Mohrs Herzschlag Eine Herz-OP, die mir keine Heilung bringt

Er hat sich einer lebensgefährlichen Operation unterzogen: SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr ließ sich mit Stromschlägen Gewebe im Herzen zerstören. Gravierende Rhythmusstörungen sollten so gestoppt werden. Doch nach dem Eingriff kommt der große Tiefschlag.


Der erste Augenblick, den ich nach der Operation wahrnehme: Ich liege noch auf dem OP-Tisch, jemand spannt mit großer Kraft einen Verband über meine rechte Leiste, es brennt. Nach einer Sekunde - alles wieder dunkel.

In meinem Zimmer komme ich zu mir. Nach wenigen Minuten kann ich es spüren: Mein Herz schlägt regelmäßig, keine Extraschläge, keine Herzrhythmusstörungen. Mein Herzschlag fühlt sich gut an. Ich bin noch sehr müde.

Vor wenigen Stunden sind Kardiologen der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg mit mehreren Kathetern in mein Herz vorgestoßen, von meinen beiden Leisten und der linken oberen Brustseite aus. In meinen Herzkammern haben die Mediziner mittels Hochfrequenzstrom Gewebe zerstört. Ziel dieser sogenannten Ablation: meine Herzrhythmusstörungen zu eliminieren.

Der Stationsarzt kommt. "Wie fühlen Sie sich?", fragt er und schaut mich erwartungsvoll an. Ich weiß es nicht. "Es geht", antworte ich.

Auf meinen beiden Leisten sind große, schwere Druckverbände angebracht. Dort, wo die Katheter in mich eingeführt wurden, sollen Nachblutungen verhindert werden. 18 Stunden, bis zum nächsten Morgen, muss ich ruhig liegen, mich nach Möglichkeit nicht bewegen.

"Der Eingriff ist gut gelaufen", berichtet der Arzt. Meine Extrasystolen, Schläge des Herzens zum falschen Zeitpunkt, seien erfolgreich abladiert worden. Aber: Meine atriale Tachykardie und mein Vorhofflimmern, zwei weitere Rhythmusstörungen, die mein Herz und mich quälen, seien bei der Operation nicht behandelt worden.

Meine Enttäuschung ist riesig, mich ergreift eine tiefe Trauer

Es trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht: Von meinen drei Herzrhythmusstörungen ist nur eine weg, zwei trage ich weiter in mir! Ich rufe meine Frau an.

Mein Herz schlägt jetzt zwar viel besser als vor dem Eingriff, regelmäßig. Der Bigeminus, ein Rhythmus, bei dem jeder zweite Schlag zu früh kommt, ist verschwunden. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn das Herz nach Monaten wieder weitgehend normal schlägt. Das Beste daran: Ich liege im Bett und spüre meine Pumpe kaum. Noch heute Morgen hat mich fast jeder Schlag irre gemacht. Die Ruhe in meinem Inneren tut unendlich gut.

Aber die nicht behandelten Störungen werden als Attacken wie aus dem Nichts wieder angreifen, ich muss weiter mit einem chaotischen, gefährlichen Herzschlag leben. Ich bin nicht gesund, nicht geheilt, ich bin weiter schwer herzkrank. Meine Enttäuschung ist riesig, mich ergreift eine tiefe Trauer.

Spät am Abend besucht mich meine Frau. Wir sind beide erleichtert, dass der Eingriff gut verlaufen ist, und doch ernüchtert, richtige Freude will nicht aufkommen.

Trotz einer Schlaftablette finde ich nur schwer in die Welt der Träume. Immer wieder wache ich auf in dieser Nacht. Mein Rücken schmerzt stark. Die Nachtschwester kennt diese nach solch einem Eingriff häufig auftretende Beschwerde, zweimal gibt sie mir ein Schmerzmittel. Auch ein zusätzliches Kissen lässt mich nicht bequemer liegen.

Es werden neue Anfälle folgen, wieder Klinikaufenthalte

Am nächsten Morgen nimmt eine Pflegerin meine Verbände ab. Alles sieht gut aus. Ich frühstücke am Bettrand, rasiere mich, putze die Zähne, fühle mich wieder als Mensch. Die Rückenschmerzen lassen nach.

Auch ein weiteres EKG belegt, dass mein Herz viel regelmäßiger schlägt als vor dem Eingriff. Ein Mediziner durchleuchtet mein Herz mit Ultraschall, ich werde mehrmals geröntgt, Verletzungen sollen ausgeschlossen werden.

Ich bin den Ärzten dankbar, sie haben eine mich seit Monaten jeden Tag, jede Stunde störende Herzrhythmusstörung verschwinden lassen. Sie haben mir einen Teil meines Lebens zurückgegeben.

Aber ich trage weiter zwei Rhythmusstörungen in meinem Herzen. Es werden neue Anfälle folgen. Ich werde wieder in Notaufnahmen, wieder in Kliniken landen. Vielleicht werde ich eine weitere Operation an meinem Herzen erdulden müssen.

Es fällt mir unsagbar schwer, es zu akzeptieren: Der Kampf geht weiter.

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