Miss Germany Viel Fleisch und Peinlichkeiten

Sex-Appeal ist nicht alles. Es bedarf viel, um (wie jetzt Mirjana Bogojevic) Miss Germany zu werden. Eis-Sternchen und Jury-Mitglied Tanja Szewczenko weiß, was nötig ist: Gesicht, Körper, Proportionen - und reden müssen sie auch noch können. Dumme Sache, das.


Bin ich schön? Contest-Siegerin Mirjana Bogojevic
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Bin ich schön? Contest-Siegerin Mirjana Bogojevic

Berlin - Manchmal sind die Füße heißer als die Party, auf der sie tanzen wollen. "Schuhe aus, meine Füße schreien schon", stöhnt Mirjana Bogojevic und lächelt dabei. Sie ist 21 Jahre, aus Norderstedt, Krankenschwester und seit wenigen Minuten Miss Germany 2001. Ein vierstündiger "Marathon" in Stöckelschuhen auf dem Laufsteg eines Berliner Hotels liegt hinter ihr. Eigentlich will sie in dieser Nacht zu Samstag nur noch auf der Party feiern. Aber die Qualen der Pflicht sind noch nicht vorüber.

Die mehr als 330 Reporter und Fotografen wollen alle ein Foto und ein Interview von Deutschlands schönster Frau - möglichst exklusiv. Das Gedränge macht Bogojevic, amtierender Miss Millennium, nichts aus. Frisur, Make-up, Dauerlächeln und Krönchen sitzen trotz des Gedränges und der Hitze auch jetzt noch perfekt. "Ich bin total glücklich, das war sehr anstrengend", erklärt sie.

Der Mann neben ihr legt seinen Arm um ihre Hüfte. Die Kameras klicken. "Ich bin kein Star", sagt Thomas Köhler - aber immerhin nicht mehr nur Süddeutschlands, sondern gar Deutschlands schönster Mann. Das macht auch ihn "total glücklich". Schließlich haben Bogojevic und er sich an diesem Abend gegen jeweils 23 Konkurrenten aus der ganzen Republik, allesamt Sieger regionaler Ausscheide, durchgesetzt. Zwei Runden in Abendgarderobe und mit Bademoden waren zu überstehen. Im Endausscheid gegen dann jeweils nur noch vier Konkurrenten galt es, in einem Interview sprachliche Fertigkeiten unter Beweis zu stellen.

In Berin wurde die Miss Germany gewählt - eine Fleischbeschau...
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In Berin wurde die Miss Germany gewählt - eine Fleischbeschau...

Nach dem Sieg macht es dem 21-jährigen Zivildienstleistenden nichts mehr, dass auf dem grauen Anzugtuch Schlieren brauner Schminke abgefärbt sind. Immerhin: Die blondierten Strähnen stehen noch akkurat vom Kopf ab und das Lächeln klappt. Über ein Mikro lässt er seinen 22-köpfigen, krakelenden Fanclub, der extra aus München eingeflogen ist, wissen: "Ihr habt mir total geholfen, danke."

Schampus für die Füße

Nein, der Fanclub habe natürlich keine Auswirkungen auf die Entscheidung, erklärt Andrea Singh, die noch vor wenigen Monaten im Big-Brother-Container wohnte und nun zu den 30 mehr oder weniger prominenten Juroren zählt. "Man muss in die Augen gucken, das mache ich auch im Leben immer", sagt sie. "Gesicht, Körper und Proportionen müssen passen", zählt Eiskunstlaufsternchen Tanja Szewczenko die wichtigsten Kriterien auf. "Außerdem müssen sie sich artikulieren können."

...der etwas peinlicheren Art
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...der etwas peinlicheren Art

Das ist nicht einfach - noch nicht einmal für die Moderatoren der Veranstaltung. "Sie werden nicht nur von den Schülerinnen gemögt?", fragt der aus der SAT. 1-Quizshow bekannte Jörg Pilawa einen Kandidaten, der Lehramtsreferendar ist. "Dritter Sieger ist Florian Woidtke", ruft kurz darauf nach dem feierlichen Tusch seine an diesem Abend als Kollegin fungierende ehemalige Miss Germany, Ines Kuba. Die 2200 Zuschauer sind überrascht und schweigen. Eigentlich ist Woidtke längst ausgeschieden. Kuba ist in der Spalte verrutscht.

Da hilft nur tapferes Lächeln. Auch zweite Plätze können wie Siege sein. Wenngleich die Vize-Meister Alexander Kraft und Gesa Kawalek doch eher verlassen neben dem großen Pulk der Reporter stehen, die sich nur für die Erstplatzierten zu interessieren scheinen. Niemals hätten sie gedacht, in die Endausscheidung zu kommen - wirklich niemals, betonen Kraft und Kawalek synchron lächelnd. Dann erklingt die Nationalhymne. "Ist das peinlich", sagt ein Zuschauer.

Den Siegern ist das alles offenkundig egal. Sie haben Reisen in die Karibik, nach Ibiza und Südtirol gewonnen. Miss und Mister Germany bekommen einen einjährigen Werbevertrag von der ausrichtenden Miss-Germany-Corporation. Die schönste Dame bekommt zudem verschiedene Goldnägel und einen Ford KA geschenkt. Insgesamt sind die Preise 193.000 Mark wert. Am besten ist die Doppelmagnumflasche. Lächelnd starrt Bogojevic auf den Schampus. Wie gut doch ließen sich damit die wunden Füße kühlen.

Holger Mehlig



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