Minderheiten Die traurigen Tao von der Orchideeninsel

Auf der Pazifikinsel Lanyu, der Orchideeninsel, südöstlich von Taiwan versuchen die Tao ihre Kultur wiederzufinden. Einfach ist das nicht, die Minderheit wurde ihrer Sprache beraubt, in Hosen und Röcke gesteckt, die traditionellen Hütten verschwanden, das Eiland wurde zur Lagerstätte für radioaktiven Müll.

Bootsbauer Chen, 44, hat eine Mission: Mit seinem Handwerk will der Mann im grünen Polohemd die Tradition seines Volkes bewahren. Deshalb zimmert er eifrig Einbäume: Kleine als Souvenir für Touristen, große für seine Landsleute, die mit ihnen zum Fischen in die grüne See stechen.

Die weißen Boote mit dem roten Kiel und den rot-schwarzen Symbolen gehören zu den wenigen Traditionen, die dem Pazifikvolk der Tao (Tawu) im Laufe der Jahrhunderte nicht verloren gegangen sind. "Schon unsere Vorfahren haben Boote in diesen Farben gebaut", sagt Chen stolz und spuckt die Schalen eines Sonnenblumenkerns auf die Erde. Die Spitzen am Bug und Heck schmückt er nach altem Brauch mit Federbüschen.

Die Tao leben auf Lanyu, der "Orchideeninsel", östlich von Taiwan. Sie zählen zu den nationalen Minderheiten der Republik China, wie sich Taiwan offiziell nennt.

Rund 3000 Menschen bewohnen das Eiland mit seinen sechs Dörfern, einem Hafen, einem Flugfeld und einer 37 Kilometer langen Uferstraße. Eine knappe Stunde benötigen Autofahrer um die Insel. Dann sind sie wieder am Ausgangspunkt angekommen.

Doch wer denkt, auf der Orchideeninsel ein pazifisches Urlaubsparadies zu finden, der täuscht sich: Zwar prägen bizarre Felsen an der Küste und Dschungel im Innern das Eiland, doch die Strände sind dicht mit Lavagestein bedeckt. Baden ist nur im Hafenbecken möglich.

Die Bewohner der Orchideeninsel sind ein trauriges Volk, das sich verzweifelt bemüht, nicht im Mahlstein der Geschichte zerrieben zu werden. Die Menschen leben von Fischfang, Taro, Süßkartoffeln und der Aufzucht von Hängebauchschweinen, die munter durch die Dörfer schaukeln.

Sie sind arm, viele haben keine Arbeit. Junge Leute verlassen häufig ihre Familien, um auf Taiwan einen Job zu finden. Andere suchen Trost im Alkohol oder kauen Betelnüsse, bis ihre Augen glasig und die Zähne brüchig und purpurrot sind.

Die Tao zählen sich zu den Polynesiern, zu denen die Ureinwohner Hawaiis ebenso zugehören wie die Maori auf Neuseeland. Als Tao jüngst die philippinische Insel Bataan besuchten, entdeckten sie verblüfft, dass sie keinen Dolmetscher brauchten.

Doch von pazifischer Kultur ist nur noch wenig zu spüren. Die Insel ist längst von Chinesen geprägt, die sich vor rund 300 Jahren ansiedelten. Als 1895 die Japaner Taiwan eroberten, ergriffen sie auch die Herrschaft über Lanyu, das offiziell zu Taiwan geschlagen wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten die Chinesen wieder zurück. Generalissimus Chiang Kai-chek, der vor den Kommunisten auf dem Festland geflohen war, übernahm 1949 die Macht auf Taiwan - und für die Tao begann die schlimmste Zeit in ihrer jüngeren Geschichte.

Die Japaner hatten die überwiegend christlichen Inselbewohner in Ruhe gelassen. Alte Tao erinnern sich, dass sie vor allem Sitten und Gebräuche studierten. Das änderte sich mit Chiang: Dessen nationalistische Kuomintang-Regierung verordnete eine Landreform und schickte kommunistische Kriegsgefangene zur Umerziehung auf die Insel. Am Rande der Küstenstraße schimmelt die Ruine des früheren Gefängnisses in der tropisch-feuchten Luft.

Bald zwangen die neuen Herren die Leute von Lanyu, das im fernen China übliche Mandarin zu lernen. Tao zu sprechen war bei Strafe verboten. Noch heute erinnern sich die Tao an die Stockschläge ihrer Lehrer, wenn sie gegen die Vorschrift verstießen.

Das Ergebnis: Die meisten Insulaner beherrschen heute ein so reines Hochchinesisch, das jeden Sprachlehrer in Verzückung versetzen würde. Doch die alte Stammessprache gerät immer mehr in Vergessenheit. "Unsere Kinder beherrschen sie gar nicht mehr", klagt Bootsbauer Chen.

Auch die Gebräuche der Einheimischen waren den Chinesen ein Dorn im Auge. Sie zwangen die halbnackten Polynesier, in Röcke und Hosen zu schlüpfen. Die traditionellen Behausungen passten ebenfalls nicht in das Bild eines modernen, aufgeklärten China.

Zu primitiv erschien den Chinesen die auf die rauhe Natur abgestimmte Bauweise: Um sich gegen Taifune und Kälte zu schützen, lebten die Tao im Winter in niedrigen Hütten, die sie in Erdlöchern errichteten und deren Dächer auf der Höhe der ebenen Erde lagen.

Sobald das Wetter besser wurde, zogen die Tao in ein etwas höheres Haus. Zum Wohnensemble jeder Familie gehörte eine luftige überdachte Plattform auf Stelzen, auf der sich im Sommer Alt und Jung versammelten, um das Meer zu beobachten, ein Blick auf die Schweine zu haben und mit den Nachbarn ein Schwätzchen zu halten.

In den sechziger und siebziger Jahren sorgte die Regierung dafür, dass die alten Siedlungen weitgehend verschwanden. Ihre Bewohner erhielten Geld für Betonhäuser. Doch die Unterstützung war knapp und die Bevölkerung unerfahren. Die Folge: Lanyu ist übersät mit hässlichen Betonbauten, die zum Teil nicht fertig gestellt wurden und deren Stahlträger bereits rosten. Dennoch leben in diesen Rohbauten viele Menschen.

Die grau-schwarzen Mauern tragen dazu bei, dass die grüne Insel nicht gerade einen exotischen Eindruck auf die wenigen Besucher macht, die jeden Tag mit der zweimotorigen Turboprop der "Mandarin Airlines" von der Küstenstadt Taidong landen. Keine Augenweide sind auch die Autowracks, die zwischen Straße und Meer liegen.

Der schwerste Schicksalsschlag traf die Tao in den sechziger Jahren, als die Regierung ihre 65 Kilometer vor Taiwan liegende Heimat als Depot für leicht radioaktiven Müll erkor. 97.000 gelbe Fässer hat sie in von grünem Metall überdachten Betonsilos dicht an der Küste gebunkert. Seit 1996 sind die Magazine voll und das extra gebaute Hafenbecken liegt verlassen da. Nur ein paar Anwohner angeln von der Mole.

Immer wieder sind die Tao auf die Barrikaden gegangen und haben - wie zuletzt im Mai - verlangt, den Atommüll abzutransportieren. Bei ihren Demonstrationen ziehen die Männer das traditionelle Kriegsgewand an: seltsame Holzhelme und Lederschürzen auf den Schultern. "Das Depot ist längst undicht", sagt Shyman Feaien, 39, der Sprecher der Atommüll-Gegner. Sein chinesischer Name heißt Guo Jianping. Obwohl das staatliche Energieunternehmen "Taiwan Power Company" behauptet, in der Deponie lagere nur schwach strahlender Abfall, glauben Feaien und seine Mitstreiter, dass es in Wahrheit dort auch stark radioaktiver Müll lagert.

Seitdem die Fässer auf der Orchideeninsel angelandet wurden, seien überdurchschnittlich viele Kinder mit geistigen Behinderungen zur Welt kommen und immer mehr Frauen an Krebs erkrankt, klagt Feaien, der im Dorf Langtao einen Lebensmittelladen führt und jeden Bewohner der Insel persönlich zu kennen scheint. Öffentliche Statistiken, mit denen er seine Beobachtungen belegen kann, gibt es jedoch nicht, da die Regierung die Daten unter Verschluss hält.

Mitarbeiter von der "Taiwan Power Company" versichern, der Atomspeicher sei völlig ungefährlich. Regelmäßig würden die Fässer auf Lecks überprüft, die Dichtungen hielten jedem Taifun stand. Greenpeace-Aktivisten, durften diese Behauptungen bislang jedoch nicht überprüfen.

Geholfen haben die Proteste bislang nicht, obwohl der vor zwei Jahren gewählte Präsident Chen Shui-bian mehr Sympathien für die Belange der ethnischen Minderheiten und der Anti-Atombewegung hegt als seine Vorgänger. Doch so lange Taipei keine andere Deponie gefunden hat, bleiben die Fässer auf der Orchideeninsel.

Derzeit prüfen Experten, ob sich die unbewohnte Insel Wuchiu in der Taiwan-Straße als neues Endlager eignet. Trotz aller politischen Verstimmungen zwischen dem Festland und Taipei verhandeln beide Seiten derzeit zudem diskret, die strahlende Fracht womöglich in der muslimischen Autonomen Region Xinjiang zu verwahren.

Falls der Atommüll eines Tages tatsächlich von der Orchideeninsel fortgeschafft werden sollte, würden zwar die staatlichen Zahlungen wegfallen, die Taipei als Pacht für die Deponie zahlt. Bürgerrechtler Feaien hofft aber auf mehr Touristen. "Dafür müssen wir die Insel selbstverständlich putzen", sagt er und zeigt auf eine Ansammlung von Autowracks auf dem Weg.

Das wäre die Stunde des Bootsbauers Chen: "Dann können wir der Welt endlich unsere Kultur zeigen", sagt er. Und er würde seinem Traum näherkommen: der Bau eines Heimatmuseums.

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