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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Mörderisches Souvenir

Wie das berühmteste Fenster der Welt versteigert werden sollte
aus DER SPIEGEL 12/2007

Caruth Byrd, Filmproduzent und Besitzer einer Ranch mit eingebautem Zoo, hatte die Auktion gründlich geplant. Das Einstiegsgebot sollte bei mindestens 100 000 Dollar liegen. Die Bieter durften keine Neulinge sein bei Ebay. Sie mussten mindestens 20 Käufe oder Verkäufe nachweisen, und ihre Geschäftspartner mussten ihnen bescheinigt haben, dass sie zuverlässig waren.

Auch wollte Byrd nicht selbst als Verkäufer in Erscheinung treten. Der Neffe eines Geschäftsfreunds würde seine E-Mail-Adresse auf der Angebotsseite des Online-Auktionshauses nennen und die Anfragen potentieller Käufer sortieren. Byrd hatte keine Lust, seine Zeit mit den Kommentaren, den Traktaten irgendwelcher Verschwörungstheoretiker zu vergeuden, die von seiner Auktion angezogen werden würden wie Motten vom Licht.

Zu verkaufen hatte Byrd ein Fenster, geerbt von seinem Vater, gefertigt aus Holz, entnommen dem ehemaligen Lager für Schulbücher in Dallas, Texas, und zwar dem fünften Stock, der südöstlichen Ecke. Dies ist, auch heute noch, einer der heiligen Orte Amerikas, an den jedes Jahr rund eine halbe Million Männer, Frauen und Kinder pilgern. Von hier aus erschoss Lee Harvey Oswald am 22. November 1963 John F. Kennedy, den 35. Präsidenten der USA. Byrd hatte ein Stück amerikanische Geschichte zu verkaufen.

Die Auktion begann pünktlich und hektisch.

Schnell durchbrachen die Gebote die Eine-Million-Dollar-Grenze, mehrere Gebote wurden zurückgezogen, darunter eines über 17 Millionen Dollar, weitere wurden in Byrds Auftrag annulliert, da die Bieter die Voraussetzungen nicht erfüllten. Die Auktion endete mit einem Höchstgebot von 3 001 501 Dollar. Byrd war zufrieden. Er schien sein Ziel erreicht zu haben, ohne große Probleme. 3 001 501 Dollar. Das überstieg den geschätzten Wert des Gebäudes, aus dem das Fenster stammte, um etwa eine halbe Million Dollar. Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass der Käufer, ein Niederländer, das Geld nicht besaß. Byrd war darüber nicht glücklich. Es hätte ihn gefreut, das Fenster endlich loszuwerden. Es hatte ihm und seinem Vater schon eine Menge Ärger eingebracht.

Colonel D. Harold Byrd, Mitglied des texanischen Öladels, Millionär, Geldgeber mehrerer Antarktisexpeditionen, war Eigentümer des Gebäudes, das Lee Harvey Oswald für seine Tat wählte. So gehörte ihm auch das Fenster, das durch die Tat in den Stand einer Reliquie erhoben worden war.

Byrd, der Ältere, soll empört gewesen sein, als er wenige Wochen nach der Tat feststellen musste, dass Andenkenjäger mit Taschenmessern an dem Fensterrahmen herumschnitten. Er ließ das Fenster ausbauen, setzte es in einen Glaskasten und hängte es dann an eine Wand seines geräumigen Esszimmers. Dort war es sicher, dort konnten seine Gäste es bewundern.

Für das Gebäude, aus dem das Fenster stammte, hatte Byrd keine Verwendung. Er verkaufte es an einen Musikproduzenten aus Nashville. Das war ein großer Fehler.

Der Produzent Aubrey Mayhew ist ein Kennedy-Fan. Er liebt John F. Kennedy, er verehrt ihn, er besitzt nach eigenen Angaben rund 300 000 Kennedy-Gedenkstücke, und damals, im Jahr 1970, fehlten ihm vor allem zwei Dinge: das Fenster, durch das Kennedy erschossen worden war, und ein Museum, in dem er seine Sammlung präsentieren konnte. Byrd half ihm, beide Probleme zu lösen. Er verkaufte Mayhew das Haus. Kurze Zeit später ließ Mayhew verkünden, dass er der wahre Besitzer des berühmtesten Fensters der Welt sei. Byrd habe das falsche ausbauen lassen.

Einen Beweis blieb Mayhew schuldig. Ebenso wie Byrd, der nach wie vor behauptete, er sei der wahre Besitzer des berühmtesten Fensters der Welt.

Über ein Jahrzehnt sollte vergehen, bis eine Expertin die Gelegenheit hatte, einen Blick auf eines der Fenster zu werfen. Conover Hunt, Mitarbeiterin des neugegründeten Sixth Floor Museum in Dallas, besuchte Caruth Byrd, der das Fenster von seinem Vater geerbt hatte. Sie stellte fest, dass der Farbton identisch war mit den Fenstern, die noch in der Süd-seite des Hauses zu finden waren. Auch die Form stimmte überein mit den noch im Haus befindlichen Fenstern. Aber ob Byrds Fenster tatsächlich das Fenster war, durch das Kennedy er-schossen worden war, konnte sie nicht sagen. Eine Untersuchung von Mayhews Fenster hätte die Angelegenheit wahrscheinlich entscheiden können. Doch die kam nie zustande. Trotz der Zweifel wurde Byrds Fenster im Museum ausgestellt, der Streit um seine Authentizität ging weiter.

Vor ein paar Monaten ließ Byrd das Fenster aus dem Museum entfernen und begann, die Versteigerung im Internet vorzubereiten. Vielleicht wollte er das Fenster endlich los sein. Vielleicht brauchte er nur das Geld.

Nachdem die erste Auktion gescheitert war, versuchte Byrd es ein zweites Mal. Wieder bei Ebay. Das Einstiegsgebot lautete jetzt nicht 100 000, sondern 500 000 Dollar. Die Auktion endete am 27. Februar. Zahl der Gebote: null. Der Grund: Amerikas Medien hatten detailliert über den Fensterstreit berichtet.

Auch Aubrey Mayhew bot sein Exemplar des berühmtesten Fensters der Welt bei Ebay an. Startgebot: 999 999,99 Dollar. Seine Auktion endete am 1. März. Zahl der Gebote: ebenfalls null. UWE BUSE

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