Zur Ausgabe
Artikel 30 / 99
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Merkels Hirn

Ortstermin: In Berlin lässt sich die CDU-Vorsitzende zum 50. Geburtstag ihr Innerstes erklären.
aus DER SPIEGEL 31/2004

Das Foyer der CDU-Zentrale ist ein heller, hohler Raum, in dem schon viele Dinge passiert sind. Unter anderem feierte hier Edmund Stoiber nach den ersten Hochrechnungen der letzten Bundestagswahl seine Kanzlerschaft. Heute sieht man an dieser Stelle das Gehirn einer Schnecke. Es ist auf einen Monitor projiziert. Daneben leuchtet das Hirn eines Menschen. Es ist die Geburtstagsfeier der Vorsitzenden Angela Merkel.

»Was die Schnecke über die Welt gelernt hat, ist auch unser Wissen«, sagt Professor Wolf Singer, der neben dem Monitor steht und einen Vortrag hält. Singer ist Hirnforscher, ein Mann mit dichten Augenbrauen und vielen bunten Löwen auf der Krawatte. Angela Merkel hat ihn sich von ihrer Partei zum 50. Geburtstag gewünscht.

Der Unterschied zwischen Schneckenhirn und Menschenhirn sei, so sagt der Professor dann, nur ein gradueller: »Es gibt mehr Masse vom Gleichen, aber es gibt keine neuen Strukturen.«

Laurenz Meyer guckt ungläubig. Schneckenhirn. Der Generalsekretär sitzt rechts neben Angela Merkel. In seiner eigenen Ansprache kurz zuvor hatte Hirnleistung noch etwas zu tun mit CDs und Waschmaschinen. Nichts mit Schnecken.

Angela Merkel kneift die Augen zusammen. Sie ist sehr konzentriert. Laurenz Meyer hätte ihr lieber die Patenschaft für einen hundertjährigen Olivenbaum geschenkt.

Der Professor zeigt mit langen Fingern auf die Schnecke und entfaltet nun seine Theorie. Im menschlichen Hirn, sagt er, gibt es kein Zentrum, keinen Dirigenten, der für Entscheidungen zuständig ist. Wenn der Mensch meint, er sei frei, dann irrt er, dann sitzt er einer Illusion auf. Alles, was er denkt, fühlt, macht, nicht macht, wird gesteuert von Neuronen. Sie schwirren durchs Hirn und machen, was sie wollen. Das Hirn ist keine Werkstatt des Ichs, sondern ein physikochemisches Labor.

Der Mensch, die Krönung der Schöpfung, ein Büttel der Neuronen.

Man kann nichts für das, was passiert. Im Leben, in der Liebe, in der Politik.

Angela Merkel lächelt.

»Das nächste Bild bitte«, sagt Professor Singer. Auf der Wand erscheint ein Knäuel aus Knoten und Strichen. Es handle sich um Messungen im Inneren eines Katzenhirns. »Sie müssen sich jetzt nicht jedes Detail merken«, sagt Singer. Guido Westerwelle schreibt alles mit.

Der Vortrag heißt: »Das Gehirn, ein komplexes System ohne Dirigenten. Konsequenzen für unser Selbstbild.« Und die Frage ist, warum sich Angela Merkel so etwas gewünscht hat. Edmund Stoiber vermutet eine politische Botschaft.

»Nächstes Bild bitte.«

Laurenz Meyer ist eingenickt. Die Neuronen, es musste so sein.

Der Professor ist bei René Descartes angekommen. »Cogito, ergo sum«, ich denke, also bin ich. »Es ist völlig anders, das wissen wir heute«, sagt Singer, der in der Welt der Naturwissenschaft hoch angesehen ist.

Er vertritt den neurobiologischen Monismus, manche behaupten, seine Lehre sei fortschrittlich. Wahrscheinlich ist er auch deshalb bei der CDU.

»Nächstes Bild bitte.«

Auf der Wand tanzen lustige Figuren umher, ohne Zusammenhang, ohne Zentrum. Das sind die Neuronen. Man sieht: Wir sind nicht frei.

Professor Singer guckt auf die Uhr, es gibt kein nächstes Bild mehr, alles ist besprochen, Schnecken, Katzen, Affen, Hunde, Descartes, er muss zum Ende kommen. »Nichts ist prognostizierbar. Wir wissen nicht, was in fünf Jahren sein wird.«

Westerwelle zuckt, Merkel bleibt ganz ruhig.

»Wir müssen uns begreifen als Teile eines evolutionären Prozesses, den wir nicht lenken können. Wir müssen Irrtum als Notwendigkeit verstehen. Es kann keine übergeordnete Intelligenz geben. Wir müssen uns von der Utopie der Planbarkeit der Zukunft verabschieden. Wir müssen die Einsicht in diese Begrenzungen aushalten.«

Angela Merkel klatscht engagiert. Die Augen sind nicht mehr zusammengekniffen, das Gesicht entspannt sich wie bei einer Massage. Sie hat so viel Verantwortung, aber sie ist aus allem raus. Der Mensch Merkel kann nichts für das, was er tut, auch nichts für seine Irrtümer. Bush, Irak-Krieg, Köhler, Kopfpauschale, alles Sache der Neuronen.

Sie ist die Vorsitzende der Christlich Demokratischen Union, aber ihre Zukunft liegt nicht in der Hand Gottes, der dem Menschen die Freiheit schenkte. Sie ist womöglich bald Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, aber sie ist ohne Furcht. Eine mächtige Frau, geborgen im Neuron. Niemand hat mehr Macht als das Neuron.

Die Herren von der Union gehen langsam ans Büfett. Sie essen Rollmöpse und reden über Synapsen. Sie fragen sich, was ihnen die Vorsitzende mit diesem Festvortrag sagen wollte. Was ist die politische Botschaft? Stoiber, Koch, Merz, alles kleine Neuronenlabore, ohne Plan, ohne Strategie? Dass alles Trachten vergebens ist? Dass man nichts, was sie tut, verhindern kann? Dass man sie einfach aushalten muss?

Angela Merkel nimmt Glückwünsche entgegen. Dann geht sie die Treppe hoch, Schritt für Schritt.

Sie muss es tun. MATTHIAS GEYER

Zur Ausgabe
Artikel 30 / 99
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.