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Drogenkrieg in Mexiko: Das gefährlichste Phantom der Welt

Foto: AP/ Procuraduria General de la Republica

Mexikos Drogenbaron Guzmán Auf der Jagd nach dem kleinen Big Boss

Joaquin Guzmán misst nur 1,55 Meter, geht angeblich nie ohne sein goldenes Gewehr schlafen und gilt als mächtigster Drogenhändler und meistgesuchter Verbrecher der Welt. Doch der Boss des mexikanischen Sinaloa-Kartells ist nicht zu fassen.

Joaquin Guzmán ist bekannter und reicher als der Präsident Mexikos und in manchen Kreisen der Bevölkerung des Landes auch beliebter. Folgt man den Einschätzungen von Experten, ist er sogar einer der wichtigsten Männer des global organisierten Verbrechens.

Das US-Finanzministerium bezeichnete ihn als "weltweit mächtigsten Drogenhändler". Seit dem Tod von Osama Bin Laden gilt der 54-Jährige als meistgesuchter Verbrecher. Das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" führt ihn schon länger auf der Liste der Superreichen, sein Vermögen wird auf eine Milliarde Dollar geschätzt. Damit belegt der Chef des mexikanischen Sinaloa-Kartells im Ranking der reichsten Menschen der Welt Platz 1140.

Nicht schlecht für einen Bauernsohn und - wie die Legende behauptet - Analphabeten aus der rauen nordwestmexikanischen Provinz. Joaquín Guzmán Loera, genannt "El Chapo", "der Kurze", wurde in Badiraguato, einer Gemeinde im Bundesstaat Sinaloa geboren, 90 Prozent der mexikanischen Drogenbosse stammen von dort. Der Mann mit dem kantigen Gesicht misst nur 1,55 Meter, aber in seinem Business ist er der Größte.

30 Jahre hält er sich jetzt in einem Milieu, in dem die Lebenserwartung der Führungsfiguren in der Regel fünf Jahre nicht übersteigt. Den Weg vom Jungen, der dem Vater bei der Mohnernte half, bis zum Chef des mächtigsten der vier großen mexikanischen Drogenkartelle mit Präsenz in Europa, Asien und Ozeanien begleiten Mythen, Legenden und Wahrheiten.

Im Hochsicherheitsgefängnis bestimmt er die Haftbedingungen

Wahr ist, dass "El Chapo" vor genau elf Jahren aus einem Hochsicherheitsgefängnis floh, in dem über Jahre er und nicht die Gefängnisverwaltung die Haftbedingungen bestimmte: Essen aus Feinschmecker-Restaurants, Prostituierte, Drogen und Alkohol - "El Chapo" und seine Kumpel mussten neun Jahre lang nichts missen im Knast. Als die Auslieferung in die USA drohte, war es für ihn Zeit zu gehen.

Um die Umstände seiner Flucht ranken sich Mythen: Die einen sagen, er sei versteckt unter Schmutzwäsche in einem Karren entkommen, andere haben ihn als Polizisten verkleidet rausmarschieren sehen. Manche meinen, er habe sich bei dem damaligen Präsidenten Vicente Fox schlicht freigekauft. Sicher ist, dass er sich zurück in Freiheit mit Morden und Anschlägen seine führende Position im lukrativen Kokain-Transitgeschäft zurückerkämpfte.

Seit 2001 haben Guzmán und sein Kumpel Ismael Zambada, genannt "El Mayo" und offiziell die Nummer zwei des Kartells, die Karte des organisierten Verbrechens in Mexiko und der Welt neu gezeichnet, wie Edgardo Buscaglia, Experte für Organisierte Kriminalität in Mexiko, sagt. "El Chapo" und "El Mayo" hätten aus dem Drogenkartell von Sinaloa eine der zehn größten Verbrecherorganisationen der Welt gemacht.

Das Kartell von Guzmán sei heute in 53 Staaten vertreten und widme sich 21 illegalen Aktivitäten, betont der Leiter des "International Law and Economic Development Centre" und Professor an der Columbia-Universität in New York.

"Das Kartell von Sinaloa ist längst keine Rauschgiftmafia mehr, sondern ein höchst diversifiziertes Verbrechersyndikat, das nur noch rund 50 Prozent seines Umsatzes mit Drogenhandel macht." Die übrigen Einkünfte generieren sie aus Geschäften wie Schmuggel, Menschenhandel und Produktpiraterie. Außerdem ist die Organisation erfolgreich in Geschäftsfelder der legalen Wirtschaft vorgedrungen.

"Das Sinaloa-Kartell ist eine Krake mit hundert Armen"

"Holdings mit Geld des Kartells kaufen beispielsweise kleine Minen, gründen Transportunternehmen und beteiligen sich so am Bergbaugeschäft", sagt Buscaglia. Dann finanzieren sie Wahlkampagnen auf Gemeinde- und Landesebene, bestechen Politiker und kapern so kleine Teile des Staates. Das schützt sie vor der Verfolgung durch die Sicherheitsbehörden. "Das Sinaloa-Kartell ist eine Krake mit hundert Armen", betont Buscaglia. Das sei seine Stärke.

Und der Chef ist ein Phantom, das nicht zu fassen ist. Kaum eine Woche vergeht in Mexiko, in der nicht irgendwer den "Kurzen" irgendwo gesehen haben will. Mal in einem Restaurant in Culiacán, der Hauptstadt von Sinaloa, mal an der Uferpromenade des Badeortes Mazatlán spazierend. Hin und wieder wird er locker plauschend und Zigarren rauchend auf Geburtstagspartys der Drogenmillionäre in der nordmexikanischen Wüste gesichtet, bei denen die Gäste nicht mit Autos, sondern in Kleinflugzeugen und Hubschraubern anreisen. Vor ein paar Monaten soll seine dritte oder vierte Frau Emma mit 21 Jahren in einer Privatklinik in Kalifornien Zwillinge geboren haben.

Von Ort zu Ort bewegt sich "El Chapo" nur in schweren, gepanzerten Luxuslimousinen, geschützt von mehr als einem Dutzend Leibwächter. Er selbst legt sein vergoldetes AK-47-Sturmgewehr nicht mal nachts aus den Händen, sagt die Legende. Und sein Handy wechselt er angeblich täglich.

Unbestritten allerdings ist, dass "El Chapo" und sein Kartell nicht nur berühmt und berüchtigt sind, sondern auch bewundert werden. Denn für viele Menschen ist der große Boss weniger Verbrecher, sondern mehr Wohltäter, der in seinem Heimatstaat Schulen und Krankenhäuser baut, Stipendien vergibt und nach Naturkatastrophen schneller Hilfspakete an die Bevölkerung verteilt als der Staat.

Vor kurzem äußerte auch die bekannte mexikanische Schauspielerin Kate de Castillo ihre Bewunderung für den Drogenboss: "Ich glaube heute mehr an Chapo Guzmán als an die Regierungen, die nichts tun und Wahrheiten vorenthalten", twitterte sie zum neuen Jahr.

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