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Schatzsuche in Mittenwald: "Es war nichts"

Foto: Leon Giesen

Schatzsuche in Mittenwald Die phantastische Story des Leon Giesen

Leon Giesen brachte das Goldfieber nach Bayern. Der Niederländer vermutete im Städtchen Mittenwald einen Nazi-Schatz. Er grub tief, die Suche ist nun beendet. Giesen fand tatsächlich etwas heraus. Allerdings vor allem über sich selbst.
Von Gesa Mayr

Leon Giesen hatte einen Traum. Den Traum vom Schatz im oberbayerischen Mittenwald. Ein Schatz, versteckt von den Nazis, viel Gold, viel Legende. Giesen, 51 Jahre alt, ist eigentlich niederländischer Filmemacher und Dokumentarist, beziehungsweise Spurensucher und Geschichtenjäger, wie er es nennt. Die Suche nach dem Nazi-Schatz in Mittenwald, das war so eine Geschichte für ihn. Eine Geschichte wie in einem Schatzjägerfilm.

Und die geht so: Begeisterter Abenteurer entschlüsselt uralte Karte (ein angeblich von Adolf Hitlers Privatsekretär Martin Bormann codiertes Notenblatt  zum "Marsch Inpromtu"). Abenteurer bekommt Geld für die Expedition (Crowdfunding in den Niederlanden) und macht sich mit einem bunten Team an die Arbeit (Sprengstoffexperte, Grabungshelfer und mittlerweile: einem Pressesprecher). Fehlt nur eine zufällig in die Geschichte geschlitterte hübsche Archäologie-Studentin.

Jetzt ist die Suche nach zehn Monaten zu Ende. Giesen durfte nun endlich selbst buddeln.

SPIEGEL ONLINE: Herr Giesen, Sie durften endlich nach dem Nazi-Schatz graben. Haben Sie in der Nacht davor überhaupt schlafen können?

Giesen: Ich war sehr aufgeregt, aber auch ganz schön traurig. Außerdem war ich krank und hatte Fieber, das hat auch nicht gerade geholfen. Es war ja klar: Egal ob wir etwas finden oder nicht, die Geschichte ist dann zu Ende.

SPIEGEL ONLINE: Wie endet denn nun die Geschichte vom Nazi-Schatz?

Giesen: Ein Messgerät hatte in 2,30 Meter Tiefe eine Anomalie entdeckt. Etwas war im Boden, was eigentlich nicht da sein sollte. Die Gemeinde Mittenwald hatte Auflagen gemacht. Wir bekamen nicht direkt die Erlaubnis zu graben. Der Polizeichef der Stadt meinte, der Nazi-Schatz könnte vielleicht mit einer Art explosiver Falle versehen sein. Deswegen mussten wir es unter der Anleitung eines Sprengstoffexperten machen. Irgendwann sind wir dann auf etwas gestoßen.

SPIEGEL ONLINE: Gold?

Giesen: Leider nein, die Anomalie war ein Granitblock und ein bisschen Metallmüll. Es war nichts.

SPIEGEL ONLINE: Wann wussten Sie: Es ist vorbei?

Giesen: Irgendwann fand die Grabungsmaschine Metallstücke, Kabel. Wir gruben immer weiter. Nachdem wir tiefer als 2,30 Meter waren, haben wir aufgehört.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie sehr enttäuscht?

Giesen: Ich hatte gehofft, es wäre theatralischer. Ich bin kein Schatzsucher in dem Sinne, mein Schatz sind die Geschichten. Selbst wenn es Gold gewesen wäre, ich hätte davon nichts gewollt. Ich wollte damit ja nicht reich werden. Aber ich finde es echt traurig für die Geschichte. Ich habe mir einfach gewünscht, dass etwas Spannenderes da unten liegt - etwas Spannenderes als Kabel.

SPIEGEL ONLINE: Also nehmen Sie jetzt doch keine Geschichte mit nach Hause.

Giesen: Doch, es ist eine phantastische Story. Die Geschichte hat mir gezeigt, dass ich ziemlich überzeugend sein kann. Ich habe die Gemeinde Mittenwald überzeugen können, mitzumachen. Ich habe 850 Leute gefunden, die die Grabung finanziert haben. Wenn die Geschichte ist, dass ein kleiner Typ ohne Geld und Macht, aber mit einer guten Idee eine bayerische Stadt dazu bringen kann, eine Straße aufzubrechen und ein tiefes Loch zu graben - dann ist das die Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Warum suchen Sie nicht einfach weiter? Vielleicht finden Sie den Schatz ja noch?

Giesen: Ich habe immer gesagt: Wenn ich dort nichts finde, dann ist das das Ende von dieser Geschichte. Dann werde ich nicht weitermachen. Dann werde ich eine andere Geschichte jagen.

SPIEGEL ONLINE: Aber was, wenn Sie nur einen kleinen Fehler in der Berechnung gemacht haben und der Schatz nun für immer da unten liegt?

Giesen: Dieser Schatz ist durch die Geschichte sehr belastet, er ist mit dem Leid vieler Menschen verbunden. Wenn ich den Schatz tatsächlich gefunden hätte, wäre es auch eine Bürde gewesen. Ich denke immer noch, dass es eine gute Theorie war. Vielleicht, das hatten die Mittenwalder ja auch gesagt, wurde der Schatz schon direkt nach dem Krieg von den Leuten ausgebuddelt, von denen er vergraben wurde. Das ist natürlich auch plausibel. Aber das ist das Beste, was ich tun konnte. Ich hatte eine Theorie, die habe ich überprüft. Jetzt ist jemand anderes dran.

SPIEGEL ONLINE: 850 Leute haben Ihr Vorhaben finanziert - was sagen Sie jetzt den Schatzsuchern? Nehmen die es so sportlich wie Sie?

Giesen: Die wissen es bereits, trotzdem werde ich Ende des Monats ein Event für sie veranstalten, mit Livemusik, und ihnen erzählen, was genau passiert ist. Außerdem überlege ich, den Granitblock, den wir gefunden haben, in tausend kleine Teile zersägen zu lassen. Und dann bekommt jeder ein Stück, dann teilen wir alle die Anomalität.

Das Interview führte Gesa Mayr
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