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Bücher Moffen im Licht

Der in den Niederlanden umstrittene Bestseller »Die Zwillinge« erscheint auf deutsch - eine Verharmlosung deutscher Nazi-Mitläufer?
aus DER SPIEGEL 38/1995

Während der deutschen Besatzung war es mitunter überlebenswichtig, Nachbarn und Freunde nach »goed« und »fout« zu sortieren - und nach dem Krieg hingen von dieser Unterscheidung Ansehen und gesellschaftlicher Rang ab. Ein »guter« Niederländer lehnte die Nazis ab, ein »Falscher« war ein Kollaborateur.

Tessa de Loo ist eine Tochter aus »guter« Familie, und natürlich half ihr das, »Die Zwillinge« zu schreiben - einen Roman, in dem selbst ein Soldat der Waffen-SS als empfindsames menschliches Wesen geschildert wird. »De Tweeling«, im November 1993 in den Niederlanden erschienen, liegt nun in deutscher Übersetzung vor*.

Hochbetagt treffen sich die Zwillinge Anna und Lotte, 1916 in Köln geboren, im Kurort Spa wieder. Nach dem Tod der Eltern waren sie als kleine Mädchen getrennt worden. Verwandte in den Niederlanden nahmen Lotte auf. Anna _(* Tessa de Loo: »Die Zwillinge«. Aus ) _(dem Niederländischen von Waltraud ) _(Hüsmer. C. Bertelsmann Verlag, München; ) _(480 Seiten; 46,80 Mark. )

landete in einem westfälischen Dorf, auf dem Bauernhof eines Onkels.

Das einzige, was die beiden 74jährigen Frauen noch miteinander verbindet, scheint ihre Arthrose zu sein, die sie mit Moorbädern lindern. Bei Apfellikör und Ardennenschinken reden sie über den Massenmord an den Juden, über persönliche Schuld und den Widerstand gegen die braunen Machthaber.

Unversöhnlich stehen ihre Lebensgeschichten gegeneinander: Lottes Familie riskierte ihr Leben und versteckte Juden. Anna bewirtschaftete ein Schloß mit polnischen Zwangsarbeitern. Sie war beim Bund Deutscher Mädel und wurde die Ehefrau eines Soldaten der Waffen-SS.

Nach Annas Trauung läuft ein schweigender Zug von Menschen mit einem gelben Stern am Mantel an der Hochzeitsgesellschaft vorbei. Die Braut zerrt den verstörten Bräutigam mit den Worten: »Komm, schau nicht hin« einfach weiter; sie verübelt den Juden, daß sie ihr den Hochzeitstag vermiesen.

Fünfzig Jahre später erzählt sie der kühlen, abweisenden Lotte diese und viele andere Geschichten, die aus ihr herausquellen wie das Heilwasser aus den Brunnen von Spa. Die Deutsche, eine dröhnende Walküre mit unaufhaltsamem Redebedürfnis, will begreifbar machen, warum sie nichts sah und hörte. Und warum ihr, wenn sie etwas sah und hörte, das eigene kleine Glück wichtiger war.

Und doch geht es ihr nicht um Vergebung, wie die zuweilen selbstgerechte Lotte vermutet. »Ich habe«, sagt Anna scharf, »nichts verbrochen.«

Ist Anna schuldig? Oder hat sie als Mitläuferin, die in Bombennächten um ihr Leben rannte und verstümmelte Kinder in Lazarettruinen pflegte, Verständnis verdient? Waren die Deutschen nicht bloß Täter, sondern mitunter zugleich auch Opfer der Nazi-Tyrannei?

Solche Gleichmacherei mit den wirklichen Opfern weist Lotte entschieden zurück: »Welchen Grund hatte der Aggressor, sich zu beklagen, hatte er es nicht selbst so gewollt?« Ihre Schwester stand auf der Seite der Mörder, die Lottes jüdischen Freund in einem Konzentrationslager umbrachten.

Dennoch gelingt es Anna, die mit Witz und Härte von ihrem Alltag unter dem Hakenkreuz erzählt, Lotte in den Sog ihrer Lebensgeschichte hineinzuziehen. Annas Rechtfertigungen konfrontiert Lotte mit der Todesangst der Verfolgten, mit dem Rettungsmut ihrer Pflegemutter, die Juden versteckte. Das Porträt des neuen Vaters aber fällt ungünstiger aus. Auch er, ein rechthaberischer Salonkommunist, gefährdet sein Leben; aber er ist zugleich ein Egoist, der die für seine kranke Frau bestimmte Sonderration Lebensmittel heimlich selbst verzehrt.

Mit derart differenzierter Menschenzeichnung hat die Schriftstellerin de Loo in ihrer Heimat heftige Reaktionen ausgelöst. Nirgendwo sonst in Europa hat sich das Bild vom häßlichen Deutschen so fest eingeprägt. Nirgendwo sonst ist die Demütigung durch die deutschen Besatzer noch so gegenwärtig.

»Ich bin fast als Landesverräterin dargestellt worden«, sagt die 48jährige. »Das arme deutsche Volk«, höhnte ein Kritiker nach Lektüre und urteilte: »Mit diesem abscheulichen Gebräu ist der absolute Tiefpunkt erreicht.«

Ihre Leser dagegen, so de Loo, hätten begriffen, wovon ihr Buch erzählt: »Viele können sich stärker in Anna als in Lotte einfühlen.« Monatelang führten »Die Zwillinge« die Bestsellerlisten an, das Buch erhielt den niederländischen Publikumspreis des Jahres 1994.

De Loos Erfolg scheint ein Indikator für den nachlassenden Haß auf die »Moffen«, die Deutschen, zu sein, den das Meinungsforschungsinstitut Inter/ View kürzlich ausmachte. Mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen gaben an, sie hielten die Deutschen für »tolerant«. Noch drei Jahre zuvor hatten sie ihre östlichen Nachbarn mehrheitlich als »herrschsüchtig« und »kriegslüstern« eingestuft.

In Werken der niederländischen Nachkriegsliteratur werden Deutsche, etwa von Maurits Dekker in seinem Roman »Der Stiefel im Nacken«, als »Nietzsches blonde Bestien« gehandelt oder als »Biervolk, das auf groben Soldatenstiefeln in den stillen Garten Hollands hineinstürmt«.

Der Bestsellerautor Harry Mulisch hatte 1982 mit dem Roman »Das Attentat« das Bild vom heroischen Widerstand der Niederländer nachhaltig beschädigt: Er führte einen sadistischen Kollaborateur vor - und beschrieb, wie antifaschistische Kämpfer bei dessen Ermordung den Tod Unschuldiger in Kauf nehmen.

De Loo hat in Archiven recherchiert, sie reiste mehrfach nach Deutschland und befragte Zeitzeugen. Ihre Figuren verwob die frühere Lehrerin, die sich in ihrem Roman als stilsichere, detailgenaue Geschichtenerzählerin erweist, in ein feinsinniges Beziehungsgeflecht.

»Die Zwillinge« sind ein pralles Panoptikum, voll mit anrührenden und zuweilen schrillen Szenen.

Und sie sind zugleich ein privates Buch. Die Autorin hat es ihrer Mutter und der Deutschen Maria Hesse gewidmet. Während der Besatzung versteckten de Loos Großeltern auch zwei Nazi-Gegner. Einer der beiden - ein Chemiker, der nicht in der deutschen Rüstungsindustrie eingesetzt werden wollte - wurde de Loos Vater.

Die Panik, die de Loos Eltern während der Nazi-Zeit ausstanden, prägte sie auch nach der Befreiung. Während des Koreakriegs machten sie Emigrationspläne, während der Kubakrise horteten sie Lebensmittel im Kinderzimmer ihrer Tochter. Zu Hause wuchs die Autorin mit Geschichten über das Dritte Reich und mit der Angst vor einem neuen Krieg auf. »Und das alles«, sagt sie, »hatte mit Deutschland zu tun.«

1985 fährt sie nach Frankreich, um in einer Pension ungestört an einem neuen Manuskript zu arbeiten. Dort begegnet sie der Deutschen Maria Hesse, die beiden Pensionsgäste werden Freundinnen. »Ich hatte die holländischen Geschichten über den Krieg aufgesogen, ich war voll davon. Und dann ging es mir genauso mit Marias Geschichten«, sagt de Loo: »Aber beide Geschichten waren miteinander verfeindet.«

Ihren Konflikt trägt de Loo nicht nur auf dem Papier aus, wo sie versucht, die widerstreitenden Versionen zu einem vielschichtigen Gesamtbild zu montieren. Sie bringt auch Maria Hesse, die das Vorbild für Anna wird, mit ihrer Mutter zusammen, deren Leben sie in der Figur von Lotte nachgezeichnet hat. Diese Begegnungen ähneln den Treffen von Anna und Lotte - Maria Hesse war dominant.

Das Buch ihrer Freundin hat sie nicht mehr gelesen. Einen Monat, bevor »Die Zwillinge« in den Niederlanden erschien, starb Hesse 77jährig an Krebs. »Ich habe sie geliebt«, sagt de Loo, »und sie machte mich böse.« Y

* Tessa de Loo: »Die Zwillinge«. Aus dem Niederländischen vonWaltraud Hüsmer. C. Bertelsmann Verlag, München; 480 Seiten; 46,80Mark.

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