Meteorologe Schwanke über Flut im Ahrtal »Es wäre genug Zeit gewesen, die Leute da rauszuholen«

134 Menschen starben im Juli bei der Flutkatastrophe im Ahrtal. Im Untersuchungsausschuss hat sich nun der Wetterexperte Karsten Schwanke geäußert – und auf die bekannte Gefahr einer Hochwasserlage hingewiesen.
Sachverständiger Schwanke im Untersuchungsausschuss in Mainz: »Wir wussten zwei Tage vorher, dass es eine Hochwasserlage im Ahrtal geben könnte«

Sachverständiger Schwanke im Untersuchungsausschuss in Mainz: »Wir wussten zwei Tage vorher, dass es eine Hochwasserlage im Ahrtal geben könnte«

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Nach Einschätzung des Meteorologen Karsten Schwanke hätte das Ahrtal vor der Flutkatastrophe Mitte Juli vergangenen Jahres noch evakuiert werden können. »Selbst in der Ist-Vorhersage am Abend des 14. Juli um 20, 21 Uhr wäre immer noch genug Zeit gewesen, die Leute da rauszuholen«, sagte der TV-Moderator am Freitag im Untersuchungsausschuss zur Flutkatastrophe im rheinland-pfälzischen Landtag. »Ich kann nur vermuten, dass die Person fehlte, die mit panischer Stimme gesagt hat: ›Wir müssen alle rausholen‹.«

»Wir wussten zwei Tage vorher, dass es eine Hochwasserlage im Ahrtal geben könnte«, sagte der Sachverständige. Am späten Nachmittag oder frühen Abend des 14. Juli »wussten wir, dass es extreme Niederschläge gibt«. Aber: »Ich wusste nicht, dass es zu dieser zehn Meter hohen Flutwelle kommt«, betonte Schwanke. »Ich hätte das nie erwartet.« In anderen Regionen seien an dem Tag viel höhere Regenmengen gefallen. In Sinzig, wo die Ahr in den Rhein mündet, sei es ein mehr oder weniger normaler Regentag gewesen.

Er wünsche sich als Meteorologe in solchen Situationen »einen engen Schulterschluss« mit einem Hydrologen oder anderen Experten, sagte Schwanke. Die lokalen Gegebenheiten des Ahrtals hätten zusätzlich zu den meteorologischen Fakten eine entscheidende Rolle gespielt. Das sehr enge, v-förmige Tal mit einem Zuschnitt, in dem einzelne Hochwasserwellen der Nebentäler im Haupttal zusammenlaufen, nannte er als Beispiel.

Die Böden seien nach vielen Niederschlägen im Mai und Juni zudem nass gewesen und hätten genauso wenig Wasser aufnehmen können wie der Wald, so Schwanke. Dies habe mit dem »toten und kranken Zustand« der Fichtenwälder am Oberlauf der Ahr nach den extrem trockenen Jahren 2018 und 2019 zu tun. »Der Wald konnte nicht mehr 90 Prozent der Regenwahrscheinlichkeit speichern. Wahrscheinlich konnte er gar nichts mehr speichern.« Eine entscheidende Rolle habe auch der Bau der Ahr-Brücken gespielt, die bis zum Bersten als Staudämme fungiert hätten.

Bei der Flutkatastrophe vom 14. auf dem 15. Juli waren im nördlichen Rheinland-Pfalz insgesamt 135 Menschen gestorben, davon 134 im Ahrtal. Hunderte wurden verletzt und weite Teile des Tals verwüstet.

wit/dpa
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