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Migration durch Mexiko: Die Opfer der "Bestie"

Foto: Klaus Ehringfeld

Migranten-Appell an Mexikos Präsidenten Verstümmelt durch die "Bestie"

Zigtausende machen sich jedes Jahr auf den Weg von Zentralamerika in die USA - oft auf dem Güterzug. Viele verunglücken und müssen als Krüppel zurück. Sie baten Mexikos Präsidenten jetzt um Hilfe. Vergeblich.

José Luis Hernández fehlt das rechte Bein, sein rechter Arm ist von der Schulter an amputiert. An der linken Hand hat er nur noch zwei Finger. Wenn er einen Anruf auf seinem Mobiltelefon erhält, nimmt er ihn mit der Zunge an. José Luis ist 28 Jahre alt.

"Ich war 17 Jahre alt und wollte von Honduras in die USA", erzählt er. Geld verdienen, der Familie helfen, eine Zukunft suchen. So wie zigtausend Zentralamerikaner jedes Jahr. José Luis war dem Ziel ganz nahe. 3000 Kilometer hatte er auf dem Güterzug schon zurückgelegt, den die Migranten ehrfürchtig "Die Bestie" nennen. Nur noch 300 Kilometer lagen vor ihm. "Aber nach 20 Tagen ohne Schlaf, ohne Essen und immer mit der Angst vor der Polizei und den Banden im Nacken war ich entkräftet."

Für einen verhängnisvollen Moment verlor der Junge das Bewusstsein und stürzte vom Waggondach. Die "Bestie" nahm ihm erst das Bein, dann zerquetschte sie ihm den rechten Arm und trennte ihm schließlich drei Finger von der linken Hand ab. "Die Ärzte sagten, dass man das eigentlich nicht überleben kann." Dann lacht José Luis schüchtern und sagt: "Gott schafft Wunder."

"Zurück kam ich als Krüppel"

Nach zwei Jahren Krankenhaus und Reha in Mexiko folgte die Abschiebung. "Als ich Honduras verließ, war ich die Hoffnung meiner Eltern auf ein besseres Leben. Zurück kam ich als Krüppel, der ihnen zur Last fällt."

Dieser Tage ist José Luis Hernández wieder in Mexiko. Er ist jetzt Vorsitzender von "Amiredis". Die Abkürzung steht für "Asociación de Migrantes Retornados con Discapacidad", was etwa "Vereinigung der mit Behinderung zurückgekehrten Migranten" heißt. Amiredis vertritt 452 honduranische Männer und Frauen, die alle das gleiche Schicksal teilen: Sie flohen vor Armut und Gewalt aus ihrer Heimat und kehrten ohne Beine oder Arme dorthin zurück.

15 von ihnen haben sich Ende März auf den beschwerlichen Weg nach Mexiko gemacht, um mit Präsident Enrique Peña Nieto zu sprechen. "Wir wollten ihm sagen, dass der Wahnsinn ein Ende haben muss. Die Migration durch Mexiko ist die gefährlichste der Welt", unterstreicht Hernández und ergänzt: "Wir wollten erreichen, dass Mexiko an Zentralamerikaner Transitvisa vergibt, damit sie künftig sicher reisen können."

Migranten als Einnahmequelle der Kartelle

Doch der Präsident ließ sich nicht herab, mit den Krüppeln zu reden. Schon an der Grenze mussten die Männer kämpfen, um überhaupt ins Land zu kommen. Erst nachdem in den Medien über die Versehrten-Karawane berichtet wurde, schickte der Präsident eine Vize-Innenministerin. Sie hörte sich die Anliegen an, blieb vage, versprach nichts: "Das einzige, was sie uns schnell zusagte, war der Bus, der uns zurück zur Grenze bringen sollte", spottet Hernández. Nicht einmal bei neuen Prothesen wollte die mexikanische Regierung helfen. Dafür müssten die Männer später noch einmal wiederkommen, wurde ihnen voller Zynismus erklärt.

200.000 bis 300.000 Honduraner, Salvadorianer, Nicaraguaner und Guatemalteken verlassen nach Schätzungen von Hilfsorganisationen wie der "Mittelamerikanischen Migrationsbewegung - M3" jedes Jahr ihre Heimat Richtung Norden. 70.000 sind seit 2006 auf dem 3000 Kilometer langen Weg durch Mexiko verschwunden oder als Krüppel gestrandet.

Andere werden von der Polizei aufgegriffen, ihrer Habseligkeiten beraubt, in den Knast gesteckt oder deportiert. Seit einigen Jahren droht die größte Gefahr durch die Organisierte Kriminalität. Banden wie die "Zetas" haben die Migranten als Einnahmequelle entdeckt. Sie verschleppen sie, nötigen ihnen unter Folter die Telefonnummern von Angehörigen in den USA ab und erpressen Lösegeld. Frauen und Mädchen werden vergewaltigt. Die Polizei ist fast immer Komplize, Bahnangestellte und Lokführer viel zu oft.

Die Verbitterung der Opfer

Allein in Honduras verlassen jede Stunde zwölf Männer, Frauen und Kinder ihr Land auf der Suche nach dem amerikanischen Traum. Auch José Luis Hernández entfloh vor zehn Jahren der Armut seines Dorfes in der Provinz Yoro. Sein Vater war Kaffeebauer, aber hatte seine Felder durch den Hurrikan "Mitch" 1998 verloren. "Wir gingen in die Stadt, bettelten, ich sang Lieder auf der Straße." Dann wollte José Luis ins gelobte Land, wo man in ein paar Tagen das verdient, wofür man in der Heimat Monate schuften muss. Er wollte nach Denver, da kannte er jemanden, der jemanden kannte. "Ich hätte jede Arbeit angenommen", sagt José Luis.

Honduras, die Heimat der 15 Männer der Amiredis-Organisation, gehört zu den ärmsten Ländern der westlichen Welt. Arbeit gibt es meist nur in "Maquilas", wo für die USA Hosen genäht und Fernseher gelötet werden. Die Städte sind in der Hand der Jugendbanden und Drogenmafia. Erst vor wenigen Tagen warnte das Uno-Büro für Drogen und Verbrechensbekämpfung (UNODC), Honduras sei mit 96,4 Tötungsdelikten pro 100.000 Einwohner das gefährlichste Land der Welt. Zwischen der Gewalt der Straße und der Ausbeutung der "Maquilas" sehen die Menschen oft nur die Auswanderung als Ausweg.

Auch José Luis würde viel dafür geben, noch einmal den Weg in den Norden gehen zu können. "In Sicherheit", betont er. Heute lebt er von Almosen. "Manchmal bekomme ich etwas Geld für Vorträge über die Gefahren der Migration."

Dann nimmt er sein Bündel, draußen vor der Migrantenherberge in Mexiko-Stadt wartet der Bus, gesponsert von der mexikanischen Regierung. "Der lange Weg, die Strapazen und vor allem die Teile unseres Körpers, die wir geopfert haben", resümiert er bitter. "Und dann will uns der Präsident nicht empfangen. Wir haben mehr verdient als das."

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