Mohrs Herzschlag Einfach mal die Sau rauslassen

Was vermisst der schwer herzkranke SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr am meisten? Ekstase. Körperlich mal wieder so richtig zu explodieren, ganz gleich ob beim Rockkonzert, auf der Laufstrecke - oder beim Schleppen von Getränkekisten.

Fans bei Rockkonzert: Alle in Ekstase
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Fans bei Rockkonzert: Alle in Ekstase


Dröhnende Gitarren, ein treibender Bass, ein pulsierendes Schlagzeug - die Musiker spielen, als wollten sie Tod und Teufel vertreiben. Es ist eines dieser wunderbaren kleinen Rockkonzerte, bei denen Lärm einen fühlen lässt, wie unglaublich lebendig man ist. In der Halle ist es heiß und stickig, die Zuschauer wogen vor der Bühne hin und her, hüpfen, schreien, klatschen, pfeifen.

Alle sind in Ekstase. Nur einer nicht - ich. Ich stehe am Rand, im Abseits. Ich darf nicht toben, muss mich schonen, darf auf keinen Fall die Kontrolle über mich verlieren.

Immer wieder fragen mich Menschen, die von meinem schwer kranken Herzen wissen: Was fehlt dir im Alltag am meisten? Was vermisst du, bedingt durch deine defekte Blutpumpe, besonders?

Bei einem mitreißenden Rockkonzert nicht mittendrin sein zu können, am Eingang verharren zu müssen, dort wo es ruhiger ist, von wo ich im Notfall schnell nach draußen komme - das nervt mich ungemein.

Mich peinigt, dass ich meinen Körper nicht ausreizen darf, dass ich nicht auf volle Leistung gehen kann, dass ich körperlich nicht die Sau rauslassen darf. Meine Krankheit will mir die Freude am eigenen Fleisch und Blut nehmen.

Das Herz, chemisch gedrosselt

Beim Joggen auf den letzten 500 Metern noch einmal richtig Tempo machen, bis man am Ende kaum mehr stehen kann - darf ich nicht. Mit einer Horde Kinder im Park Fangen spielen bis zum Umfallen - soll ich nicht. Beim Straßenfest schnell mal einen Getränke-Lkw entladen helfen - kann ich nicht. Bei einem Konzert Toben bis zum Umfallen - nein, auf keinen Fall. Ich muss immer Rücksicht nehmen auf mich selbst - oh, wie ich das hasse!

Die Lust an purer Kraft und Körperlichkeit, 100 Prozent Einsatz bringen, sich wilder Energie hingeben: Für mein Herz ist das gefährlich - und auch gar nicht möglich. Denn mein Puls kann, bedingt durch meine Medikamente, nur auf rund 90 Schläge pro Minute steigen. Mehr Leistung, mehr Tempo ist nicht drin. Mein Herz ist, so kann man sagen, chemisch gedrosselt.

Aber auch die Angst hemmt mich. Die Furcht ist mächtig, ich könnte eine Attacke meiner ärgerlichen Herzrhythmusstörungen auslösen, wenn ich mich zu sehr anstrenge oder ruckartig belaste. Deshalb bewege ich mich stets kontrolliert, lebe in einer Art Alarmmodus, laufe in Hab-Acht-Haltung durch die Welt.

Denn attackieren mich meine Herzrhythmusstörungen, helfen meist keine Medikamente mehr. Dann heißt es ab in die Klinik. Oft können nur noch Elektroschocks mein Herz überzeugen, wieder in einem normalen Rhythmus zu schlagen.

Fahrrad fahren, joggen, wandern, schwimmen - aber nur zurückhaltend

Dabei soll ich mich durchaus sportlich betätigen, sagt der Kardiologe meines Vertrauens. Auch meinem kranken Herzen hilft Bewegung, nur auf dem Sofa zu kleben, schwächt jedes Herz. Ich darf Fahrrad fahren, joggen, wandern, schwimmen - aber gefälligst dezent, zurückhaltend bitte. Sich selber nur nicht von der Leine lassen!

Halb so schlimm, werden nun viele sagen. Mit solch einer Einschränkung kann man doch gut leben. Stimmt. Wäre meine gezügelte Lebenskraft mein einziges Problem mit meinem Herzen, gebe es da nicht Lebensgefahren, ich würde jubilieren. Für mich gilt beim Sport eben das olympische Motto "Dabei sein ist alles", auch wenn ich nur hinterherzuckle.

Ab und zu aber sehne ich mich danach, meinen Körper vor Energie beben zu lassen, jeden einzelnen meiner Knochen zu spüren, mit jeder Faser zu brennen, wie eine Bombe zu explodieren. Denn das ist wunderbar, ich kann mich noch erinnern, damals vor vielen Jahren.

Deshalb genießen Sie Ihre Kraft, so lange Sie gesund sind. Verausgaben Sie sich, bis es wehtut! Spätestens wenn Sie das nicht mehr können, werden Sie es vermissen. Seien Sie wild, seien Sie lebendig!

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albert schulz 01.03.2011
1. Armer Kerl, und dann noch Exhibitonist
Tapfer junger Mann. Schmutzige Wäsche waschen im Angesicht des Todes. Alle Heldentaten seit Leipzigeinundleipzig herunterzubeten ist allerdings mehr eine Altmännerbeschäftigung. Weißt Du noch ? Fickverbot mit 24 Jahren ist natürlich hart. Armer Kerl. Später wird es aber nicht wirklich besser. Irgendwann trifft es jeden. Nichts mit "beim Orgasmus von der Frau runterfallen" und glücklich verenden. Bis zu Letzterem ist eine lange äußerst trostlose Zeit zu überwinden, und wenn man zuviel säuft, wird man sogar hilfsbedürftig. Eine grauenvolle Vorstellung. Bei dem guten Mohr bekommt man allerdings den Eindruck, als wäre seine Frau (oder eher Mutter) die ewige Jammerei satt und daher wäre er zum Spiegel, wo es da für das Herumnölen richtigen Zaster gibt. Mit dem Geld kann man sich zumindest eine stärkende Massage bis 90 Umdrehungen pro Minute leisten.
gugugy 01.03.2011
2. "So lange Sie noch gesund sind..."
Ich kann Ihnen versichern, dass Sie vergleichsweise noch gut dran sind. Es gibt andere Herzpatienten, deren Körper empfindlich und unvorhersehbar auf Chemikalien reagiert, und dazu zählen Medikamente und auch Betäubungsmittel wie sie für OPs, zum Beispiel dem Setzen eines Stents, genutzt werden. Jene Patienten vertragen weder Betablocker noch Diazepam, wobei letzteres unter dem Markennamen "Valium" zur Notfallroutine von Rettungswagen-Sanitätern bei Verdacht auf Herzinfarkt zählt. Jene Patienten sterben dann mit einem Herzstillstand, verursacht durch die Sedierung mittels Diazepam. Und warum? Weil die verabreichte Dosis, bemessen für einen gesunden Erwachsenen, für sie, die chemisch verletzt und häufig am Arbeitsplatz (oder durch Wohngifte wie Holzschutzmittel) sensibilisiert wurden, für sie zu hoch ist. Und Betablocker u.ä. sind bekannt dafür, dass sie Patienten in die Demenz schieben. Erfreuen Sie sich also an den Medikamenten, so lange sie noch glauben zu leben und klar zu denken.
rouku 01.03.2011
3. Sehr ansprechender Blog
Vielen Dank dafür. Zwar bin ich etwas anders gehandicapt(Multiple Sklerose), doch genau dieses Gefühl der Ekstase vermisse ich auch. Viel Kraft wünsche ich Ihnen Herr Mohr.
crowjoke 01.03.2011
4. zynismus....
....ist auch eine Krankheit. wie schlimm diese ist, kann man an den Kommentaren von @albertschulz und @gugugy ersehen. Ich selbst leide zwar "nur" an einem durchaus schwer verlaufenden Asthma bronchiale, kann Ihr Begehr aber sehr gut verstehen. Zu wollen, was andere scheinbar einfach so können ist immer der Wunsch des (in diesem Fall gesundheitlich) Bedürftigen. Aber trotzdem glaube ich, dass es Menschen wie uns (auch an Sie, lieber @rouku!) besser ergeht als solchen zynikern, deren scheinbar einzige restenergie darin besteht, sich über Lebenszeichen anderer Menschen zu ergehen. In diesem Sinne, bis zum nächsten Herzschlag!
karmamarga 02.03.2011
5. Liebes Kind, lass Dir mal in den Mund schauen.
Zitat von sysopWas vermisst der schwer herzkranke SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr am meisten? Ekstase. Körperlich mal wieder so richtig zu explodieren, ganz gleich ob beim Rockkonzert, auf der Laufstrecke - oder beim Schleppen von Getränke-Kisten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,748250,00.html
Nicht von Frau Dr. Trallala sondern von einem Menschen, der von Zusammenhängen etwas versteht. Ist die körperliche Ursache entfernt, zum Beispiel eine verdeckte Ostidis des Kiefers oder mehrere Kiefer-Ostitiden oder ein unsauber entfernter Zahn, was dann auch in diese Richtung geht, kann sich das alles ganz schnell bessern. Sind Metalle oder Chemikalienexposition im Spiel, dann sollte die Quelle beseitigt werden. Bei den Zahnmetallen in den Legierungen ist das Palladium der Affe aller Erkrankungen und das Herz meist vorne dran. Vor allem wenn noch ein Held Amalgam daneben gelegt hat. Elektrische Reihe ist zwar Physik der Mittelstufe, aber einen Zahnarzt braucht das nicht zu scheren. Alles sicher eben durch medizinisch-wissenschaftlich abgesichertes Wissen. Und dann muss man schauen. Dann wird es meist diätisch sehr dünn, wenn die Exposition schon längere Zeit besteht. Also, auf die Socken machen und schauen. Und lernen, auf den eigenen Füssen zu stehen. Denn niemand anderes kann auf den eigenen Füssen laufen als man selbst. So ist das eben mal. Die beste Pädagogik ist die, die den Lernenden selber finden lässt, wonach gesucht wird. Adorno.
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