Migration aus Afrika "Wir sollten ein Arbeitsvisum gegen Kaution anbieten"

Es kursieren viele Klischees über Afrika, die Angst verbreiten sollen. Die Politologin Petra Bendel erklärt, warum das Bevölkerungswachstum dort nicht unbedingt zu mehr Zuwanderung führen muss.
Ein Interview von Katrin Elger
Fabrik in Ghana: Corona wird die Situation für viele verschärfen

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Foto: NIPAH DENNIS/ AFP

Petra Bendel, 54, ist Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Der SVR veröffentlicht am Dienstag sein Jahresgutachten, das erstmals als Schwerpunkt die Zuwanderung aus Afrika behandelt.

SPIEGEL: Der Afrika-Experte Stephen Smith aus den USA behauptet, das hohe Bevölkerungswachstum in Afrika werde zu einer Massenmigration führen: Bis 2050 könnte jeder Vierte oder gar jeder Dritte in Europa afrikanische Wurzeln haben. Halten Sie das für möglich?

Bendel: Die Vorstellung, ein ganzer Kontinent sitze auf gepackten Koffern, ist falsch. Es ist ein Klischee, das Angst verbreiten soll. Den meisten seriösen Wissenschaftlern zufolge sind solche Vorhersagen grotesk übertrieben. Zwar wächst die Bevölkerung in Afrika, während sie in Europa stagniert oder zurückgeht. Die Vereinten Nationen schätzen, dass allein in Nigeria im Jahr 2060 so viele Menschen leben werden wie in der gesamten EU. Diese Entwicklung führt aber nicht zwangsläufig zu einer Massenmigration.

SPIEGEL: Woher wollen Sie das wissen?

Bendel: Wir haben aktuelle Daten und Studien ausgewertet. Die meisten Migrantinnen und Migranten verlassen den afrikanischen Kontinent gar nicht und bleiben in ihrer Herkunftsregion. In Deutschland beträgt der Anteil der Zugewanderten aus afrikanischen Ländern an der Gesamtbevölkerung nicht einmal ein Prozent. Der Blick auf die Demografie allein erlaubt keine Aussagen über künftige Wanderungsbewegungen, es gibt keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und Auswanderung.

SPIEGEL: Worauf kommt es dann an?

Bendel: Das Migrationsgeschehen ist komplex und Afrika ein Kontinent mit 54 teils sehr unterschiedlich entwickelten Ländern. Ob sich Menschen entscheiden auszuwandern, hängt von einer Vielzahl von Gründen ab. Natürlich spielt Demografie eine Rolle, es kommt aber auch auf klimatische, politische und wirtschaftliche Trends an, genau wie auf persönliche Motive.

SPIEGEL: Sind Prognosen überhaupt möglich?

Bendel: Sie sind immer unsicher, schon weil die Datenlage mangelhaft ist. Das Thema ist ideologisiert. Die Wissenschaft sollte die Debatte versachlichen und die Zusammenhänge in ihrer Komplexität darstellen.

SPIEGEL: Wie wird sich die Corona-Pandemie auswirken?

Bendel: Sie trifft den afrikanischen Kontinent hart. Viele der ohnehin schwachen Gesundheitssysteme stehen vor dem Zusammenbruch. Auch die Wirtschaftskrise und die steigende Arbeitslosigkeit in Europa schlagen auf die afrikanischen Staaten durch.

SPIEGEL: Inwiefern?

Bendel: Was afrikanische Migranten in ihre Heimatländer überweisen, macht einen erheblichen Anteil des Bruttoinlandsprodukts aus. Häufig übersteigt die Summe die Entwicklungshilfe aus dem Ausland. Das wird die Situation vieler Menschen dort verschärfen.

SPIEGEL: Nach Europa zu kommen dürfte im Moment wegen der geschlossenen Grenzen nahezu aussichtslos sein.

Bendel: Wanderungsbewegungen, die es seit Jahrhunderten gibt, sind plötzlich zum Stillstand gekommen. Das wird aber nicht so bleiben. Wir können der Bundesregierung deshalb nur raten, sich weiterhin mit der Migrationsfrage zu beschäftigen. Ab dem Sommer übernimmt Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft, im Herbst soll der Afrika-Gipfel stattfinden. Das böte die Chance, Kooperationen auf Augenhöhe auf den Weg zu bringen.

SPIEGEL: Was empfehlen Sie der Politik?

Bendel: Die EU sollte unter anderem die Mittel für die humanitäre Flüchtlingshilfe erhöhen, damit die afrikanischen Staaten Schutzsuchende vor Ort besser versorgen können. Afrika und Europa können nur gemeinsam Mittel gegen irreguläre Migration finden und reguläre Wege öffnen.

SPIEGEL: Wie könnten die aussehen?

Bendel: Wir sollten afrikanischen Zuwanderern ein temporäres Arbeitsvisum gegen eine Art Kaution anbieten. So ein Visum würde es auch unqualifizierten Migranten ermöglichen, legal einzureisen. Sie müssten nicht ihre Gesundheit und ihr Leben auf der Reise riskieren und dann in Europa feststellen, dass sie kein Bleiberecht haben.

SPIEGEL: Wofür ist die Kaution gedacht?

Bendel: Erst wenn die Migranten fristgerecht nach Ablauf ihres Visums ausreisen, bekommen sie das Geld zurück. Sie können dann mit ihren neuen Ersparnissen und dem Wissen, das sie sich in Deutschland angeeignet haben, in ihre Heimat zurückkehren.

SPIEGEL: Und wenn sie das nicht mehr wollen?

Bendel: Dass ausreisepflichtige Personen trotzdem hierbleiben, liegt im Moment hauptsächlich daran, dass die Herkunftsstaaten nicht bereit sind, sie zurückzunehmen. Teil des Modellprojekts wäre ein Rücknahmeabkommen mit der entsprechenden afrikanischen Regierung. Von dieser Kooperation würden bis auf eine Gruppe alle profitieren.

SPIEGEL: Und die wäre?

Bendel: Die Schlepper.

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