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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Millionärin in drei Stunden

Warum eine Frau an einem Tag sechs Banken überfiel
aus DER SPIEGEL 39/2001

Als Carmen S., ungeliebte Tochter, Ehefrau und Mutter zweier Söhne, kurz vor 10 Uhr das Waffengeschäft in der Münchner Innenstadt betritt, hat sie beschlossen, die Zukunft ihrer Familie zu sichern.

»Eine Gaspistole, bitte. Die billigste, die sie haben, aber echt muss sie schon aussehen.«

Der Verkäufer fragt, wofür sie die Pistole brauche.

»Ich will eine Bank überfallen.«

»Das wollen Sie nicht wirklich«, sagt der Verkäufer. Carmen S. lächelt. Sie kauft eine Röhm RG 70, Kaliber .315 ohne Munition, zahlt 149 Mark und steckt die Waffe in ihre Handtasche.

Um 10.20 Uhr betritt Carmen S. die Noris-Bank in der Sonnenstraße. Sie trägt keine Maske und geht auf den Geldschalter zu. »Ich will das ganze Geld«, sagt Carmen S. zu der Frau auf der anderen Seite des Schalters. Carmen S. zieht die Pistole aus ihrer Handtasche und steckt sie wieder hinein: »Das ist kein Scherz. Das ist ein Überfall.«

Die Bankangestellte am Geldschalter sagt: »Das Geld ist im Tresor. Ich kann ihn nicht öffnen.«

»Geben Sie mir Geld«, sagt Carmen S.

Sie verlässt die Bank mit 5000 Mark in einer Plastiktüte. Es war ein unspektakulärer Überfall. Niemand hat ihn bemerkt. Bankangestellte aktivieren den Alarm.

Carmen S. fährt mit einem Taxi zum Iserntorplatz. Um 10.35 Uhr betritt sie eine Filiale der Stadtsparkasse.

»Das ist ein Überfall. Geben Sie mir das Geld, das ganze Geld.«

Der Mann am Geldschalter reagiert nicht. Carmen S. zieht ihre Gaspistole aus der Handtasche. Sie verlässt die Sparkasse mit 22 030 Mark. Bei der Polizei geht Alarm Nummer zwei ein.

Um 12.18 Uhr bucht Carmen S. im Reisebüro Adonis einen Flug in die Dominikanische Republik. Zwei Wochen im Hotel, Einzelzimmer, Bad, Dusche, WC, für 3350 Mark. »Ein Sonderangebot«, sagt der Urlaubsverkäufer. Abflug in zwei Tagen um 9.15 Uhr.

Sieben Minuten später überfällt Carmen S. eine Filiale der Deutschen Bank in der Schwanthaler Straße.

»Ich will das ganze Geld.«

»Ich gebe Ihnen kein Geld«, sagt der Mann hinter dem Sicherheitsglas.

»Ich will das Geld«, sagt Carmen S. Sie zeigt ihre Gaspistole.

»Von mir bekommen Sie nichts«, sagt der Mann.

Carmen S. geht hinaus auf die Straße. Ohne neues Geld.

Ein paar Häuser weiter ist eine Filiale der Stadtsparkasse. Sie geht hinein.

»Ich will das Geld.«

Carmen S. verlässt die Sparkasse mit weiteren 41 700 Mark.

Zu dieser Zeit sucht die Polizei nach einer unmaskierten Bankräuberin, um 90 Kilogramm schwer, knapp 1,80 Meter groß, mit einem Trainingsanzug bekleidet. Die Frau ist bewaffnet und gefährlich.

Gegen 12.30 Uhr betritt Carmen S. das Bankhaus Max Flessa & Co. Bevor sie ein Wort sagen kann, explodiert etwas in der Plastiktüte, die sie trägt. Es ist ein Sicherheitspack, das zwischen den 41 700 Mark lag und die Geldscheine mit roter Far-be markiert. Die Leute in der Bank starren sie an. »Das ist ein Faschingsknaller«, sagt Carmen S. und flüchtet.

Eine Viertelstunde später überfällt sie eine Filiale der Citibank. Sie erbeutet 5000 Mark.

78 Polizei-Streifenwagen, drei Hundertschaften und ein Hubschrauber suchen nach der Frau, die es gewagt hat, in 145 Minuten sechs Banken zu überfallen und 73 730 Mark zu rauben.

In einem Juweliergeschäft kauft sich Carmen S. ein Brillantarmband und bei einem Optiker fünf Brillen. Sie bezahlt mit Geldscheinen, an denen rote Farbe haftet.

Carmen S. wird am Nachmittag gefasst, in einem Friseursalon in der Edelweißstraße. Sie lässt sich die Haare schneiden. Sie trägt immer noch ihren Trainingsanzug.

Am Mittwoch vergangener Woche betritt Carmen S. den Saal B117 des Landgerichts München. Sie geht zögernd. Die Schuhe, die sie trägt, sind zu groß. Sie gehören einer Freundin. Carmen S. blickt hinauf zu ihren Richtern. Einer fragt: »Warum haben Sie das getan?«

»Mein Mann und ich, wir haben ein Grundstück in Griechenland, dort möchten wir seit zehn Jahren unser Haus bauen. Ich wollte eine Million Mark für das Haus, für die Kinder. Und die Schulden«, erklärt Carmen S. Sie lächelt. Sie will den Richtern gefallen. Sie nennt Polizisten »Schätzchen«, und sie flirtet mit den beiden psychiatrischen Gutachtern.

Die Gutachter sagen, Carmen S. leide unter einer manischen Persönlichkeitsstörung.

Sie sei krankhaft impulsiv.

Carmen S. wird wegen »räuberischer Überfälle auf mehrere Geldinstitute« zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Außerdem verfügen die Richter die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik.

Carmen S. nimmt das Urteil an.

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