Minenunglücke in China Massensterben unter Tage

Bis zu 15.000 Menschen haben im vergangenen Jahr ihr Leben in chinesischen Minen gelassen. Und die Serie der schweren Grubenunglücke reißt nicht ab: Die Zahl der toten Kumpel steigt beinahe täglich.


Rettungskräfte auf dem Weg in eine Kohlemine in der Provinz Shandong, im Juli 2003. Der Schacht wurde überflutet, 11 Arbeiter starben.
AP

Rettungskräfte auf dem Weg in eine Kohlemine in der Provinz Shandong, im Juli 2003. Der Schacht wurde überflutet, 11 Arbeiter starben.

Peking - Es muss ein besonders schlimmes Unglück sein, mit dutzenden Toten, Verschütteten oder Eingeschlossenen, damit es Chinas Minenarbeiter bis in die Meldungsspalten deutscher Zeitungen schaffen. Schuld daran ist schlicht die Masse an Gasexplosionen, Schachteinstürzen oder Wassereinbrüchen, die jährlich aus der Volksrepublik gemeldet werden.

Allein in den ersten beiden Monaten des Jahres kamen 1600 Arbeiter ums Leben. Am 30. März tötete eine Gasexplosion in einer Kohlegrube in der chinesischen Provinz Liaoning 14 Arbeiter. Bei einem vergleichbaren Unfall am 14. Mai in der Provinz Anhui starben 92 Arbeiter. Mittlerweile melden Agenturen die aktuellsten Zahlen: 2800 tödlich verunglückte Bergleute in den ersten sechs Monaten.

Im Jahr 2002 gab es insgesamt fast 15.000 Todesfälle unter Tage, berichtet die ICEM, die Internationale Föderation der Chemie-, Energie-, Bergbau- und Fabrikarbeiter-Gewerkschaften. Die ICEM beruft sich auf offizielle Zahlen des chinesischen Büros für Arbeitsunfälle.

Zahlen wie aus einem Kriegsgebiet. Und diese Größenordnungen erreicht China seit Jahren. Der dortige Bergbau ist der größte der Welt, kein Land bringt mehr Kohle auf den Weltmarkt, aber der Preis, den der einfache Schachtarbeiter dafür bezahlt, ist hoch.

Auch wenn sich die jüngste Gasexplosion in Shanxi in einem staatlichen Kohlebergwerk ereignete, sind es doch vor allem die vielen privaten und illegalen Minen, die immer wieder Orte solcher Tragödien werden. Mangelnder Feuerschutz, schlecht abgesicherte Schächte und unzureichende Belüftung machen die Suche nach Rohstoffen hier zu einem lebensgefährlich Unterfangen.

Zahlen wie aus einem Kriegsgebiet: Minenunglück in Nanjing in der Provinz Jiangsu am 22. Juli 2001
REUTERS

Zahlen wie aus einem Kriegsgebiet: Minenunglück in Nanjing in der Provinz Jiangsu am 22. Juli 2001

Weil die billigen und meist kleinen Schächte keine Abgaben an den Staat zahlen, unterbieten sie die stattlichen Kohlepreise. Zahlreiche staatseigene Bergwerke mussten deswegen schon stillgelegt werden. Millionen Kumpel sind arbeitslos, wer einen Job hat, wartet oft monatelang auf Löhne und Renten.

Chinas Behörden verbieten den illegalen Abbau nicht mit letzter Konsequenz, weil sie den hunderttausenden illegalen Arbeitern keine Alternative bieten könnten. Ein Ende der katastrophalen Arbeitsbedingungen unter Chinas Erde scheint nicht in Sicht.

Längst berichten auch in China die Medien über das Problem, sogar ein Spielfilm widmet sich dem Schicksal der Lohnsklaven im chinesischen Bergbau. Der Regisseur Li Yang gewann mit seinem Werk "Blinder Schacht" im April den silbernen Bären auf der Berlinale. Gewürdigt wurde vor allem der persönliche Einsatz des Filmemachers, der heimlich in den bruchfälligen Schächten drehen musste. Denn Chinas Kumpel werden den preisgekrönten Film so schnell nicht sehen, er wurde umgehend verboten. Eines der Bergwerke, in denen Li Yangs 700 Meter unter Tage filmte, stürzte zwei Tage später ein, auch hier gab es Tote.

Marc Baumann



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