Verbindung zu Verdächtigem in Missbrauchsfall Münster stellt Chef der Wirtschaftsförderung frei

Der Chef der Wirtschaftsförderung Münster soll dem mutmaßlichen Missbrauchstäter Adrian V. sein Ferienhaus überlassen haben. Weil er die privaten Kontakte nicht hinreichend kommuniziert haben soll, hat die Stadt scharf reagiert.
Stadthaus Münster: "Ansehen und das Vertrauen in die städtischen Institutionen standen auf dem Spiel"

Stadthaus Münster: "Ansehen und das Vertrauen in die städtischen Institutionen standen auf dem Spiel"

Foto: Movementway/ picture alliance / imageBROKER

Im Zusammenhang mit dem Missbrauchsfall in Münster ist der Geschäftsführer der städtischen Wirtschaftsförderung, Thomas Robbers, von seinen Aufgaben entbunden und abberufen worden. Der Oberbürgermeister von Münster, Markus Lewe (CDU), und die Fraktionsvorsitzenden im Rat der Stadt haben eine entsprechende Dringlichkeitsentscheidung unterschrieben. Das bestätigte ein Sprecher der Stadt dem SPIEGEL. Die "Westfälischen Nachrichten" hatten zuerst über die heikle Personalie berichtet. 

Robbers, 56, wurde freigestellt, da er offenbar private Beziehungen zu dem Hauptverdächtigen im Missbrauchsfall pflegte. Diese Verbindung zu Adrian V. soll er gegenüber der Stadt und Oberbürgermeister Lewe in den vergangenen Tagen nicht transparent genug offengelegt haben. Das geht aus einem vertraulichen Schreiben der Stadt hervor, mit dem die Fraktionsvorsitzenden informiert wurden und das dem SPIEGEL vorliegt. Darin wird Robbers eine "unprofessionelle Kommunikation" vorgeworfen, es sei "höchst zweifelhaft", ob er die Qualifikation für eine Fortführung der Dienstgeschäfte habe. 

Am 14. Mai wurde Adrian V. festgenommen, er soll den zehnjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin sexuell missbraucht und Fotos und Videos davon im Darknet verbreitet haben. Am 9. Juni soll Robbers in einem Telefonat mit dem Oberbürgermeister erwähnt haben, dass er und Adrian V. sich kennen würden. So steht es in dem Dokument. Robbers soll ein Ferienhaus in Belgien besitzen, dort soll Adrian V. zusammen mit dem zehnjährigen Jungen übernachtet haben. 

Robbers soll dem Oberbürgermeister gesagt haben, dass Adrian V. in dem Ferienhaus eine IT-Anlage installiert habe. Lewe soll Robbers zu einer schriftlichen Beantwortung von "sechs detaillierten Fragen" aufgefordert haben, allerdings sei der ehemalige Chef der Wirtschaftsförderung in einer Stellungnahme nicht auf die Fragen eingegangen. Robbers habe mündlich berichtet, dass sich Adrian V. viermal in seinem Ferienhaus aufgehalten habe, auch seine Mutter Carina V. sei dort gewesen. Auch sie ist in dem Fall beschuldigt und sitzt derzeit in Untersuchungshaft. 

"Er hätte unverzüglich von sich aus spätestens nach Bekanntwerden des Falls über seine Verbindung zum Hauptbeschuldigten die Eigentümerin der Wirtschaftsförderung Münster GmbH in Kenntnis setzen müssen", heißt es in dem vertraulichen Schreiben der Stadt. Offiziell teilte ein Sprecher mit, die Stadt Münster wolle "eventuelle Kenntnisse über die privaten Beziehungen eigener Mitarbeiter oder Mitarbeiter von Unternehmen in städtischer Eigentümerschaft oder Miteigentümerschaft" weder öffentlich darstellen noch kommentieren.

"Die Dimension des Problems überhaupt nicht bewusst"

Robbers sei wegen "eines Vertrauensschadens" von seinen Aufgaben entbunden worden, sagt jemand, der an der Entscheidung beteiligt war. "Es ist der Eindruck entstanden, dass ihm die Dimension des Problems überhaupt nicht bewusst geworden ist." Als Robbers die Dringlichkeitsentscheidung am Montag mitgeteilt wurde, sei dieser "aus allen Wolken gefallen".

Die Abberufung des Marketingchefs begründete Oberbürgermeister Lewe in einer ersten Stellungnahme gegenüber lokalen Medien mit den Worten "Münsters Ansehen und das Vertrauen in die städtischen Institutionen standen auf dem Spiel". Durch die Dringlichkeitsentscheidung des Rats seien sie vor Schaden bewahrt worden.

Der freigestellte Geschäftsführer war neben der Wirtschaftsförderung Münster GmbH nach Angaben der Stadt auch bei weiteren städtischen Unternehmen geschäftsführend tätig, der Technologieförderung Münster GmbH, der Gewerbepark Münster-Loddenheide GmbH, der NBZ-Nano-Bioanalytic-Zentrum GmbH sowie der CeNTech GmbH.

Auf die Frage, inwieweit Robbers seine Dienstpflichten verletzt habe, die seine Freistellung begründeten, teilt die Stadt dem SPIEGEL mit, die Dringlichkeitsentscheidung sei in nicht öffentlicher Sitzung zu beraten gewesen, deshalb könne zum Wortlaut oder den Gründen keine Auskunft gegeben werden. Die Stadt Münster gehe davon aus, dass die Abberufung noch im Wochenverlauf rechtskräftig werde. Formal müsse der Beschluss zur Abberufung von der jeweiligen Gesellschafterversammlung gefasst werden.

Die Staatsanwaltschaft Münster teilt mit, dass es im Zusammenhang mit Robbers "keinen Anfangsverdacht hinsichtlich einer strafrechtlichen Beteiligung" gebe. Robbers und seine Ehefrau hätten sich über einen Rechtsanwalt am 8. Juni an die Staatsanwaltschaft gewendet und "Angaben getätigt, die mit dem Sachverhalt und dem Hauptbeschuldigten zusammenhängen", sagt Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt. Details zur Einlassung nennt er nicht.

Robbers möchte sich laut seinem Anwalt nicht äußern

Am 10. Juni sei Robbers "zeugenschaftlich vernommen" worden, sagt Botzenhardt. Zu den Fragen, ob ein Ferienhaus in Belgien ein Tatort sein könnte und ob Adrian V. dort möglicherweise eine IT-Anlage eingebaut habe, äußert sich der Staatsanwalt nicht und verweist auf laufende Ermittlungen. 

Robbers war seit 2004 Chef der Wirtschaftsförderung in Münster. Seit 2002 war er Vorsitzender des Deutschen Verbands der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaften. Auch diesen Posten muss er nach SPIEGEL-Informationen abgeben. Auf SPIEGEL-Anfrage teilt der Anwalt von Robbers mit, dass dieser sich zum Sachverhalt und zu den Vorwürfen der Stadt derzeit nicht äußern möchte.  

Schon als die Ermittlungsbehörden den Fall vergangenes Wochenende öffentlich machten, hatte sich der Oberbürgermeister bestürzt geäußert, "dass unsere Stadt offenbar Schauplatz solch schrecklicher Taten war".

Das Jugendamt der Stadt Münster hatte über seinen Kommunalen Sozialdienst seit 2015 Kontakt zur Lebensgefährtin des Hauptverdächtigen und deren Sohn. Doch obwohl Adrian V. zweimal wegen Besitzes und Verbreitung von Kinderpornografie verurteilt worden war und die Mutter mit den Helfern nicht kooperierte, sah das Amt wie auch das mit dem Fall befasste Familiengericht keinen Anlass, in das mütterliche Sorgerecht einzugreifen. Auch Adrian V. war im Jugendamt persönlich bekannt.

Inzwischen gibt es in dem Fall 18 Tatverdächtige und sechs mutmaßliche Opfer im Kindesalter. Laut der Polizei haben der Hauptverdächtige Adrian V. und seine Mutter Carina V. bislang keine Angaben zu den Vorwürfen gemacht.

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