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06. Mai 2010, 16:46 Uhr

Missbrauch in der katholischen Kirche

Benedikts Glaubenswächter im Zwielicht

Als Nachfolger Joseph Ratzingers ist Kardinal Willliam J. Levada im Vatikan Chefaufklärer von Missbrauchsfällen. Doch jetzt gerät auch der Präfekt der Glaubenskongregation in Erklärungsnot: Er soll Kindesmissbrauch durch US-Priester nicht entschlossen genug geahndet haben.

Hamburg - Kardinal William J. Levada, 73, ist der oberste Sittenwächter der katholischen Kirche, ein Geistlicher, der für die vielbeschworene neue Kompromisslosigkeit des Vatikans im Umgang mit Priestern steht, die sich des Missbrauchs an Schutzbefohlenen schuldig gemacht haben.

Doch der Kardinal, gebürtiger Kalifornier und mittlerweile mächtigster US-Amerikaner in der katholischen Kirche, der von seinem Vorgänger im Amt des Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, persönlich für diesen Posten ausgesucht wurde, gerät zusehends selbst unter Druck: Wie entschlossen ging Levada bei der Aufklärung von Missbrauchsfällen vor, als er Bischof beziehungsweise Erzbischof in den USA war?

Von 1986 bis 2005 stand Levada den Erzdiözesen Portland und San Francisco vor. Wie die "New York Times" berichtet, war Levada bereits im Mai 1985, damals als Weihbischof in Los Angeles, in einen Missbrauchsfall involviert.

Levada soll, so das Blatt, zu jener Zeit intensive Akteneinsicht in den Fall des Priesters Gilbert Gauthe erhalten haben, einem einschlägig belasteten Geistlichen, der sich mehrfach an Kindern vergangen hatte. Anwälte und Kirchenleute, die sich mit dem Fall befassten, schilderten laut "NYT" später, wie intensiv sich Levada mit ihren Aufzeichnungen auseinandersetzte und ihnen versicherte, es werde eine Untersuchungskommission eingesetzt - was nie geschah.

Pädophile Priester wieder zur Ausübung ihrer Ämter zugelassen

Drei Jahre später soll Levada, mittlerweile Erzbischof, einen anderen Priester, gegen den Vorwürfe im Raum standen, zwar verwarnt, den Mann aber im Amt belassen haben.

Im Mai 1992 soll Levada dann laut "NYT" erneut über weitere Taten des Priesters informiert worden sein, der zahlreiche Jungen missbraucht hatte - doch erst zwei Jahre später, so das Blatt, wurde ein psychologisches Gutachten des Missbrauchstäters in Auftrag gegeben, nachdem sich weitere Opfer mit Anschuldigen gegen den Mann gemeldet hatten. Der Priester ging daraufhin in den Ruhestand. Er starb 1996.

In mindestens zwei Fällen soll der damalige Erzbischof Levada pädophile Priester nach Therapien wieder in der Gemeindearbeit eingesetzt haben.

Levada selbst erklärte laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) im Jahr 2005, weshalb er zum Beispiel 1995 im Fall des Paters Milton Walsh, der zehn Jahre zuvor einen 13-Jährigen missbraucht hatte, nicht tätig wurde.

"Sie mögen mir ja vertrauen, aber ich selbst habe dieses Vertrauen nicht"

Er habe "Vertrauen" zu dem Pater gehabt, so Levada. Walsh selbst sagte später, er habe gegenüber seinem damaligen Erzbischof angemerkt: "Sie mögen mir ja vertrauen, aber ich selbst habe dieses Vertrauen nicht."

Erst 2002, als die Katholische Kirche der USA ihre "Null Toleranz"-Politik gegen pädophile Geistliche umzusetzen begann, durfte Walsh sein Amt nicht mehr ausüben.

Ein weiterer gravierender Fall: 1997 soll Levada den Geistlichen John P. Conley, der einen Verdachtsfall gemeldet hatte, unter vorgeschobenen Gründen vom Dienst suspendiert haben. Conley ging gerichtlich dagegen vor - und gewann. Der Mitbruder, dessen Verhalten Conley angezeigt hatte, gab später zu, dass er körperlichen Kontakt zu Jungen gesucht habe, weil ihm dies sexuelle Befriedigung verschaffe.

Levada nahm gegenüber der "New York Times", die mehrfach kritisch über den Kardinal berichtet hatte, nicht Stellung: Die zehn Tage, die das Blatt dem Kardinal zur Beantwortung von Fragen eingeräumt hatte, seien nach Dafürhalten seines Anwalts Jeffrey Lena nicht ausreichend gewesen.

"Die Presse ist immer auf eine gute Story aus"

Kritiker werfen Kardinal Levada vor allem sein distanziertes Verhältnis zu Missbrauchsopfern vor, seine Unfähigkeit, auf sie zuzugehen. "Er hat sich nie darum bemüht, selbst in Fällen, in denen die Schuldfrage eindeutig geklärt war", sagte Diane Josephs, die das Opfer des Priesters Walsh anwaltlich vertritt, der AP.

Dem widersprach in der "NYT" der Bischof von Salt Lake City, John C. Wester. "Das hat er nicht verdient", so der Bischof über den Kardinal. "Er ist nicht der gesellige Kumpeltyp. Er ist ernst und reserviert. Manchmal deuten die Leute sowas falsch."

Erst vergangene Woche hatte Kardinal William J. Levada dem Fernsehsender PBS ein Interview gegeben, in dessen Verlauf er einräumte, er hätte "vieles besser machen können, als ich es getan habe".

Wenn man der Kirche jedoch vorwerfe, jahrzehntelang Fälle von Kindesmissbrauch vertuscht und verdängt zu haben, so Levada, lasse man einen zentralen Aspekt außer Acht: Der Umgang mit Missbrauch sei ein gesamtgesellschaftlicher "Lernprozess", der noch nicht abgeschlossen sei.

Er selbst, so Levada weiter, sei 1983 zum Bischof geweiht worden, "und ich kann Ihnen sagen, dass ich bis dahin noch nie davon gehört hatte, dass ein Priester ein Kind missbraucht. Das ging hinter verschlossenen Türen vor sich, darüber wurde nicht gesprochen. Wir brauchten viel Zeit, um zu verstehen, welche Schäden solches Verhalten bei den Opfern, den Kindern, anrichtet."

pad

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