Mohrs Herzschlag Comeback im Frühling

"No Sports!" - so hielt es Churchill. Joachim Mohr hat das Faulenzen und die eingestaubten Turnschuhe dagegen satt. Er will raus, joggen so lange es geht. Doch jeder neue Anlauf ist für ihn nicht nur ein Kampf gegen den inneren Schweinehund - sondern vor allem gegen das eigene Herz.


40 Minuten, genau genommen 41 Minuten und 32 Sekunden - mehr zeigt meine Stoppuhr nicht an. Ich ziehe meine Mütze vom Kopf und öffne die Schnürsenkel meiner Turnschuhe. Ich bin enttäuscht, ernüchtert. Vor einem Vierteljahr habe ich noch 60 Minuten durchgehalten, manchmal sogar mehr. Ich streife die Windjacke ab und schüttle die Beine aus.

Jeder Lauf ein kleines Comeback: "Hören Sie auf die Signale Ihres Körpers!"
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Jeder Lauf ein kleines Comeback: "Hören Sie auf die Signale Ihres Körpers!"

Aber ich will zufrieden sein, ja ich muss zufrieden sein. Mehr als zwei Monate habe ich pausiert mit dem Lauftraining – meinem Herz ging es nicht gut genug. Dafür ist das Ergebnis akzeptabel, finde ich. Ich ziehe mir das nassgeschwitzte Lauf-Shirt über den Kopf und schlüpfe aus der Sporthose.

Und noch vor ein paar Jahren konnte ich nur ein paar hundert Meter joggen und war am Ende – jetzt renne ich zwischen fünf und zehn Kilometer. Ich springe in die Dusche, das heiße Wasser rinnt mir über den Kopf. Alles in allem doch ein grandioses Comeback!

Doch der Reihe nach.

Das Motto mit Anfang 20: "No Sports!"

Als Kind und Teenager spiele ich im Verein Tischtennis, trainiere Leichtathletik, fahre Ski. Zahllose Nachmittage verbringe ich voll Begeisterung auf dem Bolzplatz. (Fußballprofi oder Rockstar, das war unter uns Jungs damals die entscheidende Frage).

Dann, Anfang 20, bringen mich meine Herzrhythmusstörungen erstmals auf die Intensivstation. Ärzte entdecken ein Loch in meiner Herzscheidewand, ich muss mich einer Operation am offenen Herzen unterziehen.

Ruckartig ist Schluss mit Rennen, Spurten, Springen, Kämpfen. Mich stark körperlich belasten, das könne lebensgefährlich sein, warnen die Kardiologen plötzlich. Mein Herz sei verformt und geschwächt, ein hoher Puls sei imstande meine Herzrhythmusstörungen, unter denen ich seit meiner Kindheit leide, auszulösen. Die Sicherheit gehe vor, das müsse ich doch verstehen, das sei doch in meinem Interesse.

Es folgen fast zwei Jahrzehnte ohne Training, ohne Fitness. Ein Winston Churchill zugeschriebenes Motto bestimmt mein Leben: "No Sports." Ich verliere die Freude an der Bewegung, den Spaß, mich körperlich zu verausgaben. Ich vergesse das wunderbare Gefühl, nach einem kräftezehrenden Spiel müde, aber glücklich sich den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen.

Neustart im Januar 2001

Der Zustand meines Herzens verschlechtert sich in den folgenden Jahren. Ich leide häufig unter schweren Herzrhythmusstörungen, muss starke Medikamente nehmen, es folgen weiter operative Eingriffe an meiner Pumpe.

Doch dann kommt der 2. Januar 2001, für mich ein großer Tag. Trotz meiner Krankheit, trotz des medizinischen Schlamassels, in dem ich stecke – ich hole meine alten Turnschuhe aus dem Schrank, ziehe zwei verbrauchte Sweatshirts über und mache mich bei Kälte und Dunkelheit an den Start: Ich beginne zu joggen, ich fange nach all den Jahren aufs Neue mit dem Sport an!

Von diesem Tag an laufe ich zwei oder drei Mal die Woche, bei jeder Temperatur, bei Sonnenschein wie bei Regen. Nur langsam steigere ich meine Distanz: 5 Minuten, dann 10, später 20. Nach mehreren Monaten kann ich eine halbe Stunde ohne Unterbrechung joggen. Welch phantastische Strecke für mich!

Natürlich habe ich mit meinem Kardiologen gesprochen. "Früher gaben viele Ärzte nur aus dem Gefühl heraus den Rat, keinen Sport zu treiben", sagt der Experte für Herzrhythmusstörungen. Bei vielen Herzleiden könne man sich aber durchaus körperlich anstrengen, kein Problem.

Keine Ambitionen auf die Meisterschaft

Klar gibt es Einschränkungen: Ich darf nicht bis an die Leistungsgrenze gehen, Sportarten mit kurzfristigen, sehr starken Belastungen soll ich meiden. Mannschaftssport ist auch eher problematisch, weil ich dabei das Tempo nicht selbst bestimmen kann. Das sind für mich aber keine ernsten Nachteile, da ich ohnehin nicht mehr vorhatte, internationaler Meister im Kickboxen zu werden, und auch American Football und Wasserball nicht zu meinen Lieblingssportarten zählen.

Ansonsten ist der Rat des Kardiologen einfach: "So lange Sie sich wohl fühlen und keine Beschwerden haben – laufen Sie!" Und: "Hören Sie auf die Signale Ihres Körpers!"

Dabei fällt mir das Joggen oft schwer. Durch meine Medikamente, neben anderen nehme ich einen sogenannten Betablocker, kann mein Puls selbst bei großer Anstrengung nicht über rund 75 Schläge pro Minute steigen. Meine Kraft, mein Tempo ist damit gedrosselt. Ab und zu muss ich einen Lauf sogar abbrechen, weil mir die Energie ausgeht. Wie frustrierend.

Jeder neue Lauf - ein Sieg

Doch das alles darf mich nicht stoppen. Meine Laufkarriere besteht eben aus unzähligen Comebacks, sage ich mir. Dem österreichischen Skirennfahrer Hermann Maier muss nach einem Motorradunfall 2001 fast ein Bein amputiert werden, zwei Jahre später kehrt Maier auf die Piste zurück und holt noch mehrere Titel. Ivan Klasnic, Fußballprofi bei Werder Bremen, bekommt im März 2007 die Niere seines Vaters eingepflanzt. Am vergangenen Wochenende hat er wieder in der ersten Bundesliga gespielt. Geschichten, die mir gefallen.

Kann der Sport mein Herz heilen? Wohl kaum. Auch seit ich jogge, ist meine Pumpe immer wieder aus dem Ruder gelaufen, bin ich mitten in der Nacht auf Intensivstationen gelandet, bekam die Narkosenadel in den Arm und – eins, zwei, drei – Elektroschocks. Noch immer muss ich meinen täglichen Medikamentencocktail schlucken.

Doch jeder neuer Lauf ist für mich ein Sieg über mein krankes Herz, ist ein Sieg gemeinsam mit meinem kranken Herzen.

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