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Abschuss von MH17: Die zweifelhaften Argumente des Buk-Herstellers

Foto: MAXIM ZMEYEV/ REUTERS

Abschuss von MH17 So zweifelhaft sind die Argumente Russlands

Nach dem Bericht der niederländischen Ermittler ist klar: MH17 wurde mit einer russischen Buk-Rakete abgeschossen. Doch der Hersteller der Waffe versucht, Zweifel zu säen - mit einem Experiment.

Der niederländische Untersuchungsbericht zum Abschuss von Flug MH17 war noch gar nicht veröffentlicht, da zweifelte Russland die Ergebnisse bereits an. Nur Stunden vor der Vorstellung des Erkenntnisse der Niederländer lud in Moskau der Hersteller des Buk-Raketensystem zu einer Pressekonferenz. Der Chef des Rüstungskonzerns Almas Antej, Jan Nowikow, behauptete, die niederländische Untersuchung sei nicht unabhängig. Almas Antej gehört dem russischen Staat.

Der Rüstungskonzern bemüht sich seit Monaten zu beweisen, dass die Buk-Rakete nicht aus russischen Beständen habe stammen können. Zudem sei sie nicht - wie vom Westen behauptet - aus der Nähe der von Separatisten kontrollierten Stadt Snischnoje abgeschossen worden.

Die niederländischen Ermittler erklärten am Dienstagmittag, MH17 sei von einer Buk-Rakete abgeschossen worden. Ihr Bericht lässt offen, von welchem Ort genau aus die Rakete abgefeuert wurde. Die Ermittler identifizierten aber ein rund 320 Quadratkilometer großes Gebiet. Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur AP war dieses Gebiet zum Zeitpunkt des Abschusses in der Hand der Separatisten. Russland erklärte umgehend, der Untersuchungsbericht liefere keine Hinweise, dass die Rakete aus einem Separatisten-Gebiet abgefeuert wurde.

Im Video: Animation zeigt Details zu MH17-Abschuss

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"Kaum vorstellbar"

In Moskau hatte Almas Antej zuvor Ergebnisse eines Experiments präsentiert. Der Konzern gibt an, den Beschuss des Flugzeuges aus Snischnoje simuliert zu haben. Unter anderem wurde ein ausrangiertes Flugzeug-Cockpit mit einem Buk-Sprengkopf beschossen. Anders als bei Flug MH17 sei die rechte Flügelseite dabei allerdings nicht beschädigt worden. Nach Ansicht des Konzerns beweise dies, dass der Jet der Malaysian Airlines nicht von Snischnoje aus getroffen worden sei - sondern von einer Stellung weiter südlich nahe Saroschenskoje.

Nach Angaben der Separatisten und Russlands war das Gebiet zum damaligen Zeitpunkt unter Kontrolle der Ukraine. Die Zeitung "Nowaja Gaseta" berichtete hingegen unter Berufung auf Aussagen von Bewohnern, Saroschenskoje sei unter der Kontrolle der Separatisten gewesen.

Nachgestellt wurde nur der Beschuss aus Snischnoje. Ob ein Beschuss aus Saroschenskoje am rechten Flügel tatsächlich die an MH17 erkennbaren Schäden verursacht hätte, wurde nicht getestet. Zudem verwendete Almas Antej nicht das Cockpit einer Boeing 777, sondern eine russische Iljuschin-86. Eine Boeing sei zu teuer gewesen, teilte der Konzern mit.

Die MH17-Trümmer ließen zudem den Schluss zu, dass die Maschine von einer Buk-Rakete älterer Bauart getroffen worden sei. Die russische Armee habe diese schon vor Jahren offiziell außer Dienst gestellt. Es sei "kaum vorstellbar, dass ein russischer Offizier die Entscheidung trifft, eine so alte Rakete einzusetzen", so Konzernchef Nowikow. Dagegen verfüge die Ukraine noch über Hunderte der alten Buk-Raketen.

Auffälliges Timing

Seit dem Ausbruch des Ukrainekonflikts hatte die ukrainische Armee allerdings auch die Kontrolle über zahlreiche Militärobjekte verloren, zunächst auf der von Russland annektierten Krim, später dann in der Ostukraine.

Russland hat eine große Zahl an Theorien veröffentlicht. Moskaus Verteidigungsministerium legte bereits kurz nach dem Abschuss nahe, ein ukrainischer Su-25-Jet habe Flug MH17 abgeschossen. Moskaus Militärs machten sich für den Staatssender Russia Today sogar die Mühe, eine Attrappe der Boeing beschießen zu lassen. Auch damals angeblich eindeutiges Ergebnis des Experiments: MH17 sei unzweifelhaft von der Bordkanone eines ukrainischen Jets getroffen worden.

Russlands Ermittlungskomitee - eine Art Sonderstaatsanwaltschaft - sieht das wiederum anders: MH17 sei zwar wahrscheinlich von einem Flugzeug abgeschossen worden - aber nicht mit der Bordkanone, sondern durch eine "Luft-Luft-Rakete nicht-russischer Herstellung". Diese Theorie werde im Übrigen durch einen Zeugen untermauert, einem ukrainischen Überläufer.

Almas-Antej-Chef Nowikow beklagte, die Ermittler in den Niederlanden hätten keinerlei Interesse an den Erkenntnissen seiner Ingenieure gezeigt. Das Timing der russischen Experimente wirkt allerdings eher, als sei es dem Konzern vor allem um einen PR-Coup gegangen, um den Bericht der Niederländer zu kontern: Das besagte Cockpit wurde erst in der vergangenen Woche beschossen.

Darüber hat sich der russische Raketenhersteller in Widersprüche verwickelt. Im Abschlussbericht der niederländischen Ermittler finden sich auch drei unterschiedliche Kalkulationen des mutmaßlichen Abschussgebiets der Buk-Rakete. Eine haben die Experten aus den Niederlanden selbst angestellt, eine stammt von den Ukrainern, eine wurde von Russland zur Verfügung gestellt. Das Dorf Saroschenskoje, am Dienstag während der Pressekonferenz von Almas Antej als Abschussort genannt, liegt allerdings mehrere Kilometer außerhalb des Areals. Pikant daran: Diese Berechnung stammt ebenfalls von Almas Antej.

Zusammenfassung: Die niederländischen Ermittler haben am Dienstagmittag erklärt, MH17 sei definitiv von einer Buk-Rakete abgeschossen worden. Ihr Bericht lässt jedoch offen, von welchem Ort genau aus die Rakete abgefeuert wurde. Der Hersteller versucht in einem Experiment nachzuweisen, dass das Flugzeug nicht von Separatisten abgeschossen wurde - und erklärt, dass es sich um Flugkörper älterer Bauweise handele, wie sie noch in den ukrainischen Arsenalen zu finden seien.

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