Frauen bei Antimissbrauchskonferenz "Dieser Sturm wird nicht vorüberziehen"

"Mittelmäßigkeit, Scheinheiligkeit und Selbstgefälligkeit": Drei Frauen haben bei der Antimissbrauchskonferenz im Vatikan mit harten Worten über die Kultur der Kirche gesprochen. Vom Papst kam Lob, aber nicht nur.

Ordensschwester Veronica Openibo
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Ordensschwester Veronica Openibo

Aus Rom berichtet


Papst Franziskus hat mit der bloßen Anwesenheit der Rechtsgelehrten Linda Ghisoni, der nigerianischen Ordensschwester Veronica Openibo und der mexikanischen TV-Journalistin Valentina Alazraki ein Zeichen bei der Antimissbrauchskonferenz gesetzt. "Die Frau ist das Bild der Kirche, die selbst Ehefrau und Mutter ist", sagte der Pontifex. Alle drei Frauen hielten engagierte Reden, die von der Phalanx der Bischöfe und anderen männlichen Beobachtern als "erfrischend" und "unkonventionell" aufgenommen wurden.

Die Kraft des "weiblichen Mysteriums" nannte das der Papst - betonte aber im selben Atemzug, dass es nicht um mehr Ämter für mehr Frauen in der Kirche gehe: "Eine Frau zu einem Vortrag einzuladen, bedeutet nicht, dass man Kirchen-Feminismus betreibt, denn schließlich endet jeder Feminismus doch als Machismo mit Rock."

Ein typischer Franziskus-Aussetzer

Chauvinismus im weiblichen Gewand? Ein typischer Franziskus-Aussetzer, könnte man denken. Man erinnere sich an die päpstliche Empfehlung, dem eigenen Kind ruhig mal "einen Klaps" zu geben, oder seine Kritik an der "Koprophilie" unter Journalisten. Alles nicht so gemeint. Der Papst ist 82 Jahre alt und stammt aus Argentinien. Er ist ein großer Marienverehrer und kennt sich vermutlich aus mit Machismo - sein Blick auf die Frauen ist theologisch, historisch und kulturell bedingt.

Aber mit seinen Worten gefährdet der Pontifex die kleinen Fortschritte, die die Kirche in ihrem ureigenen, sehr gemächlichen Tempo, gerade macht. Die Auseinandersetzung auf der Missbrauchskonferenz hat den Bischöfen klargemacht, dass der Skandal die gesamte Weltkirche betrifft, also global ist. So global wie das Frauenproblem in der katholischen Kirche, die den Zölibat für Priester vorschreibt, keine Priesterinnen kennt und sich schwertut mit Frauen in Leitungspositionen.

Alles andere als Quotenfrauen

Das ist bedauerlich, denn die Frauen, die beim Missbrauchsgipfel auftraten, waren alles andere als Quotenfrauen und hatten recht klare Vorstellungen, was zu tun sei. So appellierte die Expertin für kanonisches Recht, Linda Ghisoni, an die Verantwortung der Bischöfe, die Priester vor "Machtgelüsten, Selbstgefälligkeit und der Ausbeutung anderer" zu bewahren. Sie empfahl die Gründung unabhängiger Kommissionen in den Bischofskonferenzen, die kirchlichen Leitungskräften in der Missbrauchsfrage mit Rat und Tat zur Seite stehen sollten. Auch Laien sollten diesen Gruppen angehören.

Die mexikanische Vatikanistin Valentina Alazraki stellte unmissverständlich klar, dass wer sich nicht "radikal auf die Seite der Kinder stelle" zum Komplizen kirchlicher Sexualstraftäter werde. "Dann werden wir Journalisten eure schlimmsten Feinde sein." Zu oft habe sie sich anhören müssen, die Medien seien schuld am Missbrauchsskandal, okkulte Mächte wollten die Kirche vernichten. Die Wahrheit sei: "Je mehr ihr verheimlicht, desto größer wird der Skandal sein."

Ohne die totale Verschleierung wäre ein Skandal nicht möglich gewesen

Ohne die in der Kirche herrschende Zensur, ohne die totale Verschleierung wäre ein Skandal wie der um den Missbrauchstäter und mexikanischen Gründer der "Legionäre Christi", Marcial Maciel, nie möglich gewesen, sagte Alazraki. Maciel soll über Jahrzehnte Dutzende Seminaristen missbraucht haben.

Auch die Ordensschwester Veronica Openibo sparte nicht mit Kritik: "Wir müssen uns eingestehen, dass uns unsere Mittelmäßigkeit, Scheinheiligkeit und Selbstgefälligkeit an diesen schändlichen und skandalösen Punkt geführt haben, an der wir uns als Kirche befinden", mahnte sie in der Synodenaula. "Zu oft wollen wir ruhig bleiben, bis der Sturm vorüberzieht! Dieser Sturm wird nicht vorüberziehen."

Auch Frauen in der Kirche hätten Missbrauch verübt. Diese Erfahrung machte Pier-Paolo Zaratta: Der 49-Jährige steht am Samstag auf der Piazza del Popolo in Rom und protestiert mit Vertretern des internationalen Netzwerks "Ending Clergy Abuse" - im Priestergewand und mit einer halbnackten Puppe im Arm.

Gehörloser Missbrauchsüberlebender in Rom
RICCARDO ANTIMIANI/EPA-EFE/REX

Gehörloser Missbrauchsüberlebender in Rom

Mit sechs Jahren wurde Zaratta laut eigener Aussage in der berüchtigten Gehörloseneinrichtung "Antonio Pravolo" in Verona von einer Nonne missbraucht, kurz darauf von zwei Laien, dann bis 1984 von weiteren zehn Priestern. "Jeden Tag, all die Jahre", sagt er. Der örtliche Gehörlosenverband (ENS) deckte die Verbrechen auf. "Einige der Tatverdächtigen leben noch heute unbehelligt in Verona", sagt Verbandsmitglied Paola Lodi Rizzini.

Italien steht bei der Bewältigung des Missbrauchsproblems im europäischen Vergleich schlecht da. Aber auch in Afrika und Asien gibt es Widerstand: Armut und gewalttätige Konflikte dürften keine Entschuldigung dafür sein, nicht gegen sexuellen Missbrauch zu kämpfen, sagt Schwester Openibo. "Unsere Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel."

Auf die Frage, ob sie sich getroffen fühle von der Erklärung des Papstes, mehr Ämter für Frauen seien eine gute Sache, würden aber das Problem nicht lösen, lächelt Openibo und sagt: "Wir gehen einen Schritt nach dem anderen. Und wir sind schon ganz schön weit gekommen."

Matthias Katsch von der Betroffenenorganisation "Eckiger Tisch" sieht das Bemühen einiger Bischöfe um Besserung: "Aber uns Überlebenden läuft die Zeit davon."

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