Miss-Wahl Daniela ist Deutschland

Die Schönste kommt aus Bayern. Rund 3700 Frauen hatten sich um den Titel der "Miss Deutschland" beworben. Die Jurastudentin Daniela Domröse stach alle anderen aus - bei einer Veranstaltung mit Provinz-Glamour, Halbprominenz und unzähligen schlechten Witzen.
Von Sandra Fomferek

Krefeld - "Die spinnen doch", entfährt es Christine Domröse, als die Dritte der insgesamt fünf Finalistinnen bei der Wahl zur Miss Deutschland 2006 verlesen wird. Die ersten Entscheidungen - wer Deutschland bei den Wahlen zur Miss Earth, zur Miss Universe und zur Miss International vertreten darf - sind bereits vergeben, der Name ihrer Tochter ist aber noch nicht gefallen. "Dann können wir gleich wieder nach Hause fahren", schimpft sie. Mit Sohn Dominik, 14, und Tochter Nadine, 21, im Schlepptau ist sie extra aus Erlangen ins nordrhein-westfälische Krefeld gereist, um ihrer Tochter Daniela, 23, beim grazilen Posieren im Scheinwerferlicht zuzuwinken.


"Ich hoffe nur, es geht alles mit rechten Dingen zu", sagt sie. Die Rassel, mit der sie eben noch am Laufstegende ihre Tochter anfeuerte, hat sie vor Aufregung beim Finale an ihrem Sitzplatz liegen gelassen, aber es geht auch ohne: Die ganze Familie kreischt und jubelt, Daniela Domröse wird Miss Deutschland 2006. Das Blitzlichtgewitter treibt der frisch gewählten 1,81 Meter großen Blondine die Tränen in die Augen. Dagegen ist selbst die stärkste Wimperntusche machtlos. Eine Stylistin versucht, mit Taschentuch und Puder die schwarzen Schlieren zu beseitigen, damit die Jurastudentin wieder hemmungslos lächeln kann. Keck winkt sie ihrer Mutter zu, die glücklich strahlt.

Einen Tisch entfernt sitzt die Familie von Miss Hessen. Vater, Mutter, Tante, ihr Lebensgefährte, dessen Schwester und Cousine - alle haben 50 Euro gezahlt, um dabei sein zu können, falls Yvonne Taudor es schafft. Von dem, was sie für ihr Geld bekommen, sind sie mehr als enttäuscht: Säulen und Fotografen versperren den Blick auf den weißen Laufsteg, zu essen gibt es nichts, und der ersehnte Titel fällt auch nicht ab. "Ich hatte mir das anders vorgestellt", gibt Freund Gianni Di Cesare, 25, zu: "Wenigstens unter die ersten fünf hätte sie kommen können."

Da tröstet es wenig, dass für Wolfgang Bahro - Schauspieler in der Fernsehserie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" - die dunkelhaarige Miss Hessen zu den Favoriten des Abends zählt. Er gehört zu der 13-köpfigen aus Halbprominenz bestehenden Jury, die die ihrer Meinung nach schönste Frau Deutschlands küren soll. Zur Auswahl haben sie 16 Finalistinnen im Alter zwischen 17 und 25 Jahren. "Mir kommt es vor allem auf Ausstrahlung und Humor an", sagt er, attraktiv seien sie schließlich alle.

Es darf gejohlt werden

"Wer von uns ist eigentlich Deutschland?", stellt Miss Saarland die Preisrichter auf die Probe. Sollte es Miss Thüringen werden, die sich mit den drei Wörtern "spontan", "sportlich" und "Strom" beschreibt, die leidenschaftliche Vegetarierin und Greenpeace-Anhängerin Miss Baden-Württemberg oder doch die nachnominierte Berliner Kandidatin, die sich "ganz doll" auf die Aftershowparty freut?

Eine schwere Wahl, findet Jurymitglied Michael Dierks: "Das ging ja auch alles so schnell." Zunächst im Abendkleid und dann im Bikini stolzieren die Damen an den Entscheidungsträgern vorbei. Im Publikum darf gejohlt werden. Kein Witz ist Moderator Patrick Urban in der zweistündigen Show zu flach, kein Spruch zu abgegriffen. Selbst als die Zahnmedizinstudentin Yvonne Menzel, Kandidatin aus Mecklenburg-Vorpommern, angibt, eine Weiterbildung in oraler Chirurgie machen zu wollen, bricht prustendes Gelächter aus.

"Kein Spanisch mehr", stöhnt ein Zuschauer in der ersten Reihe, als Miss Nordrhein-Westfalen zum wiederholten Mal mit der Jury auf Spanisch spricht, um ihr Sprachtalent unter Beweis zu stellen. Ihre Hartnäckigkeit zahlt sich aus, sie schafft es nicht nur in den Kreis der Finalistinnen, die sich im Fußballdress dem Schlagfertigkeitstest unterziehen, sie darf bei der Wahl der Miss Universum in Mexiko als Vertreterin Deutschlands antreten. "Für mich seid ihr alle Siegerinnen", tröstet der Moderator die lächelnden Verliererinnen.

Miss Bayern bezirzt derweil die Jury mit ihrem politischen Programm: Für die Abschaffung der Studiengebühren, allein erziehende Mütter und die Integration von Ausländern würde sie sich als Kanzlerin stark machen. Doch das muss warten, jetzt hat die 23-jährige Naschkatze mit einer Leidenschaft für Pralinen und Zuckerwatte andere Aufgaben: Ein Jahr lang wird sie Deutschland bei internationalen Beauty-Wettbewerben repräsentieren.

Miss Hessen mag nicht mehr

"Ich hatte ein ganz schlechtes Gefühl und hätte nicht damit gerechnet", gesteht sie. Einige Teilnehmerinnen behaupten dagegen, die Gewinnerinnen hätten bereits im Trainingslager in der Türkei festgestanden. Veranstalter Detlef Tursies streitet die Gerüchte ab. "Es gibt immer Mädchen, die glücklich sind, und solche, die traurig sind. Die Traurigen suchen dann manchmal nach einem Grund", sagt er. Schon im Vorfeld der Wahl hatte der Rücktritt der Berliner Kandidatin Vera Gafron für Aufregung gesorgt. Wenige Tage vor der Endausscheidung hatte sie ihren Titel aus "persönlichen Gründen" zurückgegeben.

Miss Hessen posiert im Saal der Galopprennbahn noch für ein letztes Foto, bevor sie mit ihrer Familie zur Krönungsparty aufbricht. Ein bisschen enttäuscht ist sie schon. "Aber ich denke, ich kann mehr als auf einer Bühne stehen und gut aussehen", sagt sie. Für die Lehramtsstudentin aus Limburg beginnt nun wieder der Alltag, das nächste Referat wartet. Auf Miss-Wahlen hat die 24-Jährige nach dem Erlebnis keine Lust mehr. "Sie hat es geschafft, bis hierher zu kommen. Das ist doch auch eine Bestätigung", tröstet ihr Freund sie. Die Fotos könne man später mal den eigenen Kindern zeigen.

Auf dem Laufsteg hat für die neue Miss Deutschland die Arbeit bereits begonnen. Umkreist von Fotografen und Kameramännern gibt sie Interviews am laufenden Band. Allein an der Spitze bleibt die schönste Frau Deutschlands nicht: Anfang Februar krönt ein anderes Komitee in Rust die "Miss Germany 2006". Die Konkurrenz fürchtet Veranstalter Tursies nicht: "Deutschland ist groß genug für zwei Veranstaltungen dieser Art", meint er.

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