Moderner Ikarus Flügelmann düst über den Ärmelkanal

Manchmal ist er halb Mensch, halb Jet: Der Schweizer Yves Rossy schnallt sich Kohlefaserflügel und vier Düsentriebwerke auf den Rücken und fliegt wie ein Vogel. Am kommenden Mittwoch will er seine erste Langstrecke in Angriff nehmen - quer über den Ärmelkanal.


Eigentlich fürchtet er nur starken Gegenwind, weil dann sein Treibstoffvorrat möglicherweise nicht reicht. Aber sonst ist Yves Rossy bestens gerüstet für seinen ersten Flug über offenes Wasser am kommenden Mittwoch. Die Strecke über den Ärmelkanal kennt er sowieso aus dem Effeff, als Pilot für die Swiss International Air Line steuert er normalerweise einen A320 auf der Strecke von Zürich nach London Heathrow. Auch sein ungewöhnlicher Flugapparat hat sich inzwischen auf vielen Flügen bewährt. Trotzdem bleibt ein Restrisiko. Wenn etwas schiefgeht, landet er ausgerechnet auf einer der am meisten befahrenen Wasserstraßen der Welt.

Seit 15 Jahren arbeitet der Abenteurer an seiner Vision, wie Ikarus in den Himmel aufzusteigen - eben nicht in einer klobigen Maschine zu sitzen, sondern den Flug am eigenen Leib zu erleben, die Geschwindigkeit zu spüren und wie ein Vogel auf die Landschaft unter ihm zu schauen.

Er hat mit Konstruktionen experimentiert, die wie aufblasbare Drachenflieger aussehen, verschiedene Flügelprofile und Antriebe getestet, bis er auf die Düsentriebwerke des deutschen Herstellers JetCat stieß, der normalerweise Modellbauer mit seinen Miniturbinen beliefert. Rossy montierte vier davon auf einen starren Flügel aus Kohlefaser - Spannweite etwa 2,40 Meter - und dazu einen Tank für Kerosin. Schnallte sich die gut einen Zentner schwere Konstruktion auf den Rücken - und flog.

"Es ist die totale Freiheit", beschrieb der 49-Jährige das Gefühl nach seinen ersten Testflügen in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Fusion Man" nennt er sich selbst, halb Mensch, halb Maschine: "Ich bin quasi nackt, ich habe nur den Flügel, der mich trägt. Doch trotzdem mache ich das gleiche wie mit einem Flugzeug. Es ist wie ein Traum. Wo ich hinschaue, dorthin fliege ich auch."

Jetzt also über den Ärmelkanal, und zwar auf derselben Route, die auch Flugpionier Louis Blériot wählte, der vor 99 Jahren als erster Mensch den Trip über das offene Wasser wagte. Wie Blériot will auch Rossy im französischen Calais starten und dann auf direktem Kurs Dover ansteuern. Ein Propellerflugzeug wird ihm dabei Starthilfe geben und ihn auf eine Höhe von gut 3000 Meter transportieren. Erst dann wird er seine Triebwerke anwerfen und mit eigener Kraft losdüsen.

Anfangs im Sturzflug wie ein Falke, wobei er ein maximales Tempo von 340 km/h erreicht, und dann auf einer Höhe von 1700 Metern mit normaler Reisegeschwindigkeit - etwa 200 Sachen - in der Horizontalen weiter. 22 Meilen sind es bis Dover, ein Klacks eigentlich und in ein paar Minuten zu schaffen, aber eben doch eine Pioniertat, die noch nie jemand vorher versucht hat. Er trägt dabei übrigens einen feuerfesten Schutzanzug (wegen der Düsentriebwerke auf dem Rücken) und gleich drei Fallschirme (einen zum Bremsen, einen für die Notlandung und einen für den Fall der Fälle, dass die anderen beiden nicht funktionieren).

Auf die Frage eines Reporters von der britischen "Times", ob er sich als Fusion Man in der Luft nicht schrecklich fürchte, antwortete Yves Rossy gelassen: "Beim Fliegen nie. Vorher fühle ich schon eine gewisse Spannung, aber die hilft mir bei der Konzentration."

Er geht seine Checklisten noch einmal durch - und dann los. "Wenn ich endlich fliege, ist es eine Kombination aus Konzentration und purem Glück. Es ist fast unwirklich; ich lebe da oben in einem Stadium der Hypereuphorie."

oka



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.