Modetrend Fuß-OP Was nicht passt, wird passend gemacht

Der kleine Zeh quillt hässlich aus der Designer-Sandale? Weg damit! Der Mittelzeh ist zu lang? Kürzen bitte! So einfach ist das, zumindest in den USA. Dort sind kosmetische Eingriffe zur Fußverschönerung Gang und Gäbe. Und die Kundinnen so happy wie hysterisch.

Constance Briscoe hat kürzlich 23.400 Dollar ausgegeben. Grundlos ausgegeben, würde mancher sagen. Doch Constance Briscoe ist nach ihrer Investition eine glückliche Frau. "Also, sie haben ein V in den Knochen meines großen Zehs geschnitten, der hatte sich nämlich schon ganz zur Seite geneigt, und haben ihn wieder gerade geschraubt. Dann haben sie vom Knochen meines kleinen Zehs etwas abgehobelt, haben meinen zweiten, dritten und vierten Zeh aufgeschnitten und Teile der Mittelknochen entnommen, um die Zehen zu kürzen. Ach ja, und Fett haben sie auch noch abgesaugt."

Worüber die Rechtsanwältin in der britischen "Times" so euphorietrunken Auskunft gibt, ist die komplette Runderneuerung ihres wichtigsten Fortbewegungsmittels: ihrer Füße. Briscoe folgt, so berichtet das Blatt, einer neuen chirurgischen Mode: Frauen lassen sich Füße und Zehen operieren, um besser in Designer-Schuhe zu passen. Es überrascht nicht, dass das Epizentrum dieses erschütternden Kosmetiktrends in den USA, genauer in Kalifornien, zu finden ist.

In Beverly Hills, dem Mekka der Schönheitsfixierten, besuchte eine "Times"-Reporterin die Praxis des Chirurgen Dr. Ali Sadrieh, der just einer Patientin zur Verkürzung ihres Zehs einen Knochen entnahm – das Gliedmaß hatte in "Manolo Blahnik"-Highheels eine unschöne Figur gemacht.

Sadrieh ist stolz auf einen neuen Slogan, den er persönlich erfunden hat: "Toes is the new Nose", Zehen sind heute das, was früher Nasen waren. Eine neue chirurgische Tummelwiese, auf der sich sehr viel Geld verdienen lässt.

Seit die Modeindustrie den Schuh aus den Niederungen modischen Beiwerks erhob und ihm eine Hauptrolle in der Stil-Ikonografie zuwies, ist der Fuß exponierter denn je. Schuh-Designer wie Blahnik, Stuart Weitzman oder Jimmy Choo sind Stars einer milliardenschweren Branche, und sie entwerfen zunehmend Gehwerk, das eben nicht zum Laufen geschaffen ist, sondern den Fuß präsentieren soll: je nackter, umso besser.

Schuhe als Statussymbol, Füße als misshandelte Sklaven eines Fetisch: Nicht nur muss frau auf bequeme Fortbewegung weitgehend verzichten, immer mehr Modehörige sehen sich offenbar gezwungen, ihre Füße nicht nur mittels Pediküre, Makeup, Schmuck herauszuputzen, sondern nach dem Aschenputtel-Prinzip zu verfahren. Was nicht in den Schuh passt, wird passend gemacht.

"Prominente sehen Fotos von sich auf dem Roten Teppich und sagen 'Igitt, was für eklige, scheußliche Zehen'", gibt Dr. Sadrieh Auskunft. Nächster Stopp: OP-Tisch. "Bringen Sie das in Ordnung", lautet dann der Befehl an den Chirurgen.

Eine Aufforderung, der sich Professor Dr. Werner Mang verweigern würde, wie er sagt. Mang betreibt in Lindau am Bodensee Europas größte, von Prominenten und Gutbetuchten frequentierte Schönheitsklinik und gilt als Pionier wie Protagonist auf dem Gebiet der ästhetischen Chirurgie in Deutschland. Auch er verzeichnet zunehmend Anfragen nach Fuß-Tuning: "Unsinnig" sei diese Modeerscheinung, sagt Mang zu SPIEGEL ONLINE, "genau so idiotisch wie der Wunsch, sich für eine schlankere Taille Rippen entfernen zu lassen, sich Silikon in den Po spritzen zu lassen, um wie Jennifer Lopez auszusehen oder sich zum Oktoberfest mit Silikon die Wadeln stattlicher machen zu lassen." Folgeschäden seien nicht auszuschließen. Ärzte, die dieser enthemmten Gier nach plastischer Veränderung nachkämen, handelten unseriös. "Aber natürlich haben viele das Dollarzeichen in den Augen."

Trend ist die ästhetische Fuß-Chirurgie in Deutschland offenbar noch nicht. "Einen normalen Fuß wird man nicht amputieren, damit er in irgendeine besondere Schuhform passt", sagt Professor Dr. Jochen Eulert, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, zu SPIEGEL ONLINE. "Aber: Jede Frau möchte einen eleganten Fuß haben und wird dazu einen eleganten Schuh tragen wollen. Wenn der Fuß zu breit ist oder ein Zeh aus dem Schuhbett rutscht, sind operative Maßnahmen auch hier in Deutschland erwünscht und werden durchgeführt. Voraussetzung: Der Fuß muss abnormal sein." Dass man sich wie in den USA Zehen amputieren lässt, hält Eulert schlicht für "abartig".

Was, wenn die Unzufriedenheit mit dem schiefen Zeh zur Obsession wird? Brustvergrößerungen gibt es bei psychischer Indikation in Deutschland auf Krankenschein, da scheint – bei der längst Klischee gewordenen Lüsternheit der Frauen in Sachen Schuhwerk – ein krankhaftes Verlangen nach einer ideal ausgerichteten Zehphalanx im 500-Euro-Pumps nicht mehr weit. "Jeder ästhetische Chirurg ist immer auch Psychologe", sagt Professor Mang. Es gelte, den Patienten zu beraten und auch andere Lösungen für vermeintlich ästhetische Probleme anzubieten als das Schneiden.

Bei Constance Briscoe half kein Zureden mehr. Als ihr Orthopäde in Großbritannien sie partout nicht an einen Chirurgen überweisen wollte, flog sie kurzerhand über den Atlantik. Monatelang muss sich nach Eingriffen an beiden Füßen mit ungestalten Riesenpuschen herumschleichen, gestützt auf Krücken. Ihre neu-designten Füße sind ihr das Opfer wert. Einige ihrer Freundinnen seien auch schon auf den Geschmack gekommen.

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