Missbrauchsskandal Anglikaner-Chef entschuldigt sich für Katholikenschelte

Erst die Abrechnung, dann das Bedauern: Das Oberhaupt der anglikanischen Kirche hat sich für seine ungewöhnliche und harsche Kritik an der katholischen Kirche entschuldigt. Er hatte ihr wegen des Missbrauchsskandals "all ihre Glaubwürdigkeit" abgesprochen.


Dublin - Der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, hat sich für seine Äußerung zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Irland entschuldigt. Er empfinde "tiefe Reue und Bedauern" erklärte das Oberhaupt der anglikanischen Kirche am Samstag, nachdem die "Times" aus einem BBC-Interview zitiert hatte. In dem Interview hatte Williams gesagt, der Skandal sei für die katholische Kirche in Irland ein "kolossales Trauma", durch das sie "all ihre Glaubwürdigkeit" verloren habe.

Williams entschuldigte sich in einem Schreiben an den Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, für die "Schwierigkeiten", die durch seine Bemerkungen ausgelöst worden sein könnten.

Das streng katholische Irland wird seit dem vergangenen Jahr von einem Missbrauchsskandal erschüttert. Laut einem Untersuchungsbericht vertuschten katholische Würdenträger jahrzehntelang Vergewaltigungen und Misshandlungen von Minderjährigen durch Geistliche, insgesamt ist von 14.500 Opfern die Rede. Später wurden ähnliche Fälle auch in Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Italien und Frankreich bekannt.

Auch die deutschen Geistlichen tun sich schwer mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode sieht angesichts der jüngsten Fälle von sexuellem Missbrauch "eine fundamentale Erschütterung" für die katholische Kirche. Der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagte er: "Wir werden grundsätzlich infrage gestellt."

"Man hat den Kindern nicht geglaubt"

Bode sagte, in dieser Situation falle es ihm schwer, an Ostern zu predigen. Dennoch sei es wichtig, Ostern zu feiern, "um eine neue Perspektive zu gewinnen". Nun müsse sich die Kirche darum bemühen, das verlorene Vertrauen so gut wie möglich wieder aufzubauen. Alle Christen sollten ein glaubwürdiges Leben in den Kirchengemeinden führen. Er hoffe, dass die Kirche aus der Krise "geläuterter und ehrlicher hervorgeht und ihre Beziehung zu den Menschen neu bedenkt". Nach Bodes Worten wäre es eine gefährliche Folge etwa für die Jugendarbeit, wenn die gesunden Beziehungen zu den Menschen verloren gingen.

Der Bischof erklärte, es gebe eine große Verunsicherung bei Eltern, aber auch bei Priestern und kirchlichen Mitarbeitern. "Die Missbrauchsfälle aufzuarbeiten wird Zeit kosten und Schmerzen bereiten", sagte der Bischof. "Das kann auch nicht in wenigen Wochen erledigt sein." Er könne nicht ausschließen, dass auch im Bistum Osnabrück weitere Fälle ans Tageslicht kämen. Er räumte zudem ein, dass früher zu oft die Täter und das Ansehen der Kirche im Blick gewesen seien und zu wenig die Opfer.

Ähnlich äußerte sich sein Essener Amtskollege Franz-Josef Overbeck. Er räumte Versäumnisse der Kirche mit Missbrauchsopfern ein. Die Kirche habe zu wenig auf die Opfer geschaut, sagte er der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". "Man hat den Kindern nicht geglaubt, wenn sie von Missbrauch erzählten. Vielmehr hat man oft gesagt: Das tut ein Geistlicher nicht. Da ist man heute wesentlich sensibler, Gott sei Dank." Die Kirche mache gerade eine Zeit der Reinigung durch. Die Bischöfe müssten lernen, mit den Missbrauchsvorwürfen transparent umzugehen. "Das war nicht immer der Fall." Inzwischen habe sich diese jedoch geändert.

Mixa kann sich nicht an Ex-Heimkinder erinnern

Der Augsburger Bischof Walter Mixa kündigte an, für die ehemaligen Heimkinder zu beten, die ihm Misshandlungen und Schläge in seiner Zeit als Schrobenhausener Stadtpfarrer vorwerfen. Zugleich erneuerte er in einem Interview der "Bild am Sonntag" sein Gesprächsangebot an sie. Er wolle sich gerne mit den Betroffenen zu Gesprächen treffen, um zu erfahren, was ihnen widerfahren sei. "Ich werde für sie beten, denn für mich als Seelsorger sind sie Opfer, denen offenbar Unrecht geschehen ist."

Als Erzieher und Lehrer der Kirche habe er mit Tausenden jungen Schülern, Messdienern und Chorsängern Kontakt gehabt. Sein Credo sei bis heute: "Ich bin gut zu euch, seid bitte auch gut zu mir." Der "Welt am Sonntag" sagte Mixa allerdings, die früheren Heimkinder könnten sich bestimmt nicht mehr an ihn erinnern. "Ich erinnere mich auch nicht mehr an sie."

Der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, geht unterdessen davon, dass auch in protestantischen Gemeinden weitere Missbrauchsfälle bekanntwerden. "Ich gehe davon aus, dass noch einiges an die Öffentlichkeit kommt", sagte er der "Passauer Neuen Presse". Immer mehr Opfer trauten sich, ihre Geschichte zu erzählen und ihr Leid zu offenbaren. "Wir machen den Menschen Mut dazu." Dabei gehe es um "schwarze Pädagogik", Gewalt, aber auch um sexuellen Missbrauch.

Sturm der Entrüstung wegen Antisemitismus-Vergleich im Vatikan

Weltweit regt sich lauter Protest gegen den Antisemitismus-Vergleich des persönlichen Predigers von Papst Benedikt XVI. in der Missbrauchsaffäre. Jüdische Gruppe reagierten bestürzt. Pater Raniero Cantalamessa hatte bei einem Karfreitagsgottesdienst in Anwesenheit Benedikts gesagt, die Angriffe auf die katholische Kirche und ihr Oberhaupt im Zuge des Missbrauchsskandals seien vergleichbar mit der "kollektiven Gewalt" gegen die Juden. Der Heilige Stuhl distanzierte sich umgehend von dem Vergleich. Di Segni betonte, die Äußerungen Cantalamessas wögen besonders schwer, weil sie an einem Tag gefallen seien, an dem Christen seit Jahrhunderten für die Bekehrung der Juden beteten, die gemeinschaftlich für den Tod Jesu Christi verantwortlich gemacht würden.

"Ich bin absolut verblüfft. Das ist Torheit", sagte der frühere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinden in Italien, Amos Luzzatto, am Samstag. Roms Oberrabbiner Riccardo Di Segni, der den Papst Anfang des Jahres in der Synagoge der Hauptstadt empfing, bezeichnete die Äußerungen als "geschmacklos".

Vertreter diverser jüdischer Gemeinden in aller Welt reagierten mit Worten wie "abstoßend", "obszön" und "beleidigend" auf Cantalamessas Predigt. Rabbi Marvin Hier vom Simon-Wiesenthal-Zentrum sagte, er könne absolut nicht nachvollziehen, wie der Pater auf den Vergleich komme.

Cantalamessa - aus einem Brief eines jüdischen Freundes zitierend - hatte gesagt, die Juden seien die gesamte Geschichte über Opfer kollektiver Gewalt geworden. "Die Verwendung von Stereotypen, die Umwälzung von persönlicher Verantwortung und Schuld auf eine Kollektivschuld erinnern mich an die schändlichsten Aspekte des Antisemitismus", sagte der Pater, der den Titel "Prediger des päpstlichen Hauses" trägt. Dies sollte nicht als offizielle Position des Vatikans interpretiert werden, sagte dessen Sprecher Federico Lombardi.

ffr/AFP/apn/Reuters

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Seite 1
Güllu, 01.04.2010
1.
Entschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Markus Heid, 01.04.2010
2.
Zitat von GülluEntschuldigen und was dann? Ratzinger wußte als Präfekt der Glaubenskommission über alle Fälle, die ihm gemeldet werden mussten, bestens Bescheid. Und es passierte nichts. Nicht umsonst droht ihm eine Klage in den USA. Das könnte zur Folge haben, dass er die USA nicht mehr betreten kann. Es könnte eine Festnahme drohen.
Jupp, und die Anwälte des Vatikans haben sich schon eine Verteidigungsstrategie zurechtgelegt: Der Papst genießt als Staatsoberhaupt (eines diktatorischen Theokratie) natürlich Immunität. Und US-Bischöfe sind in Wahrheit keine Angestellte der katholischen Kirche. Was mich aber mehr verwundert, ist, dass der Papst überhaupt Anwälte notwendig hat. Der hat doch angeblich so einen guten Draht nach oben und Anwälte werden doch generell eher mit dem Ewigen Widersacher in Verbindung gebracht.
kyon 01.04.2010
3. Nanoeffekt
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Zu abgehoben, zu entrueckt! Sich fuer unfehlbar haltende Leute halten Vorwuerfe aus der normal-menschlichen Zeit wahrscheinlich fuer eine Zumutung,die an ihnen abperlen wie bei einem Nanoeffekt! Also keine Chance!
Fassungsloser 01.04.2010
4. Jaja
Der Papst sollte barfuß nach Hamburg reisen und sich dort in den Staub werfen... Nächste Frage: Sollten Journalisten lernen, zwischen Religion und Politik unterscheiden zu lernen?
Klo, 01.04.2010
5. Unahltbar
Zitat von sysopIm Zuge der Missbrauchs-Debatte gerät auch Papst Benedikt XVI. verstärkt in die Kritik. Sein Umgang mit den Vorwürfen ist dabei heftig umstritten. Sollte der Papst nach den schweren Vorwürfen zurücktreten oder sich zumindest öffentlich entschuldigen?
Wenn er noch einen Funken Ehre besitzt, dann entschuldigt er sich für alle Taten im Namen der Kirche und tritt dann von seinem Amt zurück, um sich in eine Einsiedelei in den Abruzzen zurückzuziehen. Alles andere ist nicht zielführend. Als Papst ist er nicht mehr haltbar.
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