Zeitungsbericht Missbrauchstäter soll über 290.000 Dollar an Papst Benedikt XVI. gespendet haben

Der wegen Missbrauchs entlassene Ex-Kardinal Theodore McCarrick hat laut "Washington Post" über Jahre Hunderttausende Dollar an Kleriker gespendet. Auch Papst Benedikt XVI. soll profitiert haben.
Theodore Edgar McCarrick

Theodore Edgar McCarrick

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Alessandro Bianchi/ REUTERS

Eine Recherche der "Washington Post" legt nahe, dass ein hochrangiger katholischer Geistlicher sich mithilfe teils üppiger Spenden Schweigen über von ihm verübte Sexualstraftaten erkaufen wollte.

Der frühere US-Kardinal Theodore McCarrick soll demnach zwischen 2001 und 2018 knapp 200 Schecks im Wert von insgesamt rund 600.000 Dollar  an mächtige Kleriker geschickt haben, von denen einige mit innerkirchlichen Ermittlungen in seinem Missbrauchsfall betraut waren.

Der ehemalige Erzbischof von Washington soll zwischen 1970 und 1990 zahlreiche Priesteramtskandidaten und mindestens zwei Minderjährige sexuell missbraucht haben. Wegen eines Übergriffs auf einen Messdiener im Jahr 1971 wurde er im Juni 2018 suspendiert und schied kurz darauf aus dem Kardinalsstand aus.

Die römische Glaubenskongregation sah es als erwiesen an, dass McCarrick verbotene sexuelle Handlungen begangen und sich des Machtmissbrauchs schuldig gemacht hat. Er wurde im Februar 2019 aus dem Klerikerstand entlassen und lebt seither in einem Kloster im US-Bundesstaat Kansas.

Geld soll an zwei Päpste geflossen sein

Laut "Washington Post" sammelte McCarrick jahrelang Spenden für seinen erzbischöflichen Fonds auf einem Sonderkonto. In einem Zeitraum von 17 Jahren sollen mehr als sechs Millionen Dollar eingegangen sein. Das Geld leitete der Geistliche offiziell an katholische Wohltätigkeitsorganisationen in den USA und Rom weiter, außerdem an Organisationen in Konfliktregionen weltweit.

Unter den Empfängern sollen aber auch zwei Päpste gewesen sein: Johannes Paul II. habe zwischen 2001 und 2005 rund 90.000 Dollar erhalten, heißt es in dem Zeitungsbericht, der sich auf Bankdokumente beruft. Benedikt XVI. soll 291.000 Dollar bekommen haben - den Großteil davon im Jahr 2005, einen Monat nach seinem Amtsantritt. Ein Sprecher des inzwischen emeritierten Benedikt XVI. sagte der US-Zeitung, Spenden an den Papst seien stets an den Staatssekretär weitergeleitet worden.

Der Scheck als "Geste der Wertschätzung"

Auch 60 Kardinäle und Erzbischöfe sollen von McCarrick Schecks bekommen haben. Einige mit den Vorwürfen konfrontierte Geistliche erklärten, dies sei ein üblicher Vorgang zur Weihnachtszeit, "eine Geste der Wertschätzung ihres Dienstes". Die Geldgeschenke hätten jedoch "keinerlei Einfluss auf die Entscheidungsfindung des Kardinals als Vertreter des Heiligen Stuhls" gehabt, sagte ein Sprecher des Kardinals Leonardo Sandri der "Washington Post". Sandri soll den Kontounterlagen zufolge 6500 Dollar von McCarrick erhalten haben.

McCarricks Anwalt schwieg laut "Washington Post" zu den Vorwürfen. Die Erzdiözese Washington ließ mitteilen, McCarrick sei der Einzige gewesen, der Kontrolle über den steuerfreien Fond gehabt habe.

Großzügige Spenderin: Trumps Schwester

Aus den der "Washington Post" vorliegenden Dokumenten gehen auch die Namen der Spender aus den Jahren 2010 bis 2016 hervor. Besonders großzügig war demnach die ehemalige Richterin Maryanne Trump Barry - die Schwester von US-Präsident Donald Trump. Sie soll in nur vier Jahren mindestens 450.000 Dollar an den erzbischöflichen Sonderfonds überweisen haben, wollte sich dazu aber nicht äußern.

Die Ermittlungen gegen den des Missbrauchs verdächtigen McCarrick liefen seinerzeit sehr langsam. Der Pastor Boniface Ramsey aus der Erzdiözese Newark hatte sich schon 2000 an den apostolischen Nuntius Gabriel Montalvo gewandt und vor McCarrick gewarnt. Der Geistliche nehme regelmäßig Seminaristen mit in sein Strandhaus in New Jersey und überrede sie dazu, in seinem Bett zu schlafen, berichtete Ramsey.

Montalvo versprach, seinen Bericht an den Vatikan weiterzuleiten. Ramsey bekam auch eine Antwort - allerdings erst sechs Jahre später, ausgerechnet von Leonardo Sandri, der 6500 Dollar von McCarrick bekommen hatte. Auch Montalvo soll der "Washington Post" zufolge rund 5000 Dollar aus dem Fonds erhalten haben, ebenso weitere Prälaten, die mit den Ermittlungen zu sexuellem Missbrauch befasst waren.

Vatikan will Bericht zum Fall McCarrick vorlegen

Ob die Zahlungen mit der verzögerten Aufklärung von McCarricks Sexualstraftaten in Zusammenhang stehen, ist noch unklar. Aber sie werfen Fragen auf. In wenigen Wochen soll ein Bericht des Vatikans zum Fall McCarrick vorliegen, den Papst Franziskus selbst angekündigt hatte.

In dem Skandal war auch Franziskus in die Kritik geraten. Der konservative Erzbischof Carlo Maria Viganò warf dem Pontifex vor, die Vorwürfe gegen McCarrick lange ignoriert und Sanktionen gegen diesen gar rückgängig gemacht zu haben.

In den USA werden Hunderte katholische Priester des sexuellen Missbrauchs von Kindern beschuldigt. Allein im Bundesstaat Pennsylvania hatten mehr als 300 Priester über Jahrzehnte hinweg mehr als tausend Kinder sexuell missbraucht, die Dunkelziffer könnte laut einer Untersuchung noch sehr viel höher liegen.

Neben Vertrauensverlust und Kirchenaustritten drohen der Kirche inzwischen auch spürbare finanzielle Verluste: In den Vereinigten Staaten häufen sich die Schadensersatzklagen - und die geforderten Millionen übersteigen bei Weitem die Entschädigungssummen, die etwa in Deutschland an die Opfer sexuellen Missbrauchs gezahlt werden.

ala
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