Mohrs Herzschlag Ein Prosit dem Kamillentee!

Der Verzicht auf Alkohol, Nikotin und andere Genussgifte freut nicht nur sein schwer krankes Herz, Joachim Mohr sieht noch einen anderen Vorteil in einem gesunden Lebenswandel: Wer nüchtern feiert, kann sich anschließend daran erinnern.


Ich liebe Kamillentee. Jeden Morgen trinke ich zwei große Becher davon. Freiwillig. Außerdem schätze ich alkoholfreies Bier. Aber nur alkoholfreies Weizenbier. Fast jeden Abend genehmige ich mir ein oder zwei Flaschen. Kamillentee und alkoholfreies Weißbier - sehr lecker!

Kamillenblüten: "Was für Gesöff trinkt dieses durstige Weichei nur?"
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Kamillenblüten: "Was für Gesöff trinkt dieses durstige Weichei nur?"

Jetzt werden viele lachen. Was für Gesöff trinkt dieses durstige Weichei nur, was für ein Geschmacksirrer, welch ein Genusstrottel. Und dann kommt das Mitleid: Der ist ja so fies herzkrank, der darf bestimmt nichts anderes trinken, so ein armer Hund.

Komisch, dass so viele Menschen der Ansicht sind, was gesund ist, könne nicht schmecken. Dabei ist ein kalter Hagebuttentee im Sommer mindestens so köstlich wie manch angesagtes Erfrischungsgetränk - abgesehen von dem Zucker, der in vielen Softdrinks steckt, und den Farbstoffe und Aromen und, und, und.

Aber natürlich stimmt eines: Wer schwer krank ist, denkt mehr darüber nach, was er zu sich nimmt, als der körperlich fitte Normalo.

Erfährt jemand, dass er an einem schweren und gefährlichen Gebrechen leidet, kommt es in Sachen leibliche Genüsse oft zu extremen Reaktionen. Die kindlich Trotzigen postulieren ein fröhliches "Weiter so!" oder ein beherztes "Jetzterstrecht". "Die paar Kippen am Tag, die machen es auch nicht aus." "Ein paar zusätzliche Gläschen können nicht mehr schaden, prost." Gern wird auch betont: "Vielleicht ist morgen sowieso alles vorbei!" Wenn schon ins Grab, dann bitte mit ein paar Gute-Laune-Machern.

Sich an der Bar die Kante geben - dann in die Klinik

Die panisch Sensiblen hingegen vernichten alle im Haus vorhandenen Speisen und Getränke, auf denen nicht mindestens "Super-Bio" steht, essen tonnenweise Sprossen und hoffen auf eine Spezial-Diät, die makro-mineralo-energetisch ihre Krankheit heilt. Alkohol kennen sei nur noch als Desinfektionsmittel.

Dass jemand wie ich, den sein krankes Herz immer wieder in Kliniken und auf Intensivstationen zwingt, einen bewussten und gesunden Lebenswandel pflegt, dürfte wenig überraschen. Herzrhythmusstörungen können unter anderem durch Genussgifte wie Alkohol, Koffein und Nikotin ausgelöst werden, aber auch durch opulente Mahlzeiten. Und dass illegale Substanzen wie Amphetamine oder Kokain das Herz-Kreislauf-System zum Wahnsinn treiben, ist wohl bekannt.

Ein Klassiker besonders bei jungen Männern ist das in der Medizin so genannte "Holiday-Heart-Syndrom": Ab in den Urlaub, abends in der Disko oder an der Bar sich aus vollen Gläsern die Kante geben - und dann rein in die nächste Klinik mit Vorhofflimmern.

Alkohol in hohen Mengen provoziert auch bei Herzgesunden gern mal hübsche Herzrhythmusstörungen. In einer dänischen Studie aus dem Jahr 2004 wurde für Männer mit einem Alkoholkonsum von mehr als 20 Gramm pro Tag ein um über 40 Prozent erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern nachgewiesen. Kurz gesagt: Saufen kann das Herz zum Rasen bringen.

Einmal hat auch bei mir Alkohol Herzrhythmusstörungen ausgelöst - nach gerade einmal einem (!) Glas Rotwein. Ich konnte es kaum glauben, hatte ich doch an anderen Abenden schon mehr getrunken, vor allem gern das eine oder andere Bier. Vielleicht war es auch nur Pech, aber seit damals bin ich abstinent.

Früher habe ich auch geraucht, rund zwei Jahrzehnte lang. Nicht mehrere Packungen, aber so um die zehn Zigaretten jeden Tag. Warum? Erstens fühlten sich die Dinger unverzichtbar an. Und zweitens dachte ich, dass der Zug an den Klimmstängeln eben ein klein wenig Widerstand gegen mein Schicksal als Herzkranker darstelle, ein Hauch Unabhängigkeit von meiner Krankheit.

Lässigkeit und Euphorie kommen auch ohne Promille

Das war natürlich grässlich dumm.

Denn es lässt sich allerbestens ohne Zigaretten leben, und nutzlose Symbolhandlungen helfen leider nicht im Geringsten beim Überleben. Außerdem: Muss der eigene Körper immer wieder in Kliniken überholt werden und bleibt in Teilen reparaturbedürftig, sollte man ihn nicht zusätzlich quälen.

Schlechte Ernährung, Übergewicht, Alkohol, Nikotin und schicke Drogen machen auf Dauer jeden schlapp, den Gesunden wie den Kranken.

Die Sau raus lassen heißt für mich nicht mehr, sich morgens um vier Uhr zwischen lauter zugedröhnten Irren auf einer Tanzfläche wiederzufinden und nur noch "Boah" sagen zu können. Mein Herz dankt es mir. Es nüchtern krachen zu lassen, hat zudem einen weiteren Vorteil: Ich kann mich am nächsten Morgen daran erinnern!

Und diese kleinen launigen Augenblicke, wenn man beschwipst ist, diese Mischung aus Schwere, Lässigkeit und Euphorie, die kommen auch ohne Promille. Glauben Sie’s mir. Darauf ein Weizenbier, alkoholfrei. Zum Wohl!

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