Mohrs Herzschlag Ein bisschen Spaß muss sein

Wenn Schmerzen das Leben bestimmen, hat man wenig zu lachen. Joachim Mohr wünscht sich für das neue Jahr deshalb vor allem ein langweiliges Leben - ohne medizinische Abenteuer. Nur eine Prise Galgenhumor muss erlaubt sein.


Hey, das neue Jahr 2008 läuft jetzt schon rund zwei Wochen! Spätestens ab jetzt muss alles besser werden: mehr Arbeitsplätze schaffen, die Erderwärmung stoppen, den Weltfrieden sichern. Und am tollsten wäre es, wenn mein krankes Herz vollständig gesund würde. Einen regelmäßigen Puls, nicht nur für Angela Merkel, Harald Schmidt und Oliver Kahn, nein, jetzt auch für mich!

"Die Ente bleibt draußen": Macht Humor gesund? Bestimmt!
Warner Bros.

"Die Ente bleibt draußen": Macht Humor gesund? Bestimmt!

Ja, absolute Gesundheit für jeden! Ärzte gehen Pleite, Krankenhäuser schließen, das Bundesgesundheitsministerium wird abgeschafft, niemand hat auch nur noch ein Wehwehchen.

Im Ernst, natürlich wünschen sich Schwerkranke wie ich einerseits das Gleiche wie jedermann – eine etwas bessere Welt. Daneben aber hoffen Leidende auf mehr Sonnenschein für sich selbst: weniger Schmerzen, ein Stück Genesung, mehr Gesundheit, ein angenehmeres Leben.

Meine konkreten Ziele für die nächsten Monate: eine möglichst lange Zeit ohne Anfall meiner Herzrhythmusstörungen, möglichst lange ohne Intensivstation, möglichst lange ohne Elektroschocks. Das wäre wunderbar! Weniger Medikamente, weniger Arztbesuche, das wäre zusätzlich schön. Ich träume von einem ausgesprochen langweiligen Leben ohne medizinische Abenteuer – ein Schnupfen im Frühjahr, vielleicht noch ein verstauchter Fuß im Sommer, das würde mir reichen.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Nun richten sich die Welt, der geheime Schicksalslenker und unerklärlicher Weise auch mein Herz nicht nach den famosen Ideen von Joachim Mohr. Also kann ich aktiv vor allem eines versuchen: trotz meines Herzschlamassels den Witz die gute Laune nicht zu verlieren, mir den Spaß nicht verderben zu lassen. Formulierte doch William Shakespeare so nett: "Ich bin nicht sehr krank, ich kann noch drüber reden."

Macht Humor gesund? Bestimmt! Humor ist die Chance, der Verzweiflung zu entfliehen. Die sprichwörtliche Wendung "Humor ist, wenn man trotzdem lacht" ist die richtige Einstellung für jeden Kranken. Niemand sollte seine Krankheit hassen, man muss sie verlachen.

Ironie und Sarkasmus haben ein befreiendes Potential, besonders wirksam ist jedoch der Galgenhumor. Er vertreibt am besten einen Teil der Angst und Furcht, weil er den Kranken als absoluten Helden über den Teufel Krankheit erhebt. Unser aller Couchgefährte Sigmund Freud hat angeblich geschrieben, das Großartige beim Humor liege "in der siegreich behaupteten Unverletzlichkeit des Ichs". Kluges Kerlchen, danke schön. "Es wird schon schief gehen", habe ich wiederholt vor Operationen oder anderen schweren Eingriffen zu meinen Freunden, zu meinen Eltern gesagt. Die konnten darüber nicht immer lachen, mir aber hat es gut getan.

"66 Kilo, sexy und von oben bis unten krank"

Manchmal beruhigt einen auch eine kleine feine Dummheit. So habe ich am Abend vor meiner Herzoperation an der Universitätsklinik Tübingen auf dem Balkon der Station noch eine Zigarette geraucht. Die bringt dich jetzt bestimmt nicht um, habe ich damals gedacht - und natürlich Recht behalten. Außerdem habe ich gegenüber anderen Patienten verkündet: "Das ist bestimmt meine letzte Zigarette." So oder so. Sie meinen, das sei nun aber ein schlechter Scherz? Oh nein, wenn sie direkt vor einer gefährlichen Herzoperation im Bademantel auf einem zugigen Klinik-Balkon stehen, ist dies ein 1A-Witz.

Auf die Aussage des großen Ex-Fußballprofis und Unterhalters Mehmet Scholl "Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich 67 Kilo geballte Erotik" kann ich nur antworten: "66 Kilo, sexy und von oben bis unten krank". Schlimm wäre ja nur, wenn die Sache mit dem Sex fehlte.

Dass selbst in Momenten der Trauer und des Todes ein hintergründiger Scherz helfen kann, bewies erst vor kurzem der Komiker Loriot. In einer Fernsehsendung neckte er seine Kollegin und Sketch-Partnerin Evelyn Hamann, die, obwohl fast 20 Jahre jünger als er, vor ihm gestorben war, mit den Worten: "Liebe Evelyn, Dein Timing war immer perfekt – nur heute hast Du die Reihenfolge nicht eingehalten. Na warte!"

Gestorben wird immer und immer früh genug. Im Angesicht des Todes noch zu lachen, nur das gaukelt einem einen Hauch Unsterblichkeit vor.

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Seite 1
matthias schwalbe, 22.11.2007
1.
Wenn man Privatpatient ist-ja !
n@menlos 22.11.2007
2.
Zitat von matthias schwalbeWenn man Privatpatient ist-ja !
Ich bin zwar nicht chronisch krank. Aber auch als Privatpatient fühle ich mich in den letzten Jahren schlecht behandelt. Kann mir gar nicht vorstellen, wie es da erst vielen Kassenpatienten geht...
nepomuk_23 22.11.2007
3.
kann ich nur bestätigen, bin auch privat versichert. Aber nicht nur Artzbesuche sondern auch Physiotherapie ist mehr Abfertigung als Therapie
matthias schwalbe, 22.11.2007
4.
Zitat von n@menlosIch bin zwar nicht chronisch krank. Aber auch als Privatpatient fühle ich mich in den letzten Jahren schlecht behandelt. Kann mir gar nicht vorstellen, wie es da erst vielen Kassenpatienten geht...
Das meinte ich eigentlich auch ,dass heute der Privatpatient oft mehr abgezockt wird ,als der Kassenpatient. Ich sehe dass auch an meinen Arzrechnungen. Da wird naemlich nur sinnlos die Zeit von mir verprasst. Und der liebe Doc macht Untersuchungen,welche nicht noetig sind ! Aber dafuer nimmt er sich ja auch mindestens den 2,3 fachen Satz. Kommisch nur,dass er/sie meisst bei den aufwendigen und teueren Positionen den erhoehten Satz berechnen. Ich peroenlich glaube nicht,dass heute noch ein sehr grosser Unterschied zwischen Kassen-und Privatpatient besteht. Dem Kassenpatienten seine Krankenkasse wird genau so beschissen wie ich auf meiner Rechnung-nur kann der Kassenpatient dies alles nicht schwarz auf weiss sehen. Es sei denn er geht zu seiner Kasse,aber dass macht ja kaum jemand.
Severine1985, 22.11.2007
5.
Zitat von sysopWer chronisch krank ist, sollte sich umfassend über sein Leiden und die Behandlungsmöglichkeiten informieren. Nimmt sich Ihr Arzt genug Zeit für Ihre Fragen?
Vorab: Ich bin Kassenpatientin. Mein Hausarzt würde sich diese Zeit gerne nehmen, aber er hat sie nicht: Ich lebe auf dem Land, und bei uns herrscht Ärztemangel. Immerhin verschreibt er mir alle meine Medikamente, auch wenn er damit riskiert, sein Budget zu überschreiten. Mit Fachärzten habe ich bisher nur wenige gute Erfahrungen gemacht, fühlte mich zumeist abgefertigt, wurde auch schon mehrfach Opfer von Kunstfehlern. Mein Vertrauen ist entsprechend gering. Ich habe mehrere chronische Erkrankungen. In einem Fall haben mir vor allem Bücher geholfen, in einem anderen ein Selbsthilfeforum, in einem weiteren die Recherche auf amerikanischen Websites. Hätte ich immer auf meine Ärzte gehört, wäre ich jetzt vermutlich nicht mehr am Leben (keine Übertreibung). Sev
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