Mohrs Herzschlag Ein Freund, ein guter Freund...

Hospital-Odyssee, Arzneien, Angst: Ich habe am eigenen Leibe erfahren, wie eine schwere Erkrankung das ganze Leben auf den Kopf stellt. Meine Erkenntnis: Wenn man als Patient ganz am Boden ist, braucht man neben der richtigen Medizin vor allem eines.


Hamburg - Was benötigt jemand, der schwer krank ist? Einen erstklassigen Arzt, logisch. Wirksame Medikamente, klar. Einen starken Willen und eine freundliche Krankenversicherung, stimmt. Aber was noch ist von größtem Belang, um zu überleben? Vor allem Familie, Freunde, Bekannte - andere Menschen!

Pflegerin mit Patient in Reutlingen: Kraft gegen die Schmerzen, die Spritzen, die Ängste
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Pflegerin mit Patient in Reutlingen: Kraft gegen die Schmerzen, die Spritzen, die Ängste

Neben all den ärztlichen Heldentaten und dem medizinischem Wunderwerk ist bei einem gefährlichen Gebrechen ein gutes soziales Umfeld entscheidend. Wer von anderen Menschen warmherzig umsorgt wird, der leidet weniger und wird schneller gesund: Nähe ist von erstklassiger Heilkraft.

Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie mich nach meiner Herzoperation an der Universitätsklinik Tübingen meine Schulfreunde Michael und Jörg als erste besuchten. Damals waren wir aus unserer Clique alle Anfang 20. Die beiden waren rund 40 Kilometer gefahren, um einen desolaten Joachim anzutreffen. Ich war noch weitgehend bettlägerig, sah mit meinem wieder zugenähten Brustkorb aus wie ein Opfer von Dr. Frankenstein, ich lag in einem Acht-Mann-Zimmer und zeigte mich deprimiert. Michael und Jörg fühlten sich unwohl an meiner Seite, ihre Visite kostete sie Überwindung.

Aber sie waren da - und Jungs, das vergesse ich euch nie! Sie haben für zwei Stunden mein Klinik-Gefängnis aufgebrochen, sie haben meinen Blick wieder nach draußen in die alltägliche Welt geöffnet, sie haben mir Lust auf eine Zukunft gemacht. Ich wollte wieder nach Hause ins Leben.

Das Gefühl, nicht allein zu sein

Meine Eltern kamen fast jeden Tag ins Krankenhaus. Ein Außenstehender könnte fragen: War das denn nötig? Ich war schließlich kein Kind mehr, und mein Vater und meine Mutter mussten jedes Mal mit dem Auto eine Stunde hin und eine Stunde zurückfahren. Notwendig war das sicherlich nicht - aber toll! Eine Stunde quatschen am Abend, privat, vertraut, das gab Kraft gegen die Schmerzen, die Spritzen, die Ängste.

In den vergangenen Jahren, wenn ich wieder einmal in einer fensterlosen Kabine einer Notaufnahme saß und mit flotten Herzrhythmusstörungen auf meine Elektroschocks wartete, dann war die Hand meiner Frau oder ihr in diesen Momenten oft verzweifeltes Lächeln so beruhigend, so ausgleichend, besser als Psychopharmaka. Wer sich noch nie in solch einer brisanten Situation befand, kann sich nicht vorstellen, welche immense Kraft das Gefühl, nicht allein auf der Welt zu sein, einem geben kann.

Partnern, Familie und Freunden muss jeder für Beistand in Notsituationen danken. Noch mehr zu bewundern ist der Entschluss, jeden Tag, jede Stunde mit der schweren Krankheit eines anderen zu leben. Meine Eltern hatten vom Tag meiner Geburt an nicht nur die üblichen Sorgen, die man mit einem Sohn hat, vom Verkehrsunfall über den blauen Brief von der Schule bis dahin, nicht zu wissen, wo sich der Kerl ab einem bestimmten Alter nachts herumtreibt. Meine Eltern zogen einen kranken Jungen auf und hatten im Hinterkopf stets auch die Panik, dass einmal alles schief gehen könnte mit mir. Trotzdem haben sie mich in keiner Weise eingeschränkt, mich nie in Sicherheitsverwahrung genommen. Wunderbar!

Ich kann mein Glück manchmal kaum fassen

Meine Frau hat früh erfahren, wie anstrengend und mühsam ein Leben mit mir sein kann, welch große nervliche Belastung damit verbunden ist. Wir kannten uns nur wenige Monate, da musste sie bereits mehrere Notfall-Stopps in Kliniken mit mir durchstehen, Intensivstation inklusive. Bis heute ist unser gemeinsames Leben von meiner Krankheit überschattet - Arztbesuche, Medikamente, Krankenhausaufenthalte.

Sie trägt stets Arztpapiere von mir bei sich. Geht es mir nicht gut, leidet sie mit. Trotzdem hat sie mich geheiratet, haben wir eine kleine Tochter bekommen. Ich kann mein Glück manchmal kaum fassen, ich bin Ihr zutiefst dankbar! Dabei versucht meine Frau, mutig und unverzagt zu sein, damit wir uns als Familie auf keinen Fall mehr als nötig einschnüren lassen.

Kennen Sie einen Menschen, der schwer krank ist, und Sie mögen ihn? Dann kümmern Sie sich um ihn: Besuchen Sie ihn. Schreiben Sie ihm witzige Postkarten. Oder schicken Sie ihm ab und zu ein Päckchen mit einem Buch, einer CD und einem peinlichen Kuscheltier. Rufen Sie ihn an. Sie vollbringen eine gute Tat, die vielleicht so wichtig ist wie manche Pille. Der Patient wird es ihnen danken, selbst wenn er das nicht sofort sagt.

Liebe hilft. Und denken Sie daran: Wer in einer schwierigen Lage einem guten Freund nicht beisteht, der ist kein guter Freund. So einfach ist das.

Was aber, wenn ein Kranker keinen Partner, keine Familie, keine engen Freunde besitzt? Weil Beziehungen zerbrochen sind, oder er neu in einer Stadt ist. Sprechen Sie Mitglieder von Patientenorganisationen oder Selbsthilfegruppen an, wenden Sie sich an den Kliniktherapeuten oder den Krankenhauspfarrer.

Ich musste meine Kliniktasche, als ich Single war, immer wieder alleine packen und schnell los mit meinen Herzrhythmusstörungen. Auch auf sich gestellt, kann man gesund werden. Vielleicht kostet es mehr Seelenstärke. Anschließend hat jeder eine neue Chance - auch seinen Traumpartner zu finden. Ich hatte das Glück.

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