Messe "Jagd und Hund" Der Wald als Panic Room

Eine zurechtgeschnitzte Hasenklage, getrüffeltes Wildschweinlockmittel oder Stiefel für den Ententeich? Die Messe "Jagd und Hund" bot Zubehör für jede Waidmannslage. Und die Erkenntnis: Im Wald hat man es auch nicht leicht.

Deutsch Drahthaar
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Von , Dortmund


Ein Ranzbeller? Die Hasenklage? Den Waschbärlocker oder doch lieber ein Mauspfeifchen? Der Mann vom Verkaufsstand bläst, um dem zaudernden Besucher die Kaufentscheidung zu erleichtern, in ein zurechtgeschnitztes Stück Hirschgeweih, und es klingt wie das Vorspiel zum traurigsten Lied der Welt: Es ist das letzte Zetergeschrei eines tödlich verletzten Hasen, und das imitierende Pfeifchen soll Füchse heranlocken, die auf wohlfeile Beute hoffen und dann selbst zum Abschussopfer des Flötisten werden.

Ob man vielleicht das Mauspfeifchen noch einmal hören könnte? Mit flatterndem Kehllappen entlockt er einem zierlicheren Hornstück ein leicht schwächliches Zwitschern, das Notquieken eines Mäuschens, sehr leicht zu imitieren: "Das Pfeifchen mit den Zähnen festhalten, Lippen leicht einrollen und Luft nach vorne stoßen." Na gut, gekauft.

Das kleine Horninstrument ist ein herrliches Accessoire, wenn man sich den Wald als verwunschene Parallelwelt vorstellen möchte, in der man nur in ein Pfeifchen blasen muss, und der Fuchs kommt eilig herbeigeschnürt. Es fällt gerade wieder ganz leicht, die Natur bei all dem Ärger mit den Auswüchsen der menschlichen Zivilisation zu verklären, wie es im Zeitalter der Romantik gang und gäbe war. Verlockend ist die Realitätsflucht in eine verfarnte Innerlichkeit, die den Wald als moosig weichen, beruhigend grünen Fluchtort für die Überforderungen des Alltags romantisiert.

Fluchtort Wald?
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Fluchtort Wald?

Ein eichenlaubig tapezierter Panic Room, immer noch ganz im Sinne von Joseph von Eichendorff, der in seinem Gedicht "Abschied" schreibt: "Da draußen, stets betrogen / Saust die geschäft'ge Welt! / Schlag noch einmal die Bogen / Um mich, du grünes Zelt." Früher schrieb man dem Wald noch Gedichte, heute kleben sich die Leute, wenn das urbane Leben an den Nerven zerrt, einfach ein paar Eulen auf die Bürobrotzeitbox.

Aber man darf sich nichts vormachen: Das Leben im Wald ist ebenfalls kompliziert. Das wissen die meisten der rund 80.000 Besucher der "Jagd und Hund", Europas größter Jagdmesse in den Dortmunder Westfalenhallen, denn sie sind natürlich Fachbesucher und keine verirrten Naturträumerle. Sie wissen garantiert, was sich hinter dem Verkaufsversprechen "Brünieren wie ein Profi!" verbirgt und was noch einmal schnell Grandeln sind, auch "Die Kraft der Zirbe" ist ihnen sicher wohlbekannt.

Einzige Gefahr für sie auf der Messe: ihre Gruppe beisammenzuhalten, weil die Mitglieder zu gut getarnt sind - die meisten sind in Jagdkleidung erschienen. "Dieter ist weg! Aber die sind ja alle grün!", schnauft ein farngrün Bejoppter, umgeben von Bejoppten, dann tröstet man sich über den Verlust mit einer informativen Schnittschutzhosenvorführung hinweg.

Jägermode auf der "Jagd und Hund"
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Jägermode auf der "Jagd und Hund"

Der Vortragende fräst sich mit einer Motorsäge beherzt in eine Gliedmaßenattrappe: "Ja, das Bein is' jetzt eigentlich ab." In der Reihe hinter einem schwätzen drei Besucher: Einem wurden drei Hühner im Stall gemeuchelt, jetzt ist er unsicher, wer dafür verantwortlich ist. Er zeigt den anderen Handyfotos von den hinterlassenen Ausscheidungen des Räubers, kleine, leicht gezwirbelte Knöllchen: "Ist das Fuchs, Marder - oder vielleicht Fischotter?"

Lässt man sich vorbeitreiben an den Ständen der 800 Aussteller, weicht die kindische Walden-Romantik schnell schnöder Überforderung. Was es hier alles gibt! Der Jägerlifestyle scheint auch nicht unkomplexer als ein konsumkompliziertes Hipsterleben, rein stylemäßig gesehen.

Soll man sich die Eckzähne eines erlegten Fuchses, Haken genannt, im halben Dutzend als stilisiertes Edelweiß an den Hut stecken, oder kauft man sich lieber für die Trophäenwand einen schönen Fuchshakenhalter (dieses Wort bitte für die nächste Scrabblepartie merken)? Verziert man seine Autoanhängerkupplung lieber mit einem Hirsch- oder einem Elchgummikopf? Welchen Ton stellt man an seiner Universal- Wildscheuche (ein Müllsack mit Gesicht und Lautsprecher) zur Vergrämung ungebetenen Wildes ein: Ein Jagdhorn, den Kitzfiep, Hundegebell oder lieber den Warnruf einer Wildschweinbache?

Wildvergrämer (soll Rehkitze von Mähdreschern fernhalten)
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Wildvergrämer (soll Rehkitze von Mähdreschern fernhalten)

Und, finale Masterfrage: Soll man zum Anlocken von Wildschweinen lieber das Räucherfischkonzentrat "Sausationell" kaufen, oder doch das Premiumlockmittel mit Trüffel? "Das mit Trüffel können Sie sich auch über die Spaghetti kippen", springt die Verkäuferin bei. Oder doch lieber das praktische Pulver in der Streudose mit dem überzeugenden Werbeslogan? "Suhlenwürze riecht so fein, da springt gleich jeder Keiler rein!"

Hat man einmal akzeptiert, dass man ein Fremder ist in dieser Welt, wird die Messe zum unterhaltsamen Dauerquiz. Was man wohl bekommt, wenn man das auf einem Pappschild annoncierte Angebot "8x Wobbler 10 Euro" bestellt? Es klingt wie ein buntes Billigschnapsgedeck in einer funzeligen Eckpinte, ist aber, aus dem Kontext messerscharf kombiniert, wohl doch irgendein Anglerbedarf.

Unerwartet gefühlig wird es in der Ecke, in der sich die diversen Jagdhundrassen präsentieren. Englische Setter, Pudelpointer und Steirische Rauhhaarbracken schmiegen sich mit dem dringenden Wunsch nach Verzärtelung an ihre Besitzer. "Ah, hier kommt die Beagle- und Dackelfraktion!", sagt ein Fachmann, als er an einem kleinen Rudel Foxterrier vorbeigeht.

Messe "Jagd und Hund"
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Messe "Jagd und Hund"

Er interessiert sich besonders für ein quadartiges geländegängiges Gefährt, das vornedran eine extra Lastengabel zum bequemen Abtransport von Wildschweinen besitzt. Lange schaut er das zu Demonstrationszwecken auf der Gabel festgezurrte ausgestopfte Wildschwein an, dann seine Frau. Man fiebert als unbeteiligter Beobachter mit, wird er ihn bringen, den naheliegendsten Kalauer? Jetzt müsste er kommen, in drei, zwei, eins - und bitte: "Guck mal, Christine, da kannst du vornedrauf mitfahren!" Schmunzelnd ab.

Etwa ein Drittel der Messebesucher sind Frauen, teils augenscheinlich als nicht jagende Begleitung, teils offensichtlich aktive Jägerinnen. Eine steht an einem Stand, hoch bestiefelt, einen Fuß in einer grünen Wanne mit Wasser. Sie schaukelt langsam von einem Bein auf das andere, als würde sie entweder sehr träge Butter stampfen oder müsste mitteldringend aufs Klo. Tatsächlich testet sie, wie dicht der Stiefel ist, mit dem man es allem Anschein nach auch im frostigsten Ententeich lange aushalten könnte.

Der Spaß am Besuch in einer fremden Welt ist leider vorbei, als man die Halle mit den Jagdreiseangeboten betritt. Die Veranstalter werben mit schwankender Dezenz, ausgestopfte exotische Tiere an fast jedem Stand, Giraffenköpfe, ganze Leoparden, dazwischen viele Bilder feixender Jäger mit ihrer Beute: Löwen, Büffel, Antilopen, die wie schlaffe Bettvorleger aussehen.

Es scheint, als könnte man jedes beliebige Tier in jedem beliebigen Land abschießen, wenn man bereit ist, den entsprechenden Preis zu zahlen: Steinböcke in Kasachstan, Wildschweine in der Türkei, Rappenantilopen in Argentinien. Oder Warzenschweine in Mauretanien, vier Tage, fünf Tiere, 2800 Euro. Einen Büffel in Südafrika, sieben Tage, 11.800 Euro. Ein Elefant aus Simbabwe kostet dagegen schon 34.500 US-Dollar.

Danach ist man so hinreichend abgebrüht, dass man kaum mehr erschrickt, wenn in der nächsten Halle mal wieder ein Besucher testweise die Flinte auf einen anlegt. Dort sind die Waffen ausgestellt, die man ja auch braucht für die Jagd, man hätte es fast vergessen.



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