Kardinal Woelkis Konsequenzen nach dem Missbrauchsgutachten »Ein Rücktritt wäre nur ein Symbol«

»Ich habe nicht alles Menschenmögliche getan«, ist Kardinal Woelkis Erkenntnis aus dem Kölner Missbrauchsgutachten. Jetzt soll alles besser werden. Zurücktreten muss er dafür nicht, findet der Erzbischof selbst.
Kardinal Woelki und das Missbrauchsgutachten: »Wir schauen, wie es weitergeht.«

Kardinal Woelki und das Missbrauchsgutachten: »Wir schauen, wie es weitergeht.«

Foto: Andreas Arnold / dpa

Am Anfang war Selbsterkenntnis. »Ich hätte mich im Fall des Priesters O. anders verhalten müssen«, sagt der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki am Dienstag bei einer Pressekonferenz zum jüngsten Missbrauchsgutachten des Erzbistums Köln. »Ich habe nicht alles Menschenmögliche getan.«

Der verstorbene Düsseldorfer Geistliche O. soll Ende der Siebzigerjahre einen Kindergartenjungen missbraucht haben. Woelki hatte 2015 nach seinem Amtsantritt in Köln auf eine kirchenrechtliche Voruntersuchung und eine Meldung nach Rom verzichtet. Der Erzbischof begründete dies damals mit der fortgeschrittenen Demenz des Pfarrers.

»Ich hätte den Fall nach Rom melden müssen.«

Rainer Maria Kardinal Woelki

Jetzt sagte er: »Ich hätte den Fall nach Rom melden müssen, auch wenn der Ausgang erwartbar war.« Auch, was den schweren sexuellen Missbrauch eines Klerikers an mehreren Kindern in den Neunzigerjahren betrifft, demonstrierte Erzbischof Woelki Reue: »Ich hätte ihn früher suspendieren sollen.« Das Vorgehen sei »ein beschämendes Beispiel für meine persönliche Unzulänglichkeit«.

Dennoch verzichtet Woelki explizit auf persönliche Konsequenzen und will nicht zurücktreten. »Die Probleme würden nach meinem Weggang bleiben«, sagte er. »So ein Rücktritt wäre nur ein Symbol, ich kann die Vergangenheit nicht ändern.«

Kurz nach der Präsentation des zweiten Missbrauchsgutachtens für das Erzbistum Köln hatten fünf Kleriker ihre Ämter zur Verfügung gestellt. Der in dem Gutachten stark belastete Hamburger Erzbischof Stefan Heße sowie der Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp boten Papst Franziskus ihren Rücktritt an. Der Kölner Weihbischof Ansgar Puff wurde vorläufig freigestellt, Kirchenrechtler Günter Assenmacher von seinen Aufgaben entbunden. Der ehemalige Kölner Generalvikar Norbert Feldhoff zog sich aus dem Kölner Priesterrat zurück.

Er habe Gespräche mit Schwaderlapp und Puff geführt, sagt Woelki. Deren Zukunft ist offenbar noch ungewiss. »Wir schauen, wie es weitergeht.«

Was den Umgang mit Missbrauchsbetroffenen angeht, gelobte der Kardinal Besserung. »Es fehlte an Mitgefühl und Empathie, häufig wurde ihnen nicht zugehört«. Das Desinteresse von Kirchenvertretern gegenüber Betroffenen im Gespräch sei erniedrigend und verletzend gewesen. Auf Berichte, dass auch er selbst Missbrauchsopfer abgekanzelt haben soll, ging er nicht ein.

Und bot stattdessen jedem ein persönliches Gespräch an: »Ich will und ich werde zuhören.«

Woelki kritisierte kirchenrechtliche Hindernisse bei der Aufklärung, etwa die Tatsache, dass Missbrauchstaten darin weiter lediglich als Verstoß gegen das Zölibatsversprechen gelten. Dies sei eine falsche, nämlich die Täterperspektive.

Das Gutachten des Strafrechtlers Björn Gercke hatte aufgrund einer Aktenanalyse und Interviews mutmaßlich 314 Opfer sexualisierter Gewalt im Erzbistum Köln von 1975 bis 2018 ausgemacht. Die meisten von ihnen waren Jungen unter 14 Jahren.

Konsequenzen aus dem Gutachten

Generalvikar Markus Hofmann präsentierte die geplanten sofortigen und langfristigen Konsequenzen aus dem Missbrauchsgutachten für das Erzbistum Köln:

  • In der geplanten unabhängigen Aufarbeitungskommission sollen vor allem externe Experten tätig werden, die vom Land Nordrhein-Westfalen und dem Betroffenenbeirat vorgeschlagen werden. Man habe die Ermittlungsrichterin a. D. Erika Nagel verpflichtet – einst als »Kölns härteste Richterin« bekannt. Der Kirchenrechtler Günter Assenmacher sei nicht mehr im Beraterstab, ein Nachfolger stehe noch nicht fest

  • Das Erzbistum stellt für Entschädigungszahlungen an Missbrauchsbetroffene fünf Millionen Euro bereit. Dieses Geld stamme aus Sondervermögen des Erzbistums und werde nicht aus der Kirchensteuer entnommen. Für die Orden solle Geld aus dem Solidarfonds der Deutschen Bischofskonferenz für Entschädigungszahlungen bereitgestellt werden. In diesen Fonds habe Köln eine Million Euro eingezahlt

  • Missbrauchsbetroffene, die bereits einen Antrag auf Zahlungen »zur Anerkennung des Leids« gestellt haben, dürfen einen weiteren Antrag stellen

  • Kontrolle und Begleitung von Missbrauchsverdächtigen sollen intensiviert werden. Ein Geistlicher und eine psychologische Fachkraft sollen vor Ort Gespräche mit Beschuldigten und Vorgesetzten führen. Es sei vorrangig, Betroffene zu schützen und weitere Taten zu vermeiden

  • Sanktion: Bei Nichtbeachtung von Auflagen sollen Bezüge gekürzt werden

  • Das Verfahren von Meldungen an staatliche Strafverfolgungsbehörden soll klarer geregelt werden

  • Es soll eine weitere Stelle bei der Interventionsstelle im Kölner Erzbistum geschaffen werden

  • Whistleblower: Es soll ein Hinweisgebersystem geschaffen werden, durch das anonym Missstände gemeldet werden können

  • Die Aktenführung im Erzbistum soll manipulationssicher gestaltet werden. Ein Großteil der Personalakten sei bereits durch eine externe Firma digitalisiert und vor Zugriffen geschützt worden, hieß es. Es dürfe nicht sein, dass ganze Akten oder Seiten daraus fehlten und »hinter den Schrank fallen«, so Woelki

  • Die Priesterausbildung soll verbessert und mehr Frauen dabei eingesetzt werden. Priesteranwärter sollen in einem propädeutischen Jahr auch im sozialen Bereich arbeiten und ein psychologisches Prüf- und Analyseverfahren durchlaufen

Vieles von dem, was angekündigt wurde, fordern Betroffene seit vielen Jahren ein. Das Bündnis »Wir sind Kirche« spricht von »Selbstverständlichkeiten«, die Gläubige von einer so großen Organisation wie dem Erzbistum Köln zu Recht erwarten könnten, »und die sich auch ohne das Gercke-Gutachten ergeben haben«.

Auf die Frage, wie viel er in der Vergangenheit von den Missbrauchstaten im Erzbistum gewusst habe, reagierte Woelki verhalten: »Ich habe nicht vollständig keine Ahnung gehabt«, sagte er. Man habe damals in Personalkonferenzen wenn überhaupt eher über konkrete Konsequenzen wie Suspendierungen gesprochen.

Woelki war in den Neunzigerjahren Geheimsekretär des 2017 gestorbenen Kardinal Joachim Meisner, dem im aktuellen Gutachten mindestens 24 Pflichtverletzungen vorgeworfen werden. Meisner sei schockiert gewesen über die ersten Missbrauchsskandale in Irland, sagte Woelki. Im eigenen Erzbistum habe sich sein Vorgänger allerdings »sehr schwer getan, das wahrzunehmen«.

Für Kirchenrechtler Thomas Schüller will sich Kardinal Woelki auf Kosten Joachim Meisners und anderer Bischöfe reinwaschen. »Woelki stilisiert sich zur Lichtgestalt der Aufklärung und opfert dafür seinen Mentor Meisner und seine Mitstreiter Schwaderlapp, Assenmacher und Puff«, sagte Schüller. »Er übernimmt keine politische Verantwortung. Das wird ihm auf die Füße fallen, denn ein Bischof ohne Vertrauen bei den Gläubigen mag formal Bischof bleiben, aber es fehlt ihm das Volk.«

Mit Material von dpa
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