Missbrauch in der Kirche "Priester müssen lernen, was Sexualität ist"

Eine Serie von Übergriffen katholischer Geistlicher auf Minderjährige hat die Diskussion um Sexualität und Kirche neu entfacht. Die Psychotherapeutin Rotraud Perner erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, weshalb sich die Institution mit Prävention und Aufarbeitung von Missbrauch so schwer tut.
Katholische Geistliche: "Priester müssen lernen, was Sexualität ist"

Katholische Geistliche: "Priester müssen lernen, was Sexualität ist"

Foto: KEVIN FRAYER/ AP

SPIEGEL ONLINE: Frau Perner, Sie haben als Therapeutin mehrfach mit katholischen Geistlichen gearbeitet, die wegen sexueller Probleme Hilfe suchten. Es ist selten, dass die Betroffenen diesen Schritt tun - was kann sie überhaupt dazu bewegen?

Perner: Meist geschieht das, wenn der Betroffene merkt, dass er in Verdacht gerät. Manche kommen, weil sie erpresst werden. Manche brauchen einfach jemanden zum Reden. Einer kam mal zu mir, weil er mit einem anderen Priester über das Thema Homosexualität reden wollte - der Kollege meldete das sofort dem Bischof. Der Großteil der Priester, die bei mir in Therapie waren, kamen wegen Zwangsgedanken, wegen Phantasien über Berührungen kindlicher Gesäße und ähnlichem.

SPIEGEL ONLINE: Bei ihren Vorgesetzten, ihren geistlichen Hirten, suchen Priester Ihrer Erfahrung nach also keine Hilfe?

Perner: Überhaupt nicht. Die Vorgesetzten reagieren erst, wenn sie nicht mehr wegschauen können. Die Betroffenen sind also völlig hilflos.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl Missbrauch innerhalb der Kirche in den vergangenen Jahren Dauerthema war - man denke allein an die USA, wo seit 2002 Tausende Fälle aufgedeckt wurden - lässt sich also kein Mentalitätswandel feststellen?

Perner: Es ist in der katholischen Kirche verpönt, über Sexualität zu reden. Gerade in dieser kirchlichen Welt, in der niemand etwas wissen darf, haben die Betroffenen keine Möglichkeit, sich auszutauschen. Dafür haben sie ihr System von Reue und Buße: Die Priester können beichten, sind danach frei von Schuld und können wieder von vorne anfangen.

SPIEGEL ONLINE: Sie machen bei Betroffenen vier Faktoren aus, die geleugnet werden: die Tat selbst, das Wissen um die moralische Verwerflichkeit der Tat, die Verantwortung und die Auswirkungen.

Perner: All das streitet der Betroffene ab. Priester halten daran fest, dass sie die Sendboten Gottes sind. Und das ist für die Opfer besonders schwer. Einer meiner Klienten war 16 Jahre alt, als ein Priester ein sexuelles Verhältnis mit ihm begann. Der Junge erzählte mir, wie er den Geistlichen angebetet habe, wie er geglaubt habe, er sei etwas Besonderes für ihn. War er aber nicht. Als er dem Priester zu alt war, servierte der den Jungen ab. Erst später erkannte dieser den Missbrauch, die Auswirkungen können schrecklich sein.

SPIEGEL ONLINE: Weil Priester eine besondere Vertrauensposition genießen?

Perner: Absolut! Sie gebärden sich ja auch nach dem Prinzip "Alles, was ich tue, ist rein" - das erwartet man von einem Priester geradezu. Dementsprechend groß ist die Erschütterung, die das Missbrauchsopfer erleidet. Oft handelt es sich dabei um angepasste, brave Kinder, die den Mund halten. Sie sind besonders gefährdet. Es braucht erfahrungsgemäß immer sehr lange, bis sie sich schließlich jemandem anvertrauen.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen die betroffenen Priester eine besondere Schwere ihrer Schuld wahr?

Perner: Das dürfen sie ja gar nicht. Priester unterstehen der Gerichtsbarkeit der Kirche. Die, die vor ihrem Bischof Auskunft erteilen müssen, versuchen sich herauszureden. Wie andere Täter in solchen Fällen tun auch sie alles, um Schuld von sich zu weisen und das Opfer für die verbotene Handlung mit verantwortlich zu machen. Sie leugnen oder verharmlosen ihre Tat. Ich habe in solchen Fällen oft Sätze gehört wie: "Das Kind saß mit gespreizten Beinen da und wollte es doch auch" oder "Ich wollte dem Kind nur Sexualkunde beibringen."

SPIEGEL ONLINE: Sie vertreten die Ansicht, dass Kollektiventschuldigungen bei Opfern nutzlos sind, und raten davon ab. Was sollte stattdessen geschehen?

Perner: Eine Entschuldigung bringt nur etwas, wenn sich der Priester dem Opfer stellt und sich beispielsweise von ihm beschimpfen lässt. Das muss er als Täter aushalten, damit er kapiert, was er getan hat. Solch eine Konfrontation muss unter Zeugen ausgetragen werden, damit sich der Priester nicht mit Sätzen wie "Du wolltest es doch auch" herauswinden kann. Ich kenne eine Frau, die sich als Kind immer auf den Schoß des Pfarrers setzen musste, wenn dieser zu ihren Eltern nach Hause kam. Der Priester streichelte dem Mädchen dabei die Beine - ein klarer Übergriff, den das Kind nicht wollte. Doch seine Eltern störte das nicht, weil ein Priester als asexuell gilt.

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder wird die Rolle des Zölibats als eine der Ursachen für sexuelle Übergriffe von katholischen Geistlichen auf Kinder oder Jugendliche genannt.

Perner: Aus meiner Berufspraxis kann ich bestätigen, dass Männer mit psychischen, oft aber auch physischen Problemen im Sexualbereich unbewusst häufig nach dem zölibatären Leben katholischer Geistlicher streben. Nicht bestätigen kann ich hingegen, dass es sich dabei überwiegend um pädophil oder pädosexuell veranlagte Männer handelt. Zwar streben diese tatsächlich oft nach Berufen, in denen sie mit Kindern allein sein können, bevorzugen dabei aber die primär säkularen pädagogischen Berufsfelder, werden Lehrer, Erzieher, Sportwarte, Jugendleiter, bieten sich aber auch als Babysitter an oder antworten auf Kontaktanzeigen als mögliche Partner für alleinerziehende Mütter, "Kind kein Hindernis".

SPIEGEL ONLINE: Der von der Kirche geforderte Zölibat fördert aber die Ausblendung von allem Sexuellen?

Perner: Die meisten Priester, die in den vierziger und fünfziger Jahren geboren wurden und als Erwachsene an Kindern herumspielen, haben keine Ahnung von Sexualität und finden immerzu Ausreden dafür, warum sie Kinder unsittlich berührt haben. Es sind die gleichen Ausreden, wie ich sie von anderen Pädophilen kenne.

SPIEGEL ONLINE: Was muss die Kirche ändern?

Perner: Ich kenne einen katholischen Pfarrer, der wegen seiner Homosexualität sein Amt verlor. Auch er sagt, dass nicht der Zölibat das Problem der katholischen Kirche sei, sondern vielmehr die mangelnde Aufklärung. Priester müssen lernen, was Sexualität ist und sich mit ihrer eigenen Sexualität auseinandersetzen. Ein Priester kann seine Sexualität leben, ohne den Zölibat zu brechen. Schwierig ist es für diejenigen, die gemerkt haben, dass sie den falschen Beruf gewählt haben. Die hatten meist davor schon Probleme mit ihrer Sexualität und daher die Hoffnung, dass sie durch ihren Beruf - durch den vorgeschriebenen Verzicht - quasi befreit werden.

SPIEGEL ONLINE: Wäre die Abschaffung des Zölibats nicht auch ein Schritt zu mehr Lebensmodernität?

Perner: Heutzutage ist es in vielen kleinen Gemeinden doch gar kein großes Thema mehr, wenn sich ein Pfarrer in eine Frau verliebt und diese ein Kind bekommt, da haben die Bürger kein Problem damit, wenn ihr Pfarrer eine Familie hat. Die meisten Priester jedoch sind nicht verliebt, sondern einfach nur geil.

SPIEGEL ONLINE: Der deutsche Jesuit Friedhelm Mennekes warnte kürzlich vor "einem zu großen Vertrauen in die katholische Kirche", Eltern sollten ihre Kinder "nie mit Geistlichen allein lassen" …

Perner: … das gleicht der Verteufelung aller Männer! Da könnte man genauso gut sagen: Lasst Eure Kinder nicht alleine mit Lehrern oder Jugendbetreuern. Eltern sollten ihren Kindern - ohne ihnen Angst zu machen - frühzeitig beibringen, dass man sie nicht anfassen darf und dass sie sich wehren sollen. Kinder sollten immer misstrauisch sein - auch Geistlichen gegenüber. Die Kirche selbst ist nicht das Problem, aber sie hat eines.

Das Interview führte Julia Jüttner