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19. November 2008, 15:32 Uhr

Mohrs Herzschlag

Die letzten Stunden vor meiner Herz-OP

Er hat sich entschieden: SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr wird sich bei einer Operation Herzgewebe mit Stromschlägen zerstören lassen - damit seine Pumpe endlich wieder mit normalem Rhythmus schlägt. Sein Aufenthalt im Krankenhaus beginnt mit einer Ohnmacht.

Kurz vor acht Uhr fahre ich in einem Taxi mit leichtem Gepäck am Haus C der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg vor. Heute soll ich noch einmal von Kopf bis Fuß durchgecheckt werden, heute soll mit den Ärzten noch einmal alles in Ruhe besprochen werden - morgen dann der spannende Eingriff am Herzen erfolgen.

Meine Herzrhythmusstörungen, die mich bereits seit meiner Kindheit plagen, haben sich in den vergangenen Monaten so verschlechtert, dass ich es nicht mehr aushalte. Eine Katheterablation an meinem Herzen soll mir helfen.

Bei diesem Eingriff schieben Ärzte Katheter von den Leisten und dem linken oberen Brustbereich in mein Herz und zerstören Gewebe in meinen Herzkammern. So soll der Feind, meine lästigen Herzrhythmusstörungen, eliminiert werden.

Die Sekunden-Ohnmacht ist mir ziemlich peinlich

Ich bin kaum 30 Minuten in meinem Zimmer, da geht es schon ab in die kardiologische Ambulanz des Krankenhauses. Dort wird mir Blut abgenommen - und ich kann es selbst kaum glauben: Das erste Mal in meinem Leben wird mir dabei schwarz vor den Augen. Mir wurde sicherlich schon mehrere Hundert Mal Blut abgenommen, noch nie hat es mir etwas ausgemacht, nicht das Geringste, und jetzt das! Die Sekunden-Ohnmacht ist mir gegenüber dem Pfleger ziemlich peinlich.

Eine Schwester schreibt ein EKG, ein Arzt hört und klopft mich ab, ein anderer macht eine Ultraschalluntersuchung meines Herzens. Dann folgt noch ein Schluckecho. Bei der Transösophagealen Echokardiografie, so heißt es im korrekten Mediziner-Sprech, wird ein miniaturisierter Ultraschallkopf über die Speiseröhre bis an den Mageneingang vorgeschoben.

Damit liegt der Ultraschallkopf direkt neben dem Herz, es entstehen Ultraschallbilder der menschlichen Pumpe und der Hauptschlagader ohne störende Einflüsse anderer Gewebe wie etwa der Lunge oder der Rippen. Außerdem kann das Herz so auch von unten beurteilt werden. Was meine Freunde, die Mediziner, nicht alles wissen wollen!

In meinem Fall möchten die Ärzte vor allem ausschließen, dass sich, verursacht durch meine Rhythmusstörungen, Blutgerinnsel im Herzen befinden. Die könnten während der OP ausgeschwemmt werden und einen Schlaganfall verursachen. Ich bekomme für ein paar Minuten ein Schlafmittel. Das Ergebnis ist positiv: keine Gerinnsel zu finden, alles Blut im Herz fließt.

Um 19 Uhr bekomme ich plötzlich Herzrhythmusstörungen

Dann kommt Professor Karl-Heinz Kuck. Er ist einer der renommiertesten Experten, wenn es um Katheterablationen geht. Er hat 1986 an der weltweit ersten Ablation an einem Herzen teilgenommen, bis heute hat er rund 11.000 Menschen so behandelt und damit versucht, sie von ihren Rhythmusstörungen zu befreien. Seinetwegen - wegen seiner Erfahrung und seines Teams - bin ich hier.

Der Mediziner spricht den geplanten Eingriff mit mir durch: Wenn möglich, sollen während der Operation alle drei bei mir vorhandenen Typen von Herzrhythmusstörungen ausgeschaltet werden: die Extraschläge, die atriale Tachykardie, das Vorhofflimmern.

Wo und wie ganz genau in meinem Herzen abladiert wird, das will Meister Kuck jedoch erst morgen während des Eingriffs entscheiden. Losgehen soll es jedenfalls um zehn Uhr. Für heute muss er weiter, andere Patienten warten.

Nach dem Mittagessen erlaube ich mir einen kleinen Spaziergang rund um die Klinik, später nimmt eine Krankenschwester verschiedenste Daten von mir auf: Größe, Gewicht, Medikamente. Der Stationsarzt bespricht mit mir noch einmal den morgigen Tag, ab Mitternacht muss ich nüchtern bleiben.

Um 19 Uhr bekomme ich plötzlich Herzrhythmusstörungen, eine atriale Tachykardie. Ich informiere eine Stationsschwester, die eine Ärztin holen will, um ein EKG zu schreiben. Die Ärztin aber kämpft angeblich mit einem Notfall in der Notaufnahme, sie taucht erst eineinhalb Stunden später auf, die Rhythmusstörung ist eine Viertelstunde vorher wieder verschwunden. Ärgerlich, denn eine EKG-Aufzeichnung wäre hilfreich für den Eingriff morgen gewesen.

Kommt es zu Komplikationen - vielleicht zu lebensgefährlichen?

Der Abend ist lang. Ich muss an frühere Krankenhausaufenthalte denken. Im Jahr 1983, mit 21 Jahren, bin ich am offenen Herzen operiert worden, ein angeborenes Loch in der Herzscheidewand zwischen dem linken und rechten Vorhof musste geschlossen werden.

Die OP verlief bestens, doch der Aufenthalt in der Medizinischen Klinik in Tübingen war der Horror: Zwei Wochen lag ich mit neun anderen Patienten in einem Acht-Mann-Zimmer, zwei Waschbecken, Toiletten auf dem Flur. Tagsüber Horden von Besuchern, nachts keine Ruhe: immer einer, der hustete, schnarchte, umher lief. Es war zum Krank-, zum Wahnsinnigwerden.

Hier in der Klinik St. Georg ist an diesem Abend alles still, das Personal ist sehr freundlich. Doch das Einschlafen fällt mir schwer. Wird morgen alles gelingen? Werde ich endlich von meinen Herzrhythmusstörungen erlöst? Oder endet der Eingriff wie die zwei Ablationen, die hier bereits 2001 und 2002 an mir durchgeführt wurden, ohne vollständige Heilung? Kommt es bei dem Eingriff zu Komplikationen - vielleicht zu gefährlichen, zu lebensgefährlichen?

Ich lasse mir eine Schlaftablette geben.

Den nächsten Teil lesen Sie am Donnerstag auf SPIEGEL ONLINE.

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