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10. Februar 2010, 06:17 Uhr

Missbrauchsskandal in US-Kirchen

Schuldig, reuig, pleite

Von , New York

In den USA wurden Tausende Kinder und Jugendliche durch katholische Geistliche missbraucht. Die Kirche zahlte mehr als eine Milliarde Dollar zur Wiedergutmachung - doch der Skandal schwelt weiter: Der Kardinal von Los Angeles soll Täter jahrzehntelang gedeckt haben.

Kardinal Roger Mahony hat sich bereits durch so manche Sinnkrise gebetet. Seit 1985 Erzbischof von Los Angeles, der größten US-Diözese, erlebte er, wie das Erdbeben von 1994 seine Kathedrale schwer beschädigte. Trotz scharfer Proteste ließ er hernach für fast 190 Millionen Dollar einen opulenten Neubau errichten.

2006 legte er sich dann auch noch mit dem damaligen Präsidenten George W. Bush wegen dessen Einwanderungspolitik an. Nichts konnte die Stellung des "Teflon-Kardinals" aus Hollywood ins Wanken bringen. Auch nicht der Unbekannte, der ihn, so zumindest Mahony, 2007 auf dem Weg zum Briefkasten mit den Worten zu Boden gestoßen habe: "Dich kenn ich doch, du bist der Kardinal."

Doch ein Problem hängt Mahony, 73, bis heute nach und wird ihn wohl noch bis in den Ruhestand verfolgen, den er im kommenden Jahr aus Altersgründen antreten soll - die mehr als 500 Missbrauchsfälle, zu denen es während seiner Amtszeit, unter seiner Obhut, innerhalb der katholischen Kirche Kaliforniens kam.

Seit acht Jahren schon schwelt der US-Kirchenskandal - vor allem auch in Los Angeles, das bisher die höchste Wiedergutmachung von allen Bistümern an die Opfer leistete - 660 Millionen Dollar. Ausgestanden ist die Sache damit aber längst nicht, und sogar Mahonys Abbitte - "Es hätte nicht dazu kommen dürfen, es wird nie wieder passieren" - fruchtete am Ende wenig.

Priester werden verstoßen, Täter verurteilt, Bistümer machen pleite

Stattdessen zieht die Affäre immer neue Kreise. Erst vorigen Monat fand sich sogar der Kardinal höchstselbst in einem ungewohnten Beichtstuhl wieder: Fünf Stunden lang wurde Seine Eminenz von der Staatsanwaltschaft vernommen - Mahony soll Missbrauch jahrzehntelang gedeckt haben.

"Sollten Sie einen Rosenkranz parat haben", riet die "Los Angeles Times" ihren Lesern, "sprechen Sie bitte ein Gebet für den Führer der Erzdiözese".

Der Fall Mahony ist keine Ausnahme. Die Nachwehen der 2002 erstmals enthüllten Sexskandale machen der katholischen Kirche in den USA unverändert zu schaffen. Die Untersuchungen dauern an, Priester werden verstoßen, Täter verurteilt, Gemeinden und ganze Bistümer machen pleite, weil sie die Vergleichssummen nicht zahlen können.

Bei den aktuellen Ermittlungen in Los Angeles geht es in erster Linie um den Ex-Priester Michael Baker, der 2007 wegen Missbrauchs zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Baker behauptet, dem Bischof seine Taten schon in den achtziger Jahren gebeichtet zu haben. Auch Monsignor Richard Loomis, Mahonys früherer Chefvikar, hat seinen Ex-Boss unter Eid beschuldigt, den Missbrauch verschwiegen zu haben.

Im selben Jahr, da Baker hinter Gitter wanderte, willigte das Bistum ein, insgesamt 508 Missbrauchsopfern 660 Millionen Dollar Wiedergutmachung zu zahlen, also knapp 1,3 Millionen Dollar pro Kopf. Ein Jahr später musste es aus Geldnot seine Verwaltungszentrale in Los Angeles verkaufen.

Spirituelles Problem durch Gebet lösen

Damit aber nicht genug: Ein Geschworenengericht in Los Angeles prüft jetzt, ob es neue Anklagen erheben soll. Da hilft es wenig, dass Mahony auf seiner Web-Seite den "Schutz unserer Kinder" beschwört: "Sexuelles Fehlverhalten von Geistlichkeit, Kirchenpersonal, -führung und -freiwilligen widerspricht christlicher Moral, Doktrin und kanonischem Recht. Es darf nie akzeptiert werden."

In den USA kamen die Missbrauchsfälle 2002 durch eine Reihe von Berichten des "Boston Globe" ans Licht, die den Pulitzerpreis gewann. Zwei Jahre später zog ein Report der US-Bischofskonferenz ein erschütterndes Fazit: Von 1950 bis 2004 bestätigten sich 6700 Missbrauchsvorwürfe gegen 4392 US-Priester. Die Opfer waren zwischen 11 und 17 Jahren alt. 3300 Priester waren bereits verstorben, von den restlichen wurde gegen 384 ermittelt, 252 wurden verurteilt, 100 kamen ins Gefängnis - nur zwei Prozent der insgesamt Beschuldigten.

Die katholische Kirche der USA geriet ins Kreuzfeuer: Sie hatte die fraglichen Priester nicht angezeigt, sondern lange nur versetzt und somit Skandale vertuscht, sie sogar noch verschlimmert - manche Priester setzten ihre Missetaten einfach anderswo fort. Die Bischofskonferenz erklärte das damit, dass Missbrauch früher als "spirituelles Problem" angesehen worden sei, von dem man meinte, es "durch Gebet" lösen zu können.

Das war erst der Anfang. Die Enthüllungen 2002 traten eine Lawine los. Immer neue Opfer meldeten sich zu Wort und zogen vor Gericht. Eine Diözese nach der anderen musste zahlen, bisher eine Summe von mehr als 1,2 Milliarden Dollar Wiedergutmachung. Darunter: Louisville (26 Millionen Dollar), Boston (85 Millionen Dollar), Tucson (22 Millionen Dollar), Orange County (100 Millionen Dollar), San Diego (198 Millionen Dollar). Und eine nach der anderen musste dann Insolvenz anmelden, zuletzt Wilmington (Delaware), Heimatstadt von US- Vizepräsident Joe Biden.

Jesuitenorden von Oregon meldete 2009 Insolvenz an

Die katholische Kirche des US-Bundesstaats Vermont hat kürzlich ihr Zentralgebäude und ihr Kindersommerlager Camp Holy Cross zum Verkauf angeboten, in Erwartung einer hohen Vergleichssumme in 25 Missbrauchsfällen. In Boston, wo der Skandal 2002 seinen Anfang nahm, haben die Katholiken ihr Hauptquartier bereits 2007 verkauft, mittlerweile haben auch Dutzende Bostoner Gemeinden dicht gemacht. Der Jesuitenorden von Oregon, der mit fast 62 Millionen Dollar in der Kreide steht und mehr als 700 Missbrauchsfälle zu verantworten hat, meldete Ende 2009 das Insolvenzverfahren an.

Innerhalb der Kirche hat die Skandalwelle eine Art Glaubenskrise ausgelöst. Zwar hat sich die Zahl der US-Katholiken nach Angaben der Bischofskonferenz von 2008 auf 2009 um eine Million erhöht, auf 68,1 Millionen und damit 22 Prozent der Gesamtbevölkerung. Doch die Zerrissenheit der Glaubensgemeinschaft, die sich immer wieder der Diskussion über Missbrauch stellen muss, ist unübersehbar.

So berichtete die "New York Times" voriges Jahr über zwei sehr unterschiedliche Messen in Bridgeport, einer Diözese in Connecticut, die rund 37 Millionen Dollar an Missbrauchsopfer gezahlt hat. Die St. Jerome Church habe eine "Heilige Messe der Versöhnung" für die Opfer gefeiert. Nicht weit entfernt habe die St. Mary Church ein Requiem für den Priester Alfred Bietighofer begangen, der sich nach Sex-Vorwürfen das Leben genommen hatte.

Zahllose Priester kamen ins Gefängnis, doch kein Kirchenführer wurde in den USA bisher angeklagt, trotz lautstarker Proteste von Opfergruppen. Bostons Kardinal Bernard Francis Law trat Ende 2002 von seinem Amt zurück.

"Keine Kinder mehr für dich, mein Freund"

Ein besonders dramatischer Fall war der des Priesters John Geoghan, der mit zu Laws Abdankung geführt hatte. Geoghan soll über drei Jahrzehnte hinweg mehr als 130 Jungen missbraucht haben, die Diözese schob ihn aber immer nur von einer Gemeinde zur anderen.

2002 wurde Geoghan in einem einzigen Fall zu neun bis zehn Jahren Haft verurteilt. Im August 2003 dann wurde der 68-Jährige von einem Mithäftling in seiner Zelle erwürgt. "Keine Kinder mehr für dich, mein Freund", will der dem Sterbenden noch zugeflüstert haben.

Der Vatikan macht sich nun auch auf mögliche Konsequenzen für den kalifornischen Kardinal Mahony gefasst. Papst Benedikt XVI. habe bereits einen Nachfolger gewählt, meldet Thomas Peters, ein Blogger der katholischen Lobbygruppe Catholic Vote Action, im Januar. Er solle schon vor Mahonys geplantem Abtritt im Februar 2011 als Bischof eingesetzt werden.

Mahony jedenfalls scheint mit dem Ende seiner Amtszeit im Reinen. Er begann sein "letztes volles Jahr als Erzbischof", wie er in seinem Blog berichtet, mit einer sechstätigen Schweigeklausur in den Hügeln von Los Feliz nördlich von Los Angeles. "Jedes einzelnen von Euch wird dabei gedacht werden", versprach er zuvor. "Aber betet auch für uns."

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