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22. Juli 2002, 17:42 Uhr

Missbrauch-Debatte

Bis zu 300 pädophile Priester in Deutschland

Jeder 50. Priester in Deutschland ist pädophil. Das zumindest schätzt Franz Grave, Weihbischof im Ruhrbistum Essen. In seiner Diözese wurde jetzt ein Priester wegen eines Missbrauchsfalls vor 22 Jahren seines Amtes enthoben.

Bischof Grave
DPA

Bischof Grave

Essen - Grave wies am Montag in Essen jedoch jeden Generalverdacht gegen katholische Geistliche zurück. Es handele sich um etwas mehr als zwei Prozent der insgesamt 18.000 Priester.

Zwar sei "jeder Missbrauchsfall einer zu viel", doch handele es sich "nicht um ein Massenphänomen, das ausschließlich in der katholischen Kirche vorkommt", sagte der Weihbischof. Auch im pädagogischen Bereich komme so etwas vor.

Auch der Mainzer Bischof Karl Lehmann erwartet neue Vorwürfe gegen Priester wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch. "Nüchtern betrachtet muss man wohl mit weiteren Enthüllungen dieser Art rechnen", schrieb Kardinal Lehmann am Montag in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Die Vorfälle träfen die "Kirche in diesem Land ähnlich wie in den Vereinigten Staaten ins Mark", heißt es in Lehmanns Erklärung weiter, die der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz als persönliche Meinungsäußerung verstanden wissen will. Sexuellen Missbrauch gebe es auch in anderen Berufsgruppen. "Aber die Kirche stellt sich hier selbst unter einen besonderen Anspruch; deshalb wiegt jede Schwäche um so schwerer. Wir müssen uns jetzt selbstkritisch fragen, ob es uns immer gelungen ist, dem Handlungsanspruch in einzelnen Fällen gerecht zu werden."

Grave äußerte sich in der bundesweiten Debatte über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche zu einem Fall, der inzwischen rund 22 Jahre zurückliegt. Der langjährige Direktor des Frans-Sales-Hauses in Essen, eines Heimes für Behinderte, hatte gestanden, als junger Kaplan über Jahre hinweg einen Jugendlichen missbraucht zu haben. Der Priester sei inzwischen seines Amtes enthoben und in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden, erklärte Grave. Gleichzeitig habe das Bistum dem heute erwachsenen Opfer psychologische Hilfe angeboten. In einem Brief an das Bistum hatte der beschuldigte Priester die Fehler eingeräumt und sein Opfer um Vergebung gebeten.

Laut Grave begann der Missbrauch, nachdem der damals 13 Jahre alte Junge dem Kaplan von einem sexuellen Übergriff eines anderen Priesters berichtet hatte. Aus einer Zeit der Betreuung sei dann Freundschaft und schließlich in beiderseitigem Einvernehmen eine sexuelle Beziehung zwischen dem Jungen und dem Kaplan geworden, betonte der Weihbischof. Der sexuelle Missbrauch habe bis zum 18. Lebensjahr des Opfers angedauert, dann habe der junge Mann die Beziehung beendet. Der betroffene Seelsorger versicherte gegenüber dem Bistum, dass es danach keinen weiteren Fall von Missbrauch gegeben habe. "Es gibt keine Anzeichen dafür, das in der Zeit als Direktor des Heimes weitere Fälle geschehen sind", erklärte Grave.

Opfer hatte sich schon 1993 gemeldet

Schon einmal, vor neun Jahren hatte sich das Opfer an das Ruhrbistum Essen gewandt und den Fall geschildert. Damals seien nach einer internen Prüfung der Vorwürfe keine Konsequenzen gezogen worden. "Das war aus heutiger Sicht ein Versäumnis", räumte der Weihbischof ein. Gleichzeitig betonte er, die Sichtweise der katholischen Kirche in Sachen pädophiler Priester sei "damals anders gewesen".

Im Ruhrbistum Essen gab es in den letzten zehn Jahren noch weitere Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester. In zwei Fällen seien die Geistlichen zu Bewährungsstrafen und zur Zahlung von Geldbußen verurteilt worden. In einem anderen Fall konnten die Vorwürfe nicht nachgewiesen werden. In dem am Montag eingeräumten Fall sei die Tat inzwischen strafrechtlich verjährt, "was aber die Schwere der Tat nicht mindert, geschweige denn ungeschehen machen kann", sagte Grave.

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