Mohrs Herzschlag Alarm! Vorhofflimmern!

Die Luft bleibt weg, das Herz kämpft, als wolle es herausspringen: Ich habe Vorhofflimmern! Nach wenigen Momenten die bittere Erkenntnis: Nur Spezialisten können etwas gegen meine Herzrhythmusstörungen tun. Aber was mache ich gegen Kapazitätsprobleme auf der Intensivstation?

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Es war genau 17.26 Uhr: Blitzartig fängt mein Puls an zu rasen, zu toben, von einer Sekunde zur nächsten pumpt mein Herz ohne jeden Rhythmus, chaotisch folgt Schlag auf Schlag, mal schwach, mal stark. Mein Herz kämpft in meiner Brust, als wolle es herausspringen.

Letzte Chance: Das nächste Krankenhaus
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Letzte Chance: Das nächste Krankenhaus

Ich weiß es sofort: Ich habe Vorhofflimmern! Seit über einem ach so guten Jahr hatte ich keinen schweren Anfall mehr, jetzt kommt die Gefahr von neuem. Mir bleibt fast die Luft weg.

Nach wenigen Momenten der Starre starte ich einen ersten Pressversuch: So viel Luft wie nur irgendwie möglich in die Lungen einsaugen und dann pressen, bis der Brustkorb schmerzt. In meiner Jugend konnte ich mit diesem Trick, die Ärzte nennen es Valsalva-Manöver, meist meine Herzrhythmusstörungen beenden. Seit fast 20 Jahren klappt das schon nicht mehr, aus Verzweiflung versuche ich es trotzdem.

Nach zehn Minuten gehe ich von meinem Büro im dritten Stock im Hamburger SPIEGEL-Hochhaus eine Etage tiefer in den Krankenraum, ein kleines Kabuff mit einer Pritsche. Vielleicht hilft das. Kaum habe ich mich hingelegt, stehe ich auch schon wieder auf: Die Luft in dem klimatisierten Raum ist katastrophal. Ich nehme meine Jacke und drehe eine Runde über den Hof. Womöglich rettet mich frische Luft.

Eine Viertelstunde später sitze ich wieder vor meinem Schreibtisch, bin niedergeschlagen und schwitze. Wie befürchtet waren die Pressmanöver und der Spaziergang nutzlos. Auch heute scheint wieder alles wie in den vergangenen verdammten 15 Jahren zu sein: Ich kann nicht das Geringste gegen meine Herzrhythmusstörungen tun.

Meine einzige Chance ist, das nächste Krankenhaus aufzusuchen und zu hoffen, dass die dortigen Ärzte mit Elektroschocks mein Herz wieder zu regelmäßigem Schlagen zwingen können. Viel zu oft haben sie das schon tun müssen - es ist eine Katastrophe.

Ich informiere meine Kollegin im Nebenzimmer, spreche kurz mit meinem Chef. Dann rufe ich meine Frau an, die mir gut zuredet, aber hörbar mit den Tränen kämpft. Kurz darauf bestelle ich ein Taxi, ab geht es in eine Hamburger Klinik.

Kapazitätsprobleme auf der Intensivstation

Die Zentrale Notaufnahme in dem riesigen Krankenhaus ist neu. Bisher lag ich immer in schummrigen fensterlosen Kabuffs, jetzt komme ich in einen hellen Zweibettraum mit Fenster auf den Hof. Nur wenige Minuten nach meiner Ankunft nimmt eine Schwester Blut ab, eine andere schreibt ein EKG. Es kommt eine junge Ärztin, die meinen Verdacht bestätigt: "Ja, Sie haben Vorhofflimmern."

Dann erklärt mir die zierliche Frau, dass das Krankenhaus in dieser Nacht keine Elektrokardioversion - so nennen die Mediziner die Stromschocks, mit denen mein Herz wieder in einen regelmäßigen Rhythmus finden soll - durchführen könne. Es gebe Kapazitätsprobleme auf der Intensivstation. Ich bin bestürzt!

Immer wieder haben mir die Ärzte erklärt, ich solle bei einem Anfall möglichst schnell eine Kardioversion machen lassen, mich "schocken", mich "grillen" lassen: Denn je länger mein Herz im falschen Rhythmus pumpe, umso größer sei die Gefahr, dass sich im Herz Blutgerinnsel bilden, die einen Gehirnschlag oder eine Lungenembolie auslösen könnten. Und je kürzer das Herz im falschen Rhythmus voranstürme, umso leichter sei es auch, es wieder von einem normalen Herzschlag zu überzeugen.

Über 20-mal bin ich in den vergangenen zehn Jahren mit Elektroschocks behandelt worden, nie später als acht bis zehn Stunden nach Beginn des Anfalls. Und jetzt keine Chance vor morgen früh - so ein Mist! Nach Mitternacht werde ich in ein anderes Zimmer verlegt, dort an einen Monitor angeschlossen. Eine freundliche Krankenschwester gibt mir eine Schlaftablette, ich finde ein wenig Ruhe.

Fehlen dieser großen Klinik Mitarbeiter? Geräte? Oder Betten?

Am nächsten Morgen verpassen mir die Ärzte erst einmal ein sogenanntes Schluckecho. Dabei wird ein Echoskop, ein biegsamer Schlauch mit einem Ultraschallkopf, über die Speiseröhre bis an den Mageneingang vorgeschoben. So liegt das Ultraschallgerät direkt neben dem Herzen und die Ärzte können via Bildschirm prüfen, ob sich im Herz Blutgerinnsel gebildet haben. Zu sehen waren keine, Gott sei Dank.

Doch nun folgt der nächste Schlag: Die Mediziner teilen mir nüchtern mit, dass sie auch den ganzen Tag über und in der kommenden Nacht keine Elektrokardioversion machen können. Warum? Nun, wegen der schon genannten Kapazitätsprobleme.

Ich bin fassungslos, entsetzt! Fehlen in dieser großen Klinik Mitarbeiter? Oder Geräte? Oder Betten? Habe ich einfach nur Pech oder spüre ich hier als Patient ganz persönlich, wie sich das Sparen im Gesundheitswesen auswirken kann? Auch mein niedergelassener Kardiologe und meine Hausärztin werden sich später befremdet zeigen.

Mein Herz donnert weiter wie irre mit 160 bis 170 Schlägen. In Absprache mit einem Arzt gehe ich nach Hause, eine Spritze zur Blutverdünnung für den Abend in der Tasche. Am nächsten Tag soll ich "geschockt" werden.

Die Gunst des Schicksals: Ein ganz normaler Herzschlag

Daheim lege ich mich aufs Bett - mein Herz und meine Gedanken rasen: Hoffentlich klappt morgen die Elektrokardioversion, hoffentlich reicht ein Versuch, hoffentlich müssen die Ärzte nur eine niedere Stromstärke einsetzen. Was passiert, wenn Schwierigkeiten auftreten, wenn mein Herz sich standhaft weigert, wieder normal zu schlagen. Überhaupt: Wird es irgendwann eine Heilung für mein Herzleiden geben?

Plötzlich, es muss gegen halb vier am Nachmittag sein, habe ich das Gefühl, mein Herz schlägt wieder normal: Ich fühle meinen Puls - genau, kein Vorhofflimmern mehr! Ein Sinusrhythmus! Unterbrochen von ein paar Extraschlägen, aber ein Sinusrhythmus! Ich kann es nicht glauben, ich habe wieder einen normalen Herzschlag!

Seit 15 Jahren ist mein Herz - hat es einmal mit Rhythmusstörungen angefangen - nie mehr von selbst wieder in einen regelmäßigen Puls übergesprungen. Jetzt hat es geklappt! Steif, ein wenig ungläubig, aber glücklich liege ich in meinem Bett. Ein ganz normaler Herzschlag - wie wunderbar.

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