Missbrauchsskandal Zahl der Opfer am Canisius-Kolleg womöglich dreistellig

Der Missbrauchsskandal am Berliner Jesuitengymnasium Canisius-Kolleg weitet sich aus. Der Rektor der katholischen Schule sowie eine Rechtsanwältin gehen davon aus, dass die Zahl der Opfer im dreistelligen Bereich liegt - und schließen Entschädigungszahlungen wie in den USA nicht aus.
Pater Klaus Mertes: "Ich habe das Gefühl, inmitten eines gewaltigen Sturms zu stehen"

Pater Klaus Mertes: "Ich habe das Gefühl, inmitten eines gewaltigen Sturms zu stehen"

Foto: Franka Bruns/ APN

Berlin - Der Skandal um sexuellen Missbrauch und Misshandlungen am Berliner Jesuitengymnasium Canisius-Kolleg nimmt immer größere Ausmaße an. Im Gespräch mit der "Berliner Zeitung" sagte der Rektor der katholischen Schule, Pater Klaus Mertes, er halte es inzwischen für möglich, dass die Zahl der Opfer dreistellig sei. Mertes zeigte sich offen für Entschädigungszahlungen an die Opfer wie beim Missbrauchsskandal an kirchlichen Einrichtungen in den USA. "Es wird über alles zu reden sein", sagte Mertes.

Mertes hatte Berichte über sexuelle Übergriffe zweier Patres am Canisius-Kolleg in den Siebzigern und Achtzigern öffentlich gemacht, als er im Januar in einem Brief ehemalige Schüler der betroffenen Jahrgänge um Entschuldigung bat und dazu aufrief, "das Schweigen zu brechen".

Wie Mertes sieht auch die Berliner Anwältin Manuela Groll, die mehrere Opfer vertritt, die Dimension des Falles wachsen. "Jeden Tag melden sich bei mir weitere Betroffene", sagte sie der Zeitung. "Ich gehe längst von einer dreistelligen Opferzahl aus."

Laut Groll lehnen es viele Opfer ab, sich an die vom Jesuitenorden bestellte Missbrauchsbeauftragte Ursula Raue zu wenden. Sie halten sie für befangen, weil sie vom Jesuitenorden bezahlt wird, berichtet die "Berliner Zeitung". Mertes sagte, er halte Raue für unabhängig.

Rechnet er mit weiteren Enthüllungen? "Davon müssen wir nach den Erfahrungen der letzten zwei Wochen leider ausgehen. Ich habe das Gefühl, inmitten eines gewaltigen Sturms zu stehen und nur auf Sicht zu navigieren", so Mertes im Interview mit der "Berliner Zeitung".

Missbrauch am Collegium Aloysianum in Werl

Im westfälischen Werl hat sich mindestens ein Missbrauchsfall ereignet, der vom zuständigen Bistum Paderborn jahrelang verschwiegen wurde. Wie ein Sprecher des Erzbischofs auf SPIEGEL-Anfrage einräumte, wurde bereits im Juli 2002 ein Geistlicher des kirchlichen Jungen-Internats Collegium Aloysianum in Werl "kurzfristig von seinen Aufgaben entpflichtet". Zuvor war der Priester in den Verdacht geraten, im Spätherbst 1980 "an einem minderjährigen Jungen sexuelle Handlungen vorgenommen zu haben".

Drei Tage vor der Entpflichtung hatte der Geistliche am 1. Juli 2002 mit dem damaligen Paderborner Erzbischof Joachim Kardinal Degenhardt über den Vorfall gesprochen. Das jahrelange Schweigen begründet das Bistum nun damit, dass das damalige Opfer "den Gang in die Öffentlichkeit bzw. eine Anzeige nicht gewünscht" habe. Das Werler Knaben-Konvikt wurde 2005 geschlossen, der beschuldigte Priester wirkt heute als Hausgeistlicher in einem Altersheim für Nonnen.

jjc/ddp
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