In Heidelberg steigen die Mieten rasant – also bauen Studierende ein eigenes Wohnheim

Für 16 Millionen Euro
Foto: bento/Steffen Lüdke

Dieser Beitrag wurde am 12.02.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Inas und Felix' Traum misst 14 Quadratmeter. Wie ein Fremdkörper erhebt sich der Kubus auf dem Gelände eines ehemaligen Militärkrankenhauses in Heidelberg. Wo sonst nur Grasbüschel sich ihren Weg durch die Risse des Asphalts bahnen, steht man plötzlich vor dem Prototyp. Am Fenster klebt ein kleiner Zettel, darauf die unverschämte Idee, für die Ina und Felix gerade kämpfen: 300 Euro warm.

Für diese Summe sollen Studierende und Azubis bald in Heidelberg in einem Wohnheim leben können. 

Der Holzkubus ist ein Modell, drinnen zeigt Felix, wie die Wohnungen aussehen werden: Bett, Schrank, zwei Tische, alles aus hellem Holz. Der Raum würde den Charme eines Tiny Houses versprühen, wären da nicht die bodenlangen Fenster und die Schiebetür aus Glas. Sie machen aus dem kleinen Holzhaus ein Zimmer wie aus dem Ikea-Katalog. Der Name des Traums ist ein bisschen sperrig: Collegium Academicum .

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Für 300 Euro warm kann in Heidelberg kaum jemand in einem WG-Zimmer wohnen. Studierende geben hier im Schnitt 437 Euro aus. Seit 2010 sind die Preise um fast ein Viertel gestiegen (FAZ ). Hunderte Menschen warten auf einen Platz im Wohnheim – genau wie in vielen anderen deutschen Uni-Städten.

Ina, Felix, beide 22, und die anderen haben nur eine Möglichkeit, wenn sie so billig vermieten wollen: Sie müssen selbst bauen. Und genau das wollen sie machen. "Es wird niemals einen Vermieter geben, der daran verdient", sagt Ina. 

Entstehen soll ein Wohnheim mit 226 Plätzen – selbst verwaltet und selbst finanziert. Das Herzstück ist ein geplanter Neubau aus Holz: vier Etagen, 46 Wohngemeinschaften, dazu eine Gemeinschaftsküche und ein Garten auf dem Dach der Aula. Daneben bleibt das alte US-Militärkrankenhaus stehen, das die Studierenden restaurieren wollen. Etwa 16 Millionen Euro brauchen sie insgesamt dafür. Ein Mammutprojekt.


25 Leute treiben das Collegium Academicum voran. Es soll eine Insel werden im Meer des Mietenwahnsinns

Eine Idee, die wie ein Fenster in eine bessere Welt funktionieren soll: raus aus dem Mietwucher, per Kredit rein in ein eigenes Wohnheim, in dem nur zählt, was die Bewohnerinnen und Bewohner selbst wollen.

"Wir wollen ein Ort sein, an dem Menschen merken, dass Wohnraum mehr sein kann als ein Renditeobjekt", sagt Ina. Also haben sie Pläne geschmiedet. Einer davon: Die Zimmer sollen sich auf sieben Quadratmeter verkleinern oder auf 21 Quadratmeter vergrößern lassen. Das Versetzen der Holzwand soll ohne großen Aufwand möglich sein; so entsteht genau so viel Raum für Küche und Wohnzimmer, wie die WG es gerade für richtig hält. Im Altbau sollen nach einer Restauration Schulabgänger einziehen, die sich in einem Orientierungsjahr aufs Studium vorbereiten.

Auf die Plätze im Wohnheim muss man sich bewerben, die Studierenden entscheiden selbst, wer einziehen darf. Am Ende sollen Menschen unterschiedlicher Fachrichtungen gemeinsam wohnen, Auszubildende mit Studierenden, gern auch Konservative und Linke.

Sobald der Kredit abbezahlt ist, könnten die Studierenden noch deutlich weniger als 300 Euro zahlen, vielleicht wohnen sie eines Tages für 190 Euro im Monat. Jahrgang um Jahrgang soll sich die Idee weiter verbreiten, Studierende an anderen Unis für die Idee inspirieren: selber bauen, günstig vermieten – und so Stück für Stück verändern, wie Studierende wohnen.

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Der Plan ist ein Gegenentwurf zu den privaten Anbietern. Wohnheime und Hotels für Studierende liegen im Trend, mit ihnen lässt sich in Großstädten Geld verdienen

Aber woher kommen die 16 Millionen Euro?

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Der größte Teil des Geldes ist schon da - es besteht nur noch eine Finanzierungslücke von 320.000 Euro. 

Um die zu schließen, hocken Felix, Ina und einige Freunde an einem kalten Wintertag um einen Küchentisch. An der Wand hängt eine Lichterkette, die Glühbirnen stecken in getrockneten Physalis-Blüten. Auf dem Tisch: leuchtende Laptops, Mate und Tee. Finanzierungs-AG.

"Los gehts", sagt Felix. "Ich kann Protokoll schreiben." Über seinem Kopf hängt eine Postkarte. "Es kommt anders, wenn man denkt", steht darauf.

Hier, in der WG in der Plöck 93, keine fünf Minuten von der Uni entfernt, wurde die Idee vom Collegium Academicum vor sechs Jahren geboren; hier, im Hauptquartier, wird heute beraten, wo das Geld herkommen soll.

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Einen Großteil bekommen die Studierenden durch Fördermittel vom Staat und der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Aber 1,7 Millionen Euro müssen sie selbst aufbringen, durch Privatkredite und Spenden, größtenteils von Freunden und Bekannten. Über die Jahre haben die Studierenden bereits 1,38 Millionen Euro gesammelt. Jetzt fehlen nur noch die besagten 320.000 Euro. Das Problem: Bis April muss das Geld da sein. Schon im Frühjahr sollen die Bauarbeiten beginnen. Die Fördermittel sind zeitlich gebunden; wenn nicht rechtzeitig genug Geld zusammenkommt, steht das gesamte Projekt auf der Kippe.

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Viel Geld haben die Studierenden aus ihrem persönlichen Umfeld: 

Die Studierenden nerven Onkel, Bekannte und Großeltern, um ihre Vision wahr werden zu lassen, sie fragen immer wieder nach Krediten. "Diese Menschen kennen uns, sie haben eine emotionale Bindung zu uns", sagt Ina. Deswegen funktioniere die Methode besser, als zum Beispiel bei Stiftungen um Geld zu fragen – auch, wenn es unangenehmer sei.

In den kommenden zwei Monaten müssen wir alles rausballern, was geht.

Ina

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Ina hat ihren kompletten Verwandtenkreis schon abgegrast, monatelang auf ihre Eltern eingeredet, bis die schließlich bereit waren, einen Kredit zu geben. So hat es jeder in der Gruppe gemacht. Nicht immer war sie sich sicher, dass sie das nötige Geld zusammenbekommen würden.

Dann kamen die Weihnachtsferien. An den Feiertagen hockte Ina in der Heimat, schrieb per Messenger mit den Freunden aus Heidelberg. Dann die Nachricht: Das Weihnachtsgeschäft lief super, die Studierenden hatten in den Monaten bis Dezember jeweils mehr als 100.000 Euro eingenommen. "In dem Moment bin ich ausgeflippt", sagt Ina. Vor Freude sprang sie durch die Wohnung der Eltern. Seitdem ist sie sich sicher, dass sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter bald ihr eigenes Wohnheim haben.

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