Mohrs Herzschlag Chaos-Nächte - Notarzt, bitte kommen!

Mitten in der Nacht wacht Joachim Mohr auf - und spürt sofort, dass etwas nicht stimmt. Sein Leben lang leidet der Herzkranke an einem zu schnellen Puls. Jetzt stürzt seine Herzfrequenz plötzlich gefährlich ab.


Die Pumpe in der Mitte meines Brustkorbs fühlt sich irgendwie komisch an, anders als sonst, fremd, auf eine gewisse Weise wackelig, schwach, unerklärlich schwammig. Genau kann ich den widerwärtigen Zustand mit Worten nicht beschreiben.

Ärztlicher Notdienst: "Meine Schädeldecke drückt stumpf nach unten."
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Ärztlicher Notdienst: "Meine Schädeldecke drückt stumpf nach unten."

Aber dass etwas nicht in Ordnung ist, da bin ich mir hundertprozentig sicher. Seit meiner Geburt kämpfe ich mit einem angeborenen Herzfehler und Herzrhythmusstörungen, ich bin bei Kardiologen und in Kliniken zu Hause, mehrmals wurde ich operiert, seit über zwei Jahrzehnten nehme ich starke Medikamente gegen Vorhofflimmern und Vorhofflattern. Ich kenne mein Herz gut – doch so wie in dieser Nacht hat es sich noch niemals angefühlt.

Immer wieder habe ich auch das Bedürfnis, tief Luft zu holen, als bräuchte ich mehr Sauerstoff. Auch mit meinem Kopf stimmt etwas nicht: Meine Schädeldecke drückt stumpf nach unten, es kommt mir vor, als sei mein Gehirn warm. Ich fühle Übelkeit im Magen. Obwohl ich alles sehen kann, fällt mir das Sehen schwer. Die ganze Welt scheint verlangsamt, zwischen mir und der Welt scheint sich ein Graben aufgetan zu haben.

Schmerzen habe ich keine, weder in der Brust noch sonst wo. Das beruhigt mich ein wenig.

Als der diffuse Zustand auch nach einer Stunde noch andauert, rufe ich den ärztlichen Notdienst. Der herangeeilte Mediziner mit einer Ärztetasche wie aus Großmutters Zeiten kann zwar nichts feststellen, schickt mich aber gegen 2.00 Uhr in der Frühe mit dem Krankenwagen in die nächste Klinik. Einen leichten Schlaganfall hält er zwar für nicht sehr wahrscheinlich, will ihn aber auch nicht ausschließen.

Zum ersten Mal im Leben arbeitet mein Herz zu langsam

In der Notaufnahme schreibt ein Pfleger ein EKG von meinem Herzen, und die Ärzte erkennen schnell mein Problem: Ich leide unter einer Bradykardie, das heißt, ich habe einen viel zu langsamen Puls. Meine Herzfrequenz liegt teilweise bei nur 40 Schlägen pro Minute, hin und wieder sogar darunter. Für einen Leistungssportler mag das ein akzeptabler Ruhepuls sein, für einen Normalo wie mich ist es alarmierend.

Ich bin perplex: Seit Jahrzehnten kämpfe ich mit meinem schwer kranken Herzen. Immer, jedesmal ist das Problem, dass mein Herz unregelmäßig und vor allem zu schnell schlagen will, teilweise lebensgefährlich schnell. Seit meiner Jugend schlucke ich täglich starke Tabletten; in den vergangenen Jahren bin ich über 20-mal elektrokardiovertiert worden, was bedeutet, dass Ärzte nur mit Elektroschocks mein Herz wieder beruhigen konnten; ich habe mich zwei Ablationen unterzogen, dabei wurde in meinen Herzkammern Gewebe verödet. Das alles, weil mein Herz rast, rennt, jagt, hetzt – weil es zu schnell ist.

Und in diesen Minuten, zum ersten Mal in meinem Leben, arbeitet meine Pumpe zu langsam. Ich kann es nicht fassen. Hört der Irrsinn mit meinem Chaos-Herzen denn nie auf?

Jedenfalls verursacht der zu niedrige Puls wohl eine Sauerstoffunterversorgung meines Körpers, wodurch ich mich so unwohl, so flau fühle, "blümerant", wie eine Ärztin meinen Zustand treffend beschreibt. Doch warum habe ich verdammt noch mal diese Bradykardie?

Am nächsten Morgen tritt der Chefkardiologe der Klinik an mein Bett und vermutet, dass die zu geringe Herzfrequenz von einem meiner Herzmedikamente verursacht wird. Warum aber der verdächtigte Beta-Blocker, den ich seit Jahren zweimal täglich ohne Schwierigkeiten einwerfe, jäh diese unerwünschte Wirkung erzielt – darauf weiß auch der große Herzexperte keine Antwort.

Vor einer Woche lag ich schon einmal in der gleichen Klink, damals wegen eines extrem aggressiven Magen-Darm-Virus. Durch schwallartige Wasser-Durchfälle, so nannten es die Ärzte, war mein Körper innerhalb nur weniger Stunden so geschwächt worden, dass ich einen Kreislaufkollaps erlitten hatte. Zwei Tage musste ich mit Infusionen versorgt werden.

Hohes Fieber - für Herzkranke fast immer eine Katastrophe

War damals der Chemie-Haushalt meines Körpers so durcheinander geraten, dass nun, sieben Tage später, unversehens eines meiner Medikamente von meinem Körper stärker als sonst aufgenommen und intensiver verarbeitet wird? Möglich sei das, sagen die Ärzte, doch Genaues wisse man nicht. Hohes Fieber und schwere Magen-Darm-Erkrankungen sind für Herzkranke wie mich fast immer eine Katastrophe.

Doch was nun tun? Die Klinikärzte schlagen vor, die Dosis des Beta-Blockers zu halbieren. Bedeutet dies aber nicht die Gefahr, dass, wenn sich mein Körper wieder erholt hat, die Dosis zu gering ist, mein bedrohliches Herzrasen zu verhindern? Die Mediziner zucken mit den Schultern – auszuschließen sei das nicht. Ich solle mich auf jeden Fall noch mit den mich ständig betreuenden Kardiologen beraten. Und viel Glück wünschen sie mir. Mein niedergelassener Kardiologe stimmt zu, den Beta-Blocker zu reduzieren.

Ein paar Nächte später bekomme ich – welch ein Horror! - für ein paar Stunden schnelle Herzrhythmusstörungen. Sie verschwinden wieder, ohne dass ich in die Klinik muss, ohne dass ich Elektroschocks benötige. Das hat seit Jahren nicht mehr geklappt - welch ein Glück! Ich erhöhe die Menge des Medikaments wieder auf die ursprüngliche Marge.

Der stetige Kampf, die immerwährende Angst. Ich fühle mich so unendlich müde - es ist schrecklich.

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