Fluss erheblich weniger Wasser führen wird", sagte Karsten Smid, Klimaexperte von Greenpeace, am Sonntag. Viele Landesregierungen hätten den Ernst der Lage und die Schnelligkeit nicht erkannt, mit der der Klimawandel fortschreite. Das erneute Jahrhunderthochwasser in Norddeutschland entspreche den von Wissenschaftlern vorausgesagten Szenarien des Klimawandels. Auch die Hochwasser-Expertin des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Doris Eberhardt, kritisierte: "Aus der Flut 2002 ist zuwenig gelernt worden."

Der parlamentarische Staatssekretär im Umweltministerium, Michael Müller (SPD), hielt den Ländern vor, sie hätten beim neuen Hochwasserschutzgesetz den vorbeugenden Hochwasserschutz behindert.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) forderte von der EU ein koordiniertes Vorgehen. Die europäischen Nachbarn müssten ihren Hochwasserschutz besser abstimmen, sagte er bei einem Besuch von Deichrückbauprojekten in der Prignitz.

cis/ddp/AP/dpa/AFP

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