Mohrs Herzschlag Angriff der Super-Viren

Ein Magen-Darm-Virus schlägt zu: Für den chronisch herzkranken Joachim Mohr kann das sogar lebensgefählich sein. Er erleidet einen Kreislaufkollaps, muss für zwei Tage ins Krankenhaus. Doch die Gefahr ist nicht gebannt.


Notarzt-Einsatz: "200 sehr aggressive Magen-Darm-Viren"
DDP

Notarzt-Einsatz: "200 sehr aggressive Magen-Darm-Viren"

"Sprich mit mir, los!" Den Ruf meiner Frau höre ich noch. Dann verliere ich das Bewusstsein.

Als ich wieder zu mir komme, liege ich auf dem Holzboden in unserem Gästezimmer. Meine Frau, die meinen Kopf hält, wiederholt immer wieder: "Der Notarzt kommt gleich, der Notarzt kommt gleich!"

Am Nachmittag vor ein paar Tagen habe ich mich erst nur etwas unwohl gefühlt. Ich dachte an eine leichte Erkältung. Doch dann überfällt mich ein Magen-Darm-Virus mit einer für mich bis dahin unbekannten Wucht: Im Minutenrhythmus muss ich auf die Toilette rennen, mein Darm entleert sich mit sturzbachgleichen Durchfällen, ich bekomme hohes Fieber, massive Bauch- und Gliederschmerzen quälen mich.

Innerhalb von nur wenigen Stunden ist mein Körper so geschwächt und angegriffen, dass ich einen Kreislaufkollaps erleide, ohnmächtig werde. Mit Blaulicht geht es mitten in der Nacht in die Notaufnahme der nächsten Klinik.

Die folgenden Stunden sind eine Katastrophe: Weiter öffnet mein Darm alle Viertelstunde seine Pforten. Über den rechten Handrücken versorgt mich eine Infusion mit Flüssigkeit, durch drei Kabel bin ich von meiner Brust aus mit einem EKG-Monitor verbunden bin, ein automatisches Blutdruckmessgerät ist um meinen linken Oberarme geschlungen - der mühsame Schritt auf den Toilettenstuhl direkt neben meinem Bett wird jedes Mal zu einem Drama.

Was, wenn der Virus Herzrhythmusstörungen auslöst?

Die Ärzte ziehen einen gefährlichen Erreger wie einen Norovirus in Erwägung, ich werde allein in ein Isolierzimmer verbannt. Schwestern, Pfleger und Doktoren sehe ich ausschließlich verborgen hinter Mundschutz und Schutzkleidung, mit Schutzhauben und Schutzhandschuhen. Ich selbst trage nur ein dünnes Nachthemd, es gehört der Klinik, mich friert trotz des Fiebers erbärmlich.

Am frühen Morgen sinke ich aus purer Erschöpfung in einen kurzen, unruhigen Schlaf.

Das Chaos einer so massiven Magen-Darm-Erkrankung allein kann schon an den Nerven eines Kranken zerren. Bei mir kommt aber noch eine riesige Angst hinzu: Kann der Virus mit seinen Folgen meine Herzrhythmusstörungen auslösen? Komme ich dann wieder auf die Intensivstation? Muss ich wieder eine Narkose und Elektroschocks ertragen, um einen normalen Herzrhythmus zu erzwingen? Können meine Herzrhythmusstörungen überhaupt bekämpft werden, so lange ich diese furchtbaren Magen-Darm-Schwierigkeiten habe? Was passiert, wenn nicht?

Alltagskrankheiten wie Fieber oder Durchfall und Erbrechen sind für die meisten Menschen ärgerlich – mehr aber meist nicht. Für Schwerkranke wie mich bedeuten sie jedoch eine ernste Bedrohung. Bei starkem Durchfall trocknet der Körper aus, wichtige Salze wie Kalium, Natrium, Magnesium gehen verloren. Der gesamt Chemie-Haushalt des Menschen gerät durcheinander, das Herz-Kreislauf-System wird extrem belastet – eine fast optimale Situation für erstklassige Herzrhythmusstörungen, für gefährliches Rasen, Stottern, Zucken des Herzens.

Wieder zuhause. Doch nach wenigen Stunden der Rückfall

Also liege ich einsam in meinem Krankenzimmer, verfluche die weite Welt der Viren, versuche die immer wieder aufblitzenden Horrorszenarien für mein kaputtes Herz zu verscheuchen und hoffe auf verborgene Kräfte meiner Pumpe. Ein Telefon wie eine Fernbedienung für den Fernseher haben mir die Pfleger wegen der Ansteckungsgefahr jeweils in einen OP-Handschuh verpackt. Ich bin aber zu erledigt, kann weder fernsehen noch länger telefonieren.

Viele Menschen mit einem schweren körperlichen Defekt, wie ich mit meinem operierten Herzen, kämpfen meist nicht allein mir ihrer Hauptkrankheit. Oft müssen sie sich noch mit unterschiedlichen Folgen ihres Leidens herumschlagen: lästige Nebenwirkungen von Medikamenten, ein angegriffenes Immunsystem, Schlafstörungen, psychische Belastungen und manches mehr gibt es sozusagen gratis zur großen Krankheit hinzu.

Nach zwei Tagen darf ich das Krankenhaus wieder verlassen, wacklig auf den Beinen. Die Infusionen haben den Körper stabilisiert, die Durchfälle sind weniger geworden. Der Verdacht auf Noroviren hat sich nicht bestätigt, der Stationsarzt erklärt mir jedoch nüchtern, dass es "etwa 200 sehr aggressive Magen-Darm-Viren gibt". Außer den Patienten zu stabilisieren, könne man gegen die kleinen Monster eben nichts unternehmen.

Ich bin erst wenige Stunden zuhause, da kommt es zu einem Rückfall: Mein Magen-Darm-Trakt will wieder keine Flüssigkeit bei sich behalten. Nach einer weiteren durchwachten Nacht, literweise lauwarmer Brühe und Telefonaten mit der Klinik geht es mir dann endlich, wirklich, besser.

Mein allergrößtes Glück nach 72 Stunden: Mein Herz hat - von bei mir üblichen Extraschlägen abgesehen - immer regelmäßig gearbeitet, es zeigte sich unbeeindruckt von der viralen Großoffensive in meinem Darm.

Ein paar Tage später sollte ich bitter erkennen, dass ich mich zu früh gefreut hatte.

(Fortsetzung folgt)

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