Mohrs Herzschlag Ein Skelett namens Stan

Gerippe, Organe, offene Schädel: Es ist purer Zufall, dass ausgerechnet ich als chronisch Kranker eine Firma besuchen musste, die anatomische Modelle herstellt. Der Gedanke an ein neues Herz lässt mich seither nicht mehr los.

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Im Rahmen einer Recherche für SPIEGEL SPECIAL habe ich die erstaunliche Firma mit dem Namen 3B Scientific besucht. Das Familienunternehmen mit Sitz in einem unscheinbaren Industriegebiet des Hamburger Stadtteils Lohbrügge ist rund um den Globus erfolgreich, sie beherrscht eine ganze Branche - als unumstrittener Weltmarktführer bei anatomischen Modellen.

Schädel mit und ohne Gehirn, menschliche Torsi, wahlweise mit offenem Bauch oder offenem Rücken, Knie zum Bewegen, faulige Zähne, aufgeklappte Augen, vergrößerte Ohren oder Mägen, gesund oder mit Geschwüren - hier gibt es alles, was im Menschen steckt oder stecken kann. Aus Kunststoff und zum Anfassen.

Als erstes begegne ich Stan. So heißt der Klassiker unter den Skeletten, die Firma liefert ihn seit mehr als 50 Jahren in über 100 Länder. Rund 100.000 dieser Knochengestelle standen und stehen in Krankenhäusern, Universitäten, Schulen und Arztpraxen.

Der Geburtssimulator heißt Simone

Die menschliche Muskelfigur, sie reicht mir bis zur Brust, wird mit europäischen oder asiatischen Gesichtszügen feilgeboten, je nach regionalem Markt, wenn gewünscht auch mit dunkler Hautfarbe, alles kein Problem.

Seit diesem Jahr findet sich unter den angebotenen 10.000 kunstmenschlichen Artikeln sogar ein Geburtssimulator mit dem flotten Namen Simone: Der computergesteuerte Apparat soll "naturgetreues Training vaginal-operativer Entbindungen" ermöglichen - Geburtszange und Saugglocke werden mitgeliefert.

Nett auch die Knochenserie Bonelike, die selbst unter Medizinern immer wieder für Aufsehen sorgt. Die Teile sehen nicht nur exakt so aus wie natürliche Knochen, nein, sie fühlen sich auch so an, sind genauso schwer und sind daher nicht von ihren natürlichen Vorbildern zu unterscheiden.

Als ich durch die verschachtelten Produktionshallen schreite, stapeln sich Babyfiguren auf Holztischen, aus Kartons hängen Dutzende Arme heraus, Wirbelsäulen werden an Kleiderständern hin- und hergeschoben. Unwillkürlich fühle ich mich an Mary Shelleys Romanfigur Frankenstein erinnert, Viktor Frankenstein, der Anfang des 19. Jahrhunderts in einem schauderhaften Labor an der damals berühmten Universität Ingolstadt aus den Körperteilen Toter einen künstlichen Menschen erschuf.

Ich sollte mit dem Entwicklungschef reden

Am spannendsten wird es für mich als Herzkranken aber im Lager von 3B Scientific. Dort stehen auch Herzmodelle: das Klassikherz in Originalgröße, die didaktisch wertvolle Ausführung zweifach vergrößert, Muster zum Auseinanderbauen aus zwei, drei oder mehr Teilen, wahlweise mit Luft- und Speiseröhre oder Zwerchfell. Es gibt selbst Herzen mit operierten Bypässen beziehungsweise gesundheitlichen Schäden, die hoher Blutdruck verursacht.

Meinen angeborenen Herzfehler, ein Loch in der Herzscheidewand zwischen dem linken und rechten Vorhof, findet sich leider nicht. Ich sollte dringend mit dem Entwicklungschef reden. Dafür existiert ein Kunststoffherz mit sichtbar gemachtem Reizleitungssystem, sehr interessant für jemanden wie mich, den regelmäßig schwere Herzrhythmusstörungen quälen.

Ich nehme eines der Herzen in meine Hände: Genauso sieht das Organ in meinem Brustkorb aus, schon faszinierend. Ich kann einen Blick in die einzelnen Kammern werfen, die Herzklappen betrachten, sehe Venen und Arterien, die Aorta. Es ist perfekt, es ist schön.

Nur mein Herz, das echte, das in mir jede Sekunde pumpt, das ist krank, angeschlagen, anfällig. Es zwingt mich immer wieder zu Ärzten, in Kliniken, auf Operationstische.

Ein spannender Gedanke

Meine Vision: Ob es in Zukunft möglich sein wird, Organe zu schaffen, nicht aus Kunststoff wie bei 3B Scientific, sondern aus Fleisch und Blut? Ein eigenes, überlebensnotwendiges Organ für sich im Labor nachwachsen lassen?

Viel wird über Gentechnik und Zellforschung und deren Chancen diskutiert. Die Romanfigur Frankenstein warnt seine Leser im Blick zurück davor, Gott zu spielen und lebendige Materie zu schaffen. Doch niemand weiß, was der Medizin in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren möglich sein wird.

Hätten Sie vor 100 Jahren jemandem erklärt, dass man einem Menschen den Brustkorb aufsägt, sein Herz aufschneidet, seine fehlerhafte Herzscheidewand flickt, und den armen Tropf anschließend wieder zusammennäht, hätte man Sie für verrückt erklärt.

Hätten Sie zudem darauf bestanden, dass das Herz des Patienten bei diesem Abenteuer rund 20 Minuten gar nicht schlägt, Sie wären Gefahr gelaufen, augenblicklich weggesperrt zu werden. Bei mir hat man genau all das gemacht - und nur deshalb lebe ich noch, seit über zwei Jahrzehnten.

Ein neues eigenes Herz, gezüchtet aus meinen eigenen Zellen, mit meinen eigenen Genen, sozusagen ein Originalersatzteil - ein sehr spannender Gedanke.

Ich lege das Plastikherz zurück ins Regal.

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