Mixed Martial Arts für Kinder Schlag um Schlag

In den USA treten Grundschüler bei brutalen Käfigkämpfen gegeneinander an. Kritiker halten das für unverantwortlich. Für die Kinder sei das nur ein Spiel, entgegnen Eltern. Sie hoffen auf Zugang zu einem Milliardenmarkt.

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Ein kleiner blonder Junge rammt seine Faust in die Rippen seines Gegners. Der taumelt in die Maschen des achteckigen Käfigs, in dem die beiden aufeinander einprügeln. Der Blonde setzt nach. Schlag um Schlag um Schlag.

Die beiden gehen noch in die Grundschule, aber sie prügeln wie Erwachsene. Mehr als drei Millionen Kinder unter 14 Jahren - größtenteils Jungen - nehmen in den USA regelmäßig an Mixed-Martial-Arts-Kämpfen teil, schätzt der Sportsender ESPN. Die Jüngsten sind gerade einmal fünf Jahre alt.

Mixed Martial Arts oder MMA, wie die Käfigklopperei auch heißt, ist ein Vollkontakt-Kampfsport. Das heißt: Die Kombattanten schlagen und treten mit voller Kraft. Fast alles ist erlaubt. Faustschläge wie beim Boxen, Würfe wie beim Judo, Tritte wie beim Kickboxen und Klammergriffe wie beim Ringen. Dass MMA als brutalste Sportart der Welt gilt, liegt auch an der Historie: Zu Beginn ging der Kampf auch dann noch weiter, wenn einer der Athleten schon wehrlos am Boden lag, es gab praktisch keine Regeln.

Mittlerweile hat sich mit der zumindest etwas regulierten "Ultimate Fighting Championship" eine Veranstaltungsreihe etabliert, die vor allem bei Erwachsenen beliebt ist, in den USA sogar noch mehr als Boxen. Bis zu acht Millionen Zuschauer verzeichnet der Fernsehsender Fox in einer Kampfnacht. In die Arenen kommen bis zu zehntausend zahlende Besucher, um die Schlägereien live zu sehen.

Dass nun auch Kinder in dem achteckigen Kampfkäfig antreten, ist ein neues Phänomen. Seit zwei Jahren ist zum Beispiel Mason Bramlette dabei, sieben Jahre alt, blonder Irokesenschnitt, Kampfname "The Beast" und am Telefon ein bisschen schüchtern. Im Käfig ist von dieser Zurückhaltung nichts mehr zu sehen. Mason gewinnt oft. Angst? Nö, die habe er eigentlich nicht, sagt er. Klar, es sei nicht schön, wenn er einen harten Schlag oder Tritt abbekomme. "Aber zu verlieren ist viel schlimmer."

Es gelten fast die gleichen Regeln wie bei den Großen

Etwa 500 Zuschauer versammeln sich an Kampftagen am Käfig: nicht nur Eltern, Großeltern, Nachbarn und Freunde. "Wir stellen bei fast jeder Veranstaltung einen neuen Rekord auf", sagt Masons Vater David Bramlette.

Und das, obwohl die Kinder sich nicht ganz so hart angehen wie die Erwachsenen. Tritte und Schläge auf den Kopf sind bei Kämpfen für unter 16-Jährige verboten. Doch ansonsten gelten die gleichen Regeln wie bei den Großen.

Warum tut ein Siebenjähriger sich das an? "Weil es Spaß macht", sagt Mason schlicht. "Dem Gegner zu zeigen, dass ich stärker bin, ist ein tolles Gefühl." David Bramlette ist überzeugt, dass MMA für seinen Jungen eine Art Spiel ist - so wie für andere Kinder Basketball oder Baseball. "Er ist ehrgeizig und kann eine Menge Aggressionen aufbauen, aber nach dem Kampf spielt er mit seinen Gegnern Verstecken."

Eine ähnliche Abgeklärtheit beschreibt auch der New Yorker Fotograf Sebastián Montalvo Gray, der zahlreiche Kämpfe fotografiert und Masons Familie mehrere Wochen lang begleitet hat. "Das ist die erste Generation Kinder, die mit diesem Sport aufwächst", sagt er. Wenn die Eltern MMA im Fernsehen anschauten, säßen die Kleinen oft mit vor dem Bildschirm. "Für sie haben die Kämpfe ihren Schrecken verloren."

Zudem beobachtet der Fotograf, dass manche Eltern in dem gefährlichen Hobby ihrer Kinder eine Chance sehen. "Sie haben begriffen, dass MMA ein Milliardenmarkt ist - und hoffen, über ihre Kinder irgendwann einmal ein Teil dieses Geschäfts zu werden." Ihnen sei klar, dass gute Kämpfer früh anfangen müssten, um später erfolgreich zu sein. Deshalb zahlten sie bereitwillig Einzeltrainings und führen weite Strecken zu den Wettkämpfen. "Ich habe Fünfjährige gesehen, die sich Eiweißshakes reinschütten", sagt Montalvo Gray.

"Das ist ein sehr gefährlicher Sport"

Mason trainiert bis zu sechsmal pro Woche, gleich nach den Hausaufgaben geht es los. Sein Vater fährt ihn, er will seinen Sohn unterstützen. Das nimmt mitunter bizarre Formen an. Montalvo Gray erinnert sich an eine Wettkampfszene, bei der Mason mehrere schwere Schläge in die Rippen einstecken musste. Der Junge weinte vor Schmerz, der Schiedsrichter wollte den Kampf beenden. Doch der Vater überredete seinen Sohn, im Ring zu bleiben. Unter Tränen ließ sich Mason weiter zusammenschlagen, bis der Ringrichter den Kampf endgültig abbrach.

Peter Frese, Präsident des Deutschen Judo-Bunds, hält das für unverantwortlich: "Das ist ein sehr gefährlicher Sport, insbesondere für Kinder." Protektoren gibt es kaum. Die jungen Kämpfer tragen nur Schienbeinschoner, eine Zahnschiene, dünne Handschuhe und einen Tiefschutz. "Möglicherweise entstehen Schäden, die man erst Jahre später wahrnimmt", sagt Frese. Außerdem lernten die Kinder von Anfang an, keinen Respekt vor ihrem Gegner zu haben. "Wenn man den anderen noch tritt, wenn der schon wehrlos am Boden liegt, hat das für mich nichts mit fairem Sport zu tun", sagt Frese.

Im deutschen Fernsehen darf MMA nicht mehr gezeigt werden. Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien verhängte 2010 ein Verbot, der Fernsehausschuss hatte "massive Gewalt" und "Tabubrüche" festgestellt, die dem Leitbild des Rundfunks der Bayerischen Verfassung widersprächen.

Auch in den USA regt sich Protest, stellenweise zumindest. In Kalifornien, wo die Begeisterung für die Kinderkämpfe in den vergangenen Jahren rasant angestiegen ist, erwägt die staatliche Sportkommission, ein Mindestalter für die Teilnehmer festzulegen. Vor einigen Monaten entschied der Stadtrat von Boston, dass Jugendliche unter 16 Jahren MMA-Veranstaltungen nicht einmal live ansehen dürfen - es sei denn, sie werden von einem Erwachsenen begleitet.

Masons Vater hat dafür überhaupt kein Verständnis, natürlich. "Vor und nach jedem Kampf geben die Gegner sich die Hand." Unangemessene Brutalität und Barbarei kann er nicht erkennen. "Jungs raufen doch ohnehin den ganzen Tag", argumentiert er. Beim MMA gebe es wenigstens einen Schiedsrichter. "Auf dem Schulhof hält sich niemand an Regeln."



insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
berndj 19.12.2013
1.
Zitat von sysopSebastian Montalvo/ PolarisIn den USA treten Grundschüler bei brutalen Käfigkämpfen gegeneinander an, fast alles ist erlaubt. Kritiker halten das für unverantwortlich. Für die Kinder sei das nur ein Spiel, entgegnen Eltern. Sie hoffen auf Zugang zu einem Milliardenmarkt. http://www.spiegel.de/panorama/mixed-martial-arts-fuer-kinder-kaefigkaempfe-boomen-in-den-usa-a-938257.html
bürger_prollmann 19.12.2013
2. Krank ! ! !
Mit 14 gibt es sicher die eigene Knarre - natürlich nur zur Selbstverteidigung - bald wird dann Amoklauf zur Mutprobe bei den Teenagern ... Man sollte die Kindererziehung und die "Erwachsenenbildung" nicht ausschließlich dem Unterschichten TV überlassen ...
ChiefGonzo 19.12.2013
3.
Zitat von sysopSebastian Montalvo/ PolarisIn den USA treten Grundschüler bei brutalen Käfigkämpfen gegeneinander an, fast alles ist erlaubt. Kritiker halten das für unverantwortlich. Für die Kinder sei das nur ein Spiel, entgegnen Eltern. Sie hoffen auf Zugang zu einem Milliardenmarkt. http://www.spiegel.de/panorama/mixed-martial-arts-fuer-kinder-kaefigkaempfe-boomen-in-den-usa-a-938257.html
Und genau das ist schlichtweg falsch. Ist einer der Kämpfer wehrlos (ob am Boden oder stehend) ist der Kampf zu Ende!
SPONU 19.12.2013
4. Solche Eltern...
Zitat von sysopSebastian Montalvo/ PolarisIn den USA treten Grundschüler bei brutalen Käfigkämpfen gegeneinander an, fast alles ist erlaubt. Kritiker halten das für unverantwortlich. Für die Kinder sei das nur ein Spiel, entgegnen Eltern. Sie hoffen auf Zugang zu einem Milliardenmarkt. http://www.spiegel.de/panorama/mixed-martial-arts-fuer-kinder-kaefigkaempfe-boomen-in-den-usa-a-938257.html
...schicken ihre kleinen Töchter auch geschminkt und im Kleidchen auf den Laufsteg. Honey BooBoo lässt grüssen. Vor kurzem gab's auf SPON ein Beitrag zu Schülern in der Muckibude. Muskelaufbau für den Respekt aufm Pausenhof. Würde mich nicht überraschen wenn diesselben Kreise diesen "Trend" aus USA ganz toll fänden. Schrecklich!
Was_sein_muß_muß_sein 19.12.2013
5. Was für Eltern ?
Man sollte den Eltern sofort die Kinder wegnehmen ! Gehts eigentlich noch den Kindern so eine Art von Brutalität anzuerziehen ? Ich kann nur hoffen, dass der Staat dies zukünftig strikt verbietet und es ein bisschen Hirn über diese Leute regnen läßt.
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