Miss-Germany-Wahl "Die Seele kann man nicht beurteilen"

22 Damen traten um den Titel der schönsten Frau Deutschlands an. Sie präsentierten sich unter anderem in Badeanzug, Abendkleid und Fußballtrikot. Am Ende entschied die positive Austrahlung - meint jedenfalls Jury-Mitglied Berti Vogts.

Von Sebastian Christ, Rust


Beinarbeit: Miss-Germany-Anwärterinnen in Rust
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Beinarbeit: Miss-Germany-Anwärterinnen in Rust


Rust - So viele schöne Frauen. Links, rechts, sogar vor und hinter ihm. Berti Vogts hält einen Fußball in der Hand, den er immer wieder dreht. Man hat den Fußballhelden von einst in eine andere Welt gebeamt. Auf der Miss-Germany-Bühne im Europapark Rust haben Visagisten, Friseure und Tanzlehrer das Sagen. Die "deutschen Tugenden" zählen hier nichts.

Vogts blickt schüchtern in die Runde der Missen. Sie alle tragen eng geschnittene DFB-Trikots, mit kurzen Höschen und perfekten Frisuren, die mit schwarz-rot-goldenen Schleifchen verziert sind. Zum Glück hat man ihm wenigstens einen Ball mit auf die Bühne gegeben, sonst wüsste er vor lauter Verlegenheit wohl nicht wohin mit seinen Händen. "Ich hoffe, dass Deutschland seine Gäste bei der Weltmeisterschaft genauso toll begrüßen möge." Dann tritt er schnell ab und überlässt den Schönheitsköniginnen die Bühne.


Die Miss-Germany-Wahl 2006 in Rust wird moderiert von Ex-Fernsehstar Ingo Dubinski. Auf den Tischen liegen goldene Krönchen mit Plastikedelsteinen. Das Publikum variiert von Rotary-Club bis Reeperbahn, dunkler Nadelstreifenanzug trifft Solariums-Kunden. Dazwischen einige hübsche Frauen, die es heute Abend nicht auf die Bühne geschafft haben - aber das kann ja noch werden.

Miss T-Online darf nicht fehlen

Es hat 241 Ausscheidungswahlen mit 3600 Bewerberinnen gegeben. 22 Frauen stehen heute in Rust auf der Bühne: Eine Miss aus jedem Bundesland, dazu die regionalen Missen und, natürlich, Miss T-Online. Die Siegerin bekommt Preise im Wert von 76.000 Euro und darf ein Jahr lang Mercedes fahren. Die Verliererinnen bekommen ein Nagelpflegeset und Freikarten für den Europapark.

Die 22 Nachwuchs-Beautys wurden von der Miss Germany Corporation nach Gran Canaria zum Promo-Urlaub eingeladen. Auf der Reise dorthin absolvierten die Missen schon einen Probelauf im Charter-Flugzeug. Die Bilder flimmerten am Abend der Wahl über die Leinwände links und rechts der Bühne: Schöne junge Frauen, die sich lächelnd mit ihren Nummernschildern durch die schmalen Gänge der Economy-Class quetschen.


In Rust wird die Jury vorgestellt, zum Beispiel Professor Werner Mang, Schönheitschirurg und Optimierungsexperte. Sein kritischer Blick hat die Gesichter der 16- bis 23-jährigen Mädchen auf Verbesserungspotential überprüft. Er gibt sich großzügig. "Ich glaube, dass ich hier gar nicht so viel zu tun habe." Er wird flankiert von Ex-Radrennfahrer Rudi Altig und der Gymnastik-Grazie Magdalena Brzeska.

In zwei Durchgängen werden die 22 Schönheitsköniginnen über den Laufsteg geschickt. Ein Choreograph steht unten am Bühnenrand und fuchtelt mit seinen Händen, wie ein Fußballtrainer, dessen Team kurz vor Schluss zurück liegt. "Schneller, schneller", ruft er. Die Mädchen gehorchen. Ihre Stöckelschuhe klackern dumpf auf den hellgrünen Kunststoffplatten. Zuerst tragen sie Abendkleider, später einen rosafarbenen Badenanzug. Jedes Detail ist genau festgelegt.

"Das ist wie Talentsichtung"

Zu sagen haben sie wenig. Außer einen auswendig gelernten Spruch mit Alter, Herkunft und Beruf. Da aber alle dargebotenen Infos schon als Tischvorlage ausgeteilt wurden, kümmert sich ohnehin niemand darum. Entscheidend sind andere Dinge.

Berti Vogts macht sich zu jeder Frau Notizen. Manchmal lächelt er. Seine Ellbogen liegen auf dem Tisch. Er sagt: "Das ist wie Talentsichtung betreiben."


Mang referiert über sein Schönheitsideal: "Die Proportionen müssen stimmen, das Verhältnis zwischen Kopf, Brust und Beinen." Er sagt: "Manche Jurymitglieder urteilen, wen sie heute Abend am liebsten mit nach Hause nehmen würden." Mang verlässt sich auf die Mathematik. Er beschreibt die "Dritteleinteilung des Gesichts", behauptet, dass man das alles am Computer nachmessen könne. Innere Werte? Mang: "Die Seele kann man nicht beurteilen."

Berti Vogts steht ganz in der Nähe und sagt: "Die Ausstrahlung ist entscheidend." Er hat einen Kader von "acht bis zwölf" Frauen im Blick.

Schüchterner Jubel

Die Missen müssen Fragen von Ingo Dubinski beantworten. Die Juroren fächern sich Luft zu, manche trinken Sekt. Miss Baden-Württemberg ist gelernte Zahntechnikerin. Sie sagt, dass sie schon früh mit Silikonbällen gespielt habe. Miss Bayern ist Automobilkauffrau und bekennt, dass sie sich öfters mal dreckig machen muss. Unverständnis kommt vor allem dann auf, wenn die Damen über intellektuelle Ambitionen reden. "Französische Literatur im Original? Wie kommt man denn darauf?" fragt Dubinski verdutzt, als er mit Miss Berlin über deren Hobbys redet.

Die junge Dame wird dennoch zur Siegerin gekürt. Schüchtern hält sie sich die Hand vor den Mund, vermeidet jeden Gefühlsausbruch, geht gefasst nach vorn und nimmt die Krone entgegen. Irgendwie sieht es immer gleich aus, wenn Missen sich über ihren Titel freuen. Aus extra herangefahrenen Gebläsen schießt ein Regen aus silberfarbenen Alu-Schnipseln über die Bühne.

Skorpions-Gitarrist Rudolf Schenker, Mark Keller und Werner Mang posieren für ein TV-Team. Im Hintergrund läuft Frank Sinatra: "I Get a Kick Out of You". Sie kennen das Spiel. Sie wissen, wie man ins Fernsehen kommt. "Nummer eins war nicht schlecht", sagt Keller. "Glauben sie ihm kein Wort", kontert Schenker.

Berti Vogts steht an seinem Platz. Er sagt: "Die positive Ausstrahlung war entscheidend."



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