Mohrs Herzschlag Die Blutige Armee Fraktion

Der herzkranke Joachim Mohr hat es satt. Wissen Menschen nicht mehr, wie gut es ihnen geht - allein, weil sie gesund sind? Warum müssen diese Idioten Kriege führen, Länder annektieren, andere ins Elend stürzen? Ein Aufstand muss her! Eine Polemik.


Als Mensch mit einem schweren Herzleiden phantasiere ich manchmal eine kleine, aber feine Terror-Truppe herbei: die Heiligen Krieger der gedemütigten Kranken vielleicht, oder die Bewegung zur Befreiung aller körperlich Leidenden, eventuell auch die Blutige Armee Fraktion, die Operierten Kämpfer für eine gesündere Welt oder die Schmerzende Front gegen Gewalt.

Drohgebärde mit Handgranate: "Der körperlichen Unversehrtheit gebührt ein höherer Stellenwert"
REUTERS

Drohgebärde mit Handgranate: "Der körperlichen Unversehrtheit gebührt ein höherer Stellenwert"

Nein, jetzt bitte keine Panik, keine unüberlegte Hektik! Rufen Sie weder die Polizei noch den Bundesnachrichtendienst. Und Sie müssen auch nicht die Mitarbeiter der geschlossenen Psychiatrie aktivieren.

Ich bin zwar herzkrank, aber nicht verrückt. Es wird keine Gewaltaktionen geben, die Gesundheit geht vor – meine und die aller Menschen!

Dabei bin ich es einfach leid: Auf dieser seltsamen Welt fühlt sich immer irgendjemand furchtbar beleidigt, schrecklich zurückgesetzt oder ungemein ungebührlich behandelt. Dummerweise verfügen die Kräfte des Schicksals ja nicht über jeden Menschen genau so, wie dieser es sich wünscht oder glaubt, dass es ihm zusteht. Diese ach so banale Erkenntnis scheint jedoch nicht bei allen Individuen bis in das Großhirn vorgedrungen zu sein.

Denn was hilft nach Ansicht mancher Idioten am besten gegen die Ungerechtigkeiten auf diesem Planeten? Ja, genau, andere Menschen zu demütigen, zu verprügeln, zu erschießen, in die Luft zu sprengen oder auf andere, kaum fassbare Arten zu quälen oder zu töten.

Hemmungslose Selbstgefälligkeit, sprachloser Stumpfsinn

Die einen Dummköpfe sind der Ansicht, ihre Nachbarn brächten ihnen nicht genügend Respekt entgegen. Andere Narren glauben felsenfest daran, dass alle Menschenkinder nur dann glücklich leben können, wenn sie ihr Tagwerk ausschließlich nach den Vorschriften eines bestimmten Buchs oder Programms verbringen. Wieder andere Esel bilden sich ein, ihnen persönlich stünde auf diesem Globus ein eigenes Land zu, am besten ein ganzer Kontinent.

Gern prügeln solch frustrierte Schwachmaten mal jemanden fast zu Tode, hacken mit Macheten anderen Erdenbürgern Hände oder Füße ab oder zünden eine Bombe voller Nägel in einer Menschenmenge. Die Art der Gewalt variiert abhängig vom Kulturkreis, dem sozialen Milieu und der zur Verfügung stehenden Mittel; die Rechtfertigungen bewegen sich meist in Bahnen kruder Ideologien, hemmungsloser Selbstgefälligkeit oder sprachlosen Stumpfsinns.

Nach den Taten erörtert eine hilflose Öffentlichkeit, ob die Brutalität nur Schuldige oder, ach leider, auch Frauen und Kinder getroffen habe, für welchen Grad der Verwüstung noch Verständnis aufzubringen sei, oder wie der Irrsinn psycho-sozial erklärt werden könnte.

Wie selbstverständlich Gewalt ausgeübt wird - ich fasse es nicht!

Welch ein Wahnwitz! Die Täter dieser Welt wissen ihr unglaubliches Glück nicht zu schätzen, dass sie selbst gesund sind. Und darüber, was sie anderen Menschen mit einer Gewalttat antun, machen sie sich keine Vorstellung – welch Leiden, Schmerzen und Horror!

In meinem Leben bin ich mehrmals am Herzen operiert worden, ich habe Monate in Kliniken verbracht, hunderte Untersuchungen musste ich seit meiner Geburt über mich ergehen lassen. Jeden Tag kämpfe ich mit meinem schlecht schlagenden Herzen, schlucke Tabletten, sorge mich – auch um mein Leben.

Attacken auf die körperliche Unversehrtheit eines Menschen sind für mich nur schwer zu ertragen. Wie selbstverständlich und aus welch geringem Anlass Gewalt ausgeübt wird, aber auch mit welcher großer Distanz und Verständnis darüber diskutiert wird – ich fasse es oft nicht!

Nun täuschen Sie sich nicht: Ich bin kein Pazifist. In der Geschichte wurden Konflikte zwischen Menschen oder Staaten immer auch mit Gewalt ausgetragen. Der Mensch lebt in einer Welt, die vom Überlebenskampf geprägt ist.

Eine Avantgarde der Kranken soll die Welt erlösen

Trotzdem - der körperlichen Unversehrtheit gebührt ein viel höherer Stellenwert. Gerade als chronisch Kranker, als körperlich Beschädigter empfinde ich das jeden Tag. Im Straf- und Völkerrecht etwa müssen Taten gegen Leben und Gesundheit mit noch härteren Sanktionen geahndet werden – nicht der Abschreckung wegen, sondern um die Opfer und die Allgemeinheit vor den Tätern und dem von ihnen verursachten Leid zu schützen.

Und für den weltweiten Einsatz eben eine kleine Terrorgruppe – Gewalt gegen Gewalttäter, jawohl! Eine Avantgarde der Kranken soll die Welt erlösen. Wer die Gesundheit anderer vorsätzlich schädigt, der soll in Zukunft die geballte Macht der Kranken zu spüren bekommen. Wer prügelt, den hauen wir weg, wer schießt, wird erschossen, wer Bomben legt, in die Luft gesprengt – alttestamentarische Schärfe gegen das Böse.

Sie meinen nun, solch ein Vorgehen sei weder menschlich noch moralisch vertretbar und löse keinesfalls die Gewaltprobleme der Welt. Da haben Sie natürlich Recht.

Aber ein paar Allmachtsphantasien müssen doch erlaubt sein.

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insgesamt 2 Beiträge
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Tobermory, 19.03.2008
1. "Heilsame Sachen machen" hilft dem Herzen.
Zitat von sysopDer herzkranke Joachim Mohr hat es satt. Wissen Menschen nicht mehr, wie gut es ihnen geht - allein, weil sie gesund sind? Warum müssen diese Idioten Kriege führen, Länder annektieren, andere ins Elend stürzen? Ein Aufstand muss her! Eine Polemik. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,541893,00.html
Vieleicht hilft nur noch Dada: "Nichts mehr gegen die Bourgeois. Bourgeois sein, ist sehr interessant, sehr schwer ebenfalls. (...) Aber: heilsame Sachen machen, gegen die große deutsche Pest. Keine Gewalt mehr, keine Gewaltsamkeiten." (Hugo Ball)
Petrus-d-S 19.03.2008
2. Danke
Hallo, Herr Mohr, ich möchte Ihnen einfach mal mitteilen, wie GUT ich Ihre Artikel finde, wie hilfreich, auch, um mit dem eigenen Leiden klarzukommen, und vor allem, wie anders der Blickwinkel dadurch wird. Ich gehöre selbst zu den chronisch Herkranken (zwei Infarkte haben mein Herz ziemlich mitgenommen), und oft schon hatte ich ähnliche Gedanken wie sie, konnte und kann sie aber nicht so gut ausdrücken. Danke Und liebe Grüsse Petrus
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