Mohrs Herzschlag Die Frage aller Fragen

Oft ist es für mich nicht leicht, Auskunft über mein Befinden zu geben - schließlich leide ich an einer schweren Herzkrankheit. Dabei freut mich eigentlich jede Nachfrage, jedes ernst gemeinte "Wie geht’s?". Auch wenn ich meist mehr sagen muss als nur "Danke, gut!".

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Hamburg - "Na, wie geht’s?" ist eine freundliche Art, einen Menschen zu begrüßen. "Danke, gut, alles bestens" ist die ebenso sympathische Antwort. Ein Schulterklopfen hier, eine Umarmung da. Klar, bei diesem Dialog will niemand wirklich wissen, ob der andere gesund ist, die Geschäfte zufriedenstellend laufen oder jemand gerade einen Lottogewinn eingestrichen hat. Statt "Wie geht’s?" könnte man auch - je nach Region und Milieu - "Hallo", "Guten Tag", "Grüß Gott" oder "Ey, Alter" hinausposaunen.

Modell des menschlichen Herzens: Salopper Gruß oder seriöse Frage
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Modell des menschlichen Herzens: Salopper Gruß oder seriöse Frage

Manchmal fragen mich Freunde oder Kollegen aber auch ganz ernst "Wie geht’s?" Die Silben werden dann langsamer und tiefer gesprochen, der Kopf oft leicht schräg gehalten, die Augen ein Stück mehr geöffnet oder zusammengekniffen.

Die Menschen wollen sich dann nach meiner Herzkrankheit erkundigen, das aktuelle medizinische Bulletin abrufen, natürlich in der Hoffnung zu erfahren, dass es mir erstklassig geht, meine Herzrhythmusstörungen und all die damit verbundenen Gefahren für Leib und Leben am besten verschwunden sind. Leider besteht dafür keine Chance.

Ein Hauch Ernsthaftigkeit

Bei den meisten "Wie geht’s?", die ich zu hören bekomme, liegt der Bedeutungsinhalt, so würden es die Linguisten wohl nennen, irgendwo zwischen saloppem Gruß und seriöser Frage. Jedenfalls fällt es mir, sobald auch nur ein Hauch Ernsthaftigkeit bei der Erkundigung mitschwingt, gar nicht so leicht zu antworten.

Denn meist ist es für mich schwierig, ehrlich Auskunft zu geben. Mein krankes Herz verpasst mir ein stetes gesundheitliches Auf und Ab: Es gibt akzeptable und auch heimtückische Phasen, parallel dazu wechselt mein Befinden aber auch innerhalb einer Woche oder eines Tages - von recht fit zu massiv angeschlagen. Mit einem flotten Halbsatz ist die Frage nach meinen Wohlbefinden oft eben nicht ehrlich zu beantworten.

Dazu kommt, dass vieles, was meine Herzkrankheit so lästig macht, kompliziert ist. Bei meinem angeborenen und Jahre später operierten Herzfehler handelte es sich um ein Loch in der Herzscheidewand, ein sogenannter Vorhofseptumdefekt - schon das kann sich kaum ein Laie vorstellen. Wo genau im Herzen soll denn da ein Loch sein, und welche Folgen kann solch eine Öffnung haben?

Wie sich nun meine verschiedenen Herzrhythmusstörungen - etwa der hüpfende Bigeminus, das rasende Vorhofflimmern oder das hämmernde Vorhofflattern - für mich anfühlen, und welche Konsequenzen diese Attacken haben oder haben können, das ist vertrackt und einem Menschen ohne kardiologisches Grundstudium kaum zu vermitteln. Quälen mich Nebenwirkungen meiner verschiedenen Medikamente, durch den Wirkstoff Amiodaron litt ich zeitweise unter einer Schilddrüsenüberfunktion, taucht schon das nächste Problem auf.

Kurz und knapp - das geht nicht

Und jemandem darzulegen, was etwa genau passiert, wenn die Ärzte eine Ablation in meinem Herzen durchführen - ein "Du-weißt-schon" gibt es da nicht. Kurz und knapp: Bei einer Ablation wird über Katheter, die von der Leiste und dem Hals aus ins Herz geführt werden, Gewebe innerhalb der Herzkammern verödet, das heißt zerstört. Dadurch sollen die Bahnen elektrischer Impulse, die Herzrhythmusstörungen verursachen, unterbrochen werden.

Neben den vielfältigen Wirren meiner Krankheit bestimmt natürlich immer auch meine Stimmung meinen persönlichen Lagebericht - mal bin ich auskunftsfreudig, mal blocke ich ab. Manchen Menschen erzähle ich mehr, anderen weniger. Ob ich die Leute ab und zu auch anlüge? Nein, nie. Wenn ich nichts sagen will, weiche ich schwungvoll aus.

Anteilnahme weiß ich immer zu schätzen, vielen Dank an alle. Ein ehrliches "Wie geht’s?" streichelt die Seele. Am Schluss sage ich dann gern "Alles wird gut". Für mich ist das - dabei glaube ich weder an Geister noch Götter - eine Beschwörungsformel, ein Mantra, ein heiliger Satz. Ich verspreche mir selbst die Zukunft.

Wie es mir heute geht, wollen Sie wissen?

Alles wird gut.

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